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Gesundheit+Medizin

Feinstaub gelangt bis in die Plazenta

Kind im Mutterleib
Über die Plazenta können ungeborene Kinder offenbar in Kontakt mit Feinstaub geraten. (Bild: 7activestudio/ istock)

Die Plazenta bildet eine wichtige Schnittstelle zwischen Mutter und Kind: Über sie wird das Ungeborene mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt und gleichzeitig von schädlichen Einflüssen durch Krankheitserreger abgeschirmt. Doch offenbar steckt im Mutterkuchen auch eine potenzielle Gefahr: Forscher haben in diesem Gewebe Rußpartikel aus der Luft nachgewiesen. Der Feinstaub gelangt über die Blutbahn bis zur kindszugewandten Seite der Plazenta – und könnte das Ungeborene direkt belasten. Die Ergebnisse bestätigen damit einen möglichen Mechanismus, über den Luftverschmutzung zu Gesundheitsschäden bei Kindern im Mutterleib führen kann.

Feinstaub aus Ruß und anderen Partikeln ist längst ein weltweites Gesundheitsproblem: Studien belegen, dass die Teilchen aus der Luft in Lunge und Blutbahn gelangen können und dadurch unter anderem das Risiko für Atemwegserkrankungen, Herz-Kreislauf-Leiden und Krebs erhöhen. Sogar ungeborene Kinder im Mutterleib scheinen durch diese Belastung beeinträchtigt zu werden. Sie werden oft zu früh oder mit einem geringen Geburtsgewicht geboren und leiden später häufiger an Atemwegsproblemen. Wie genau sich diese Effekte erklären lassen, ist bisher jedoch erst in Teilen verstanden: Wird der Fötus durch die mütterliche Feinstaubbelastung indirekt in Mitleidenschaft gezogen oder dringen die Schadstoffe aus der Luft womöglich bis zu ihm selbst vor?

Rußpartikel im Mutterkuchen

Schon im vergangenen Jahr fanden Mediziner Hinweise darauf, dass Luftschadstoffe tatsächlich in die Plazenta von Schwangeren gelangen können – und damit theoretisch auch in das Ungeborene. Einen weiteren Beleg dafür liefern nun Hanneloré Bové von der Universität Hasselt in Belgien und ihre Kollegen: Sie haben Kohlenstoffpartikel in der kindszugewandten Seite des Mutterkuchens nachgewiesen. Für ihre Studie untersuchten die Forscher die Plazenta von insgesamt 28 frischgebackenen Müttern – fünf hatten ihr Kind zu früh, 23 zum errechneten Geburtstermin auf die Welt gebracht. Die Ergebnisse offenbarten: In allen analysierten Geweben fanden sich Rußpartikel, die zum Beispiel durch Verbrennungsmotoren entstehen.

Je stärker die Luftverschmutzung am Wohnort der Mutter war, desto höher war dabei die Menge der Kohlenstoffteilchen in der Plazenta. So zeigte der Vergleich von jeweils zehn Proben aus sehr stark (2,42 Mikrogramm pro Kubikmeter) und sehr gering (0,63 Mikrogramm pro Kubikmeter) mit Ruß belasteten Gebieten: Bei niedriger Belastung betrug die Rußmenge im Schnitt 0.95 × 104 Partikel pro Kubikmillimeter, bei hoher dagegen 2,09 × 104. „Unsere Ergebnisse liefern einen eindeutigen Beweis für die Anreicherung von Luftschadstoffen in menschlichen Plazenten und legen eine direkte Belastung des Kindes mit diesen Partikeln in der empfindlichsten Phase seines Lebens nahe“, konstatiert Bovés Team.

„Potenzielles Risiko“

Nach Ansicht der Wissenschaftler könnten die neuen Befunde erklären helfen, warum die Belastung mit „dicker Luft“ während der Schwangerschaft zu den bekannten negativen Effekten beim Kind führt. Wie genau Ruß und andere Partikel in der Plazenta und damit auf das Ungeborene wirken, ist zwar noch weitestgehend unklar. In einem begleitenden Übersichtsartikel im Fachmagazin „Clinical Epigenetics“ erläutert ein Autorenteam um Nelly Saenen von der Universität Hasselt jedoch einige denkbare Erklärungsansätze. Demnach gibt es beispielsweise Hinweise darauf, dass Luftschadstoffe im Mutterkuchen epigenetische Veränderungen herbeiführen können.

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Um mehr über die zugrundeliegenden Mechanismen herauszufinden, ist in Zukunft weitere Forschung nötig. „Die Studie zeigt ein potenzielles Risiko auf, dass man genauer untersuchen sollte“, kommentiert der nicht an der Studie beteiligte Torsten Plösch von der Universitätsfrauenklinik in Groningen. Weil Schwangere in der Regel mehr als einem Luftschadstoff ausgesetzt sind, könne die aktuelle Untersuchung zwar nicht beweisen, dass die gefundenen Kohlenstoffpartikel ursächlich für negative Folgen sind. „Es ist aber mindestens zu vermuten, dass es ein weiterer Faktor in der langen Reihe von Schadstoffen ist, die wir in der Schwangerschaft vermeiden sollten“, schließt der Mediziner.

Quelle: Hanneloré Bové (Universität Hasselt, Belgien) et al., Nature Communications, doi: 10.1038/s41467-019-11654-3

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