Faszination Fremdsprachen – Wie beeinflussen sie unser Gehirn? - wissenschaft.de
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Gesundheit+Medizin

Faszination Fremdsprachen – Wie beeinflussen sie unser Gehirn?

Multiethnische Gruppe von Sprachstudenten
(Foto: Christopher Futcher)
Warum sind Fremdsprachen für den Menschen so wichtig? Während der Fokus dieser Konversation oft auf Karrierevorteilen liegt, sind sich viele Menschen nicht bewusst, dass das Erlernen einer Fremdsprache auch gravierende Auswirkungen auf den menschlichen Körper hat. Regelmäßig eine zweite oder sogar dritte Sprache zu sprechen ist vergleichbar mit dem Effekt, den Krafttraining auf die Muskeln hat. Das Gehirn wird gestärkt für schwierige Aufgaben, erledigt leichter die banalen Dinge des Alltags und wappnet sich für die Zeit, in der die geistige Fitness altersbedingt nachlässt. Doch wie genau profitiert das menschliche Gehirn vom Lernen einer Fremdsprache?

Das Gehirn kann auf vielfältige Art und Weise trainiert werden. Ein Musikinstrument zu lernen oder Matheaufgaben zu lösen sind jeweils förderliche Übungen für die grauen Zellen. Die beliebteste Option ist jedoch das Erlernen einer Fremdsprache. So lernen Kinder heute bereits im jungen Alter Englisch in der Schule, um den größtmöglichen positiven Effekt zu erhalten. Aber auch Erwachsene können durch das Sprachenlernen noch von verbesserten kognitiven Funktionen profitieren.

Allerdings sollte man sich regelmäßig damit auseinandersetzen, um die langfristigen Vorteile eines solchen Gehirntrainings zu spüren. Oft entscheiden Sprachlerner daher, sich auf Sprachreisen im Ausland für einige Zeit Tag und Nacht mit der Sprache zu umgeben, und sich so den Start in den Lernprozess zu erleichtern.

Max-Planck-Forscher aus den Niederlanden haben herausgefunden, dass beim Erlernen einer neuen Fremdsprache die gleichen Hirnregionen aktiv sind wie bei der Anwendung der Muttersprache. Wenn neue Grammatik und unbekannte Wort- oder Satzstellungen geübt werden, sind die Sprachregionen des Gehirns aber deutlich aktiver, als wenn es auf altbekannte Strukturen zurückgreifen kann. Kurz: Wer sich der Herausforderung Fremdsprache stellt und die Hirnmuskeln auf einem Aufenthalt im Ausland täglich herausfordert, verzeichnet bessere Ergebnisse und damit auch langfristig anhaltende Wirkung.

In alte Muster zu verfallen ist beim Lernprozess wahrscheinlicher, wenn die Fremdsprache durch Reize aus der eigenen vertrauten Kultur blockiert wird. Gerade deshalb ist es sinnvoll, sich im Ausland eine längere Zeit mit der Kultur und der Sprache zu umgeben. So arbeitet das Gehirn in jeder wachen Minute intensiv, um neue Vokabeln und Grammatik aufzunehmen und das Sprachzentrum auszubauen.

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Das Gehirn auf diese Art und Weise zu trainieren hilft auch beim Ausbau anderer Fähigkeiten. Die Universität von Chicago hat beispielsweise herausgefunden, dass bilinguale Menschen eher auf ihre eigenen Entscheidungen und Urteile vertrauen, wenn sie in der zweiten Sprache noch einmal durchdacht wurden. Im Zeitalter der Informationsüberflutung kann man sich dies zu nutzen machen – Personen, die mehr als nur eine Sprache sprechen, nehmen ihre Umgebung schließlich deutlich aufmerksamer wahr. So gelingt es ihnen, unwichtige Mitteilungen effizient herauszufiltern und irreführende Informationen schneller zu bemerken.

Im Alltag profitiert man nicht nur von einem verbesserten Filter, den das durch Fremdsprachen kräftigere Gehirn zur Verfügung stellt. Auch das Erinnerungsvermögen wird gestärkt: Sprecher zweier oder mehrerer Sprachen können sich leichter Einkaufslisten, die Namen neuer Bekanntschaften oder neue Wege in einer ungewohnten Umgebung merken. Hinzu kommt, dass der abrupte Wechsel zwischen der eigenen Muttersprache und der Fremdsprache die Fähigkeit trainiert, das gleiche auch zwischen anderen Aktivitäten zu tun. Das im Alltag so beliebte „Multi-Tasking“ ist weitaus effektiver und weniger stressig, wenn das Gehirn diese raschen Übergänge aus dem Bereich der Bilingualität gewohnt ist.

Ein nicht zu unterschätzender Aspekt ist bei der Mehrsprachigkeit die Auswirkung auf die Gesundheit. Es gilt als erwiesen, dass Alterserscheinungen des Gehirns in Form von Demenzerkrankungen unter Umständen um einige Jahre verzögert werden, wenn die Person neben ihrer Muttersprache eine weitere Sprache flüssig beherrscht. Forscher haben sogar festgestellt, dass bilinguale Menschen sich nach einem Schlaganfall besser erholen und ihr Gehirn weniger Schaden davonträgt. Laut der durchgeführten Studie sind einsprachige Personen im Anschluss fast 30% häufiger von vaskulärer Demenz und leichter kognitiver Beeinträchtigung betroffen als Zweisprachige. Während bei 40,5% der Bilingualen nach einem Hirnschlag sogar normale kognitive Funktionen verzeichnet wurden, war dies nur bei knapp 20% der einsprachigen Patienten der Fall. Die daraus gewonnene Erkenntnis ist, dass durch die Fremdsprachigkeit geistige Reserven aufgebaut werden, die nach Eintritt eines Schlaganfalls zur Hilfe kommen können.

Unter Experten ist es häufig umstritten, wann mit dem Erlernen einer Fremdsprache begonnen werden sollte. Worüber mittlerweile aber Einigkeit herrscht, ist, dass der Ausbau von Fremdsprachenkenntnissen sowohl im jungen als auch im fortgeschrittenen Alter die kognitiven Fähigkeiten unseres Gehirns stärkt. Mit regelmäßiger Übung wie beim Eintauchen in die Sprache auf einem Auslandsaufenthalt trainiert man den Hirnmuskel dahingehend, dass er alltägliche Situationen erleichtert und besser vor schwerwiegenden Krankheiten geschützt ist.

07.10.2019

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