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Florian Holsboer

Bereits als künftiger Star-Chemiker gefeiert, brach Florian Holsboer diese Karriere ab und wurde Mediziner. Inzwischen gehört er in der Psychiatrie zu den besten Köpfen weitweit.

Sechzig Jahre ist Florian Holsboer, Direktor des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München, im Mai geworden. Jünger wirkt er und tatkräftig, als er schnellen Schritts durch das Institut führt. Er scheint die Verkörperung eines Slogans zu sein, den er häufig benutzt: „Wir wollen alle jung sterben, aber das möglichst spät.“ Dieser Satz, so sagt er, beschreibe sehr schön die Herausforderung an die heutige Medizin.

Seit 1990 leitet Holsboer das Institut. Acht, neun Jahre möchte er noch weitermachen. Er hält nichts von formalen Altersgrenzen. Ohnehin müsse man sich in Deutschland auf eine längere Lebensarbeitszeit einstellen. „Wie kann man von einem vor Kraft strotzenden Handwerker verlangen, dass er sich in Zukunft mit Golfspielen zufrieden gibt, nur weil er 63 Jahre alt ist.“ Der Professor hat nicht nur Forschung im Kopf, er hat auch gesellschaftspolitische Vorstellungen und äußert sie dezidiert.

Holsboer ist alleiniger Direktor des Instituts für Psychiatrie – ein seltener Fall bei der Max-Planck-Gesellschaft. Der Grund: Er ist auch für eine Klinik mit 150 Betten verantwortlich, und dafür lässt sich die Verantwortung nicht auf mehrere Direktoren aufteilen. Hier werden jährlich etwa 1200 Patienten stationär und 5000 ambulant behandelt. Die hervorragend ausgestattete Klinik genießt in Diagnose und Therapie einen ausgezeichneten Ruf. „Die meisten Patienten aus der Region versuchen zunächst einmal, zu uns zu kommen“, sagt Holsboer. Zu den bekanntesten Patienten gehört Fußballnationalspieler Sebastian Deisler, der dort im vergangenen Jahr seine Depression behandeln ließ.

Der Rundgang ist gut organisiert, die Atmosphäre im Institut entspannt. Der Chef erfährt freundlichen Respekt. In einem Labor treffen wir auf Carsten Wotjak, ein junger Wissenschaftler, der die Arbeitsgruppe „Neuronale Plastizität“ leitet. Holsboer stellt ihn als kommenden Star der Forschung vor. Solch ein Lob motiviert, findet Wotjak. Seine Gruppe erforscht, was chemisch-genetisch im Gehirn von Mäusen vor sich geht, wenn die Tiere sich an Stress-Situationen anpassen. Die Gruppe arbeitet selbstständig. „Der Chef kann die Zügel eng halten“, sagt der Jungforscher, „aber wenn’s läuft, haben wir viel Freiheit.“

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Der Sechzigjährige durchstreift häufig die Abteilungen des Instituts. „Management by walking and talking“, nennt das Isabella Heuser. Sie hat bei ihm in Mainz als Assistenzärztin begonnen, viele Jahre am Münchner Institut gearbeitet und ist heute Direktorin der Psychiatrischen Klinik der Berliner Charité. „Früher habe ich den Chef manchmal verflucht – wenn er plötzlich um 19 Uhr ins Zimmer kam, sich breit machte und anfing zu philosophieren.“ Aber die ungefragten Besuche hätten durchaus ihre guten Seiten gehabt. „Die Gespräche mit ihm waren enorm stimulierend, voller guter Ideen und, wenn man unter vier Augen war, konnte man auch Kritik üben.“

Zur Klinik geht es durch einen modern großzügigen Labortrakt, erbaut kurz vor der Wende. „Zum Glück“, meint Holsboer. Denn es sei für viele Jahre der letzte Neubau der Max-Planck-Gesellschaft im Westen Deutschlands gewesen. Zum neuen Gebäude gehört ein außergewöhnlich schöner Hörsaal von fast frivoler Leichtigkeit. Der Architekt hat ihn nach den Vorstellungen des Psychiaters entworfen. Die Farbgebung – türkis und hellgrau – geht ebenfalls auf ihn zurück. Man findet sie überall im Institut. Es sind die Farben der Max-Planck-Gesellschaft – „Corporate Design“, freut sich der Direktor.

Auch sonst offenbart sich seine künstlerische Ader. In seinem Büro hängen Originale zeitgenössischer Maler. Im Foyer findet gerade eine Ausstellung zweier Wiener Maler statt. „Unser Kunstforum“, kommentiert Holsboer. Elf Künstler haben bereits ausgestellt. Seinen Hang zur Kunst verdankt er den Eltern: Der Vater war Theaterintendant und Schauspieler, die Mutter Schauspielerin. Ein Karriere als Akademiker schien fern zu liegen, als Florian 1945 in München geboren wurde. Er besuchte die Volksschule, mit 110 Schülern in der Klasse(!), danach das renommierte Luitpold-Gymnasium am Englischen Garten. Latein belastete ihn, Naturwissenschaften liebte er. Vor allem Chemie. „ Chemie war meine Leidenschaft“, sagt er. Im Keller des Elternhauses richtete sich der Schüler ein Labor ein, „das ich zum Glück überlebte“. Denn hier suchte er chemische Lösungen für Alltagsprobleme, etwa die Vernichtung von Maulwürfen mittels eines schweren Giftgases, das nach unten sinken konnte.

Seine einseitigen schulischen Leistungen reichten, um an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität den Numerus Clausus für Chemie zu schaffen. „Der Stoff lief in mich hinein wie Limonade“, erklärt er mit charmanter Unbescheidenheit: „Immer nur Einser, Diplom mit 1,0, Promotion mit summa cum laude.“ Summa cum laude – das habe es damals nur alle paar Jahre gegeben. Seinen ersten Artikel publizierte er, als er noch kein Diplom hatte. Er wird noch heute, nach 35 Jahren, zitiert. „Nicht schlecht, oder?“ Er wurde Assistent – vor ihm lag eine glänzende Karriere als Chemiker. Sein damaliger Professor drängte ihn zur Habilitation. Doch zu dessen Entsetzen entschloss sich sein Assistent 1972, ein ganz anderes Studium zu beginnen: „Ich suchte ein Gebiet, wo mir die Fragestellungen niemals ausgehen würden“, erinnert sich Holsboer. „Das hoffte ich in der Chemie des menschlichen Gehirns zu finden.“

Also studierte er Medizin in München, blieb aber gleichzeitig Assistent in der Chemie. Er ging zunächst in die Kinderheilkunde, bei der ihn der entwicklungsbiologische Aspekt faszinierte, und promovierte über ein genetisches Thema, wechselte dann zur Psychiatrie und befasste sich mit Hirnerkrankungen. Sein Staatsexamen machte er mit 34. „Schon nicht mehr so jung“, meint Holsboer. Fünf Jahre später habilitierte er sich an der Universität Mainz und weitere drei Jahre später, 1987, wurde er Ordinarius in Freiburg.

Es war eine schnelle zweite Karriere, misstrauisch beäugt von vielen Kollegen aus Psychiatrie und Psychologie. Für sie war Holsboer „der Chemiker auf dem Lehrstuhl für Psychiatrie“, wie die Badische Zeitung schrieb. In der Tat, seine Auffassung von Psychiatrie verstörte. „Gefühle sind letztlich molekularbiologische Veränderungen in den Nervenzellen“, lautete Holsboers Ansatz. Und diese molekularbiologischen Veränderungen wollte er verstehen. „Ich interessiere mich für Neuronen“, hielt er einem Kritiker entgegen, „Psychonen gibt es nicht!“

Die gängige Psychoanalyse verwarf der biologische Psychiater – so damals die Fachbezeichnung – schon bald. „Als ich mich mit der Tiefenpsychologie auseinander setzte, war mein erster Eindruck: Ein fein ausgedachtes Konstrukt. Alles ist entweder Abwehr oder Übertragung.“ Aber es habe sich nichts wirklich festmachen lassen – „als ob man Spaghetti an die Wand nageln wolle“. Seitdem ist er ein Verfechter der Verhaltenstherapie. Holsboer war ein Neuerer, einer, der den Denkstil in der Psychiatrie veränderte. In Freiburg schon galt er als „Change Monster“. Einer seiner Vorteile war, dass er als Chemiker, der die Chemie des Gehirns verstehen wollte, mit einer anderen Sicht an das Fach herangehen konnte. Und er hatte noch ein zweites Plus: „Mein elterliches Umfeld war künstlerisch, nicht akademisch“, erklärt Holsboer die Unbeschwertheit, mit der er heilige Kühe schlachtete. „Ich war akademisch ungebildet und wusste gar nicht, was ich dem System antat.“

Sein Stil machte ihn bekannt. Man bot ihm Lehrstühle in New York und Zürich an. 1988 meldete sich die Max-Planck-Gesellschaft, die einen Nachfolger für das Münchner Institut für Psychiatrie suchte. Der Auswahlprozess zog sich lange hin. Die Mitbewerber waren gestandene, erfolgreiche Psychiater, teils aus dem Ausland. „Es ging wirklich um zwei verschiedene Ansätze“, sagt Holsboer. Die Gesellschaft entschied sich schließlich, nach fast zwei Jahren, für den Neuerer. „Die Max-Planck-Gesellschaft ist ein Glücksfall für Deutschland“, lobt er, wenn man ihn auf seinen jetzigen Arbeitgeber anspricht. Hier habe er die ihm „absolut adäquate Forschungsheimat“ gefunden und seine Vision von klinischer Forschung umsetzen können. Denn die Max-Planck-Gesellschaft gibt einem Direktor ein großes Maß an Freiheit. Er darf die Forschungsrichtung bestimmen und die Mitarbeiter auswählen.

Doch der Start sei nicht einfach gewesen. Der Betriebsrat stemmte sich gegen den Wandel. Es gab zu viele verschiedene Forschungsprojekte, die nichts miteinander zu tun hatten: Durch ein fehlendes Management forschte jeder auf seiner „ Kleinkunstbühne“ vor sich hin. Durch Holsboer wandelte sich nicht nur die Forschungsrichtung, sondern auch das Personal am Institut. Vor allem ältere Wissenschaftler seien gegangen, sagt Matthias Weber, damals junger Assistenzarzt, heute geschäftsführender Oberarzt der Klinik. Die jüngeren, wie er, seien geblieben. Inzwischen hat sich die Zahl der Mitarbeiter auf 600 verdoppelt. Etwa 130 davon sind Wissenschaftler. Dazu kommen pro Jahr an die 100 Gastwissenschaftler. Die Hälfte der Forscher stammt aus dem Ausland.

Und, was den Direktor besonders freut, sein Institut hat von allen Max-Planck-Instituten den größten Frauenanteil unter den Wissenschaftlern. Ihm gefällt auch, dass das Institut heute von der Muttergesellschaft nicht mehr Geld erhält als früher – etwa zehn Millionen Euro pro Jahr, ein Drittel des Budgets. Die übrigen zwei Drittel werden selbst verdient. „Finanz-Manager Holsboer“ schaffe wie ein Wilder Geld heran, sagt er über sich selbst: Drittmittel, Gelder von Sponsoren oder Pharmafirmen, Preisgelder.

Pflegesatzverhandlungen für die Klinik, die aus einer neurologischen und vier psychiatrischen Stationen besteht, gehören ebenfalls zu seinen Aufgaben. Doch dem Forscher ist die Klinik keine Last – im Gegenteil: „Ohne Klinik gäbe es keine Forschung“, sagt er. Denn der Weg zur Erkenntnis führe vom Krankenbett ins Labor und zurück. Übersetzt in die heutige Sprache der Wissenschaft nennt das Holsboer „from bed to bench and back“. Dieser Slogan gilt als Markenzeichen des Instituts.

Diese klinische Forschung findet viel Anerkennung – etwa durch Alan Schatzberg, Direktor der Stanford University School of Medicine in Kalifornien. Er sitzt im Beirat, der das Institut alle zwei Jahre evaluiert, und hält „die Art und Weise, wie dort klinische Neurologie und Psychiatrie mit neurowissenschaftlicher Grundlagenforschung verbunden werden, für einzigartig“.

Direktorskollegin Isabella Heuser lobt ihren früheren Lehrer uneingeschränkt: „Solche exzellente klinische Forschung hat es – zumindest in Deutschland – vorher nicht gegeben.“ Dazu gehöre nicht nur, dass die Wissenschaftler immer bestrebt seien, ihre Modelle auf den Menschen zu übertragen. Dazu gehöre auch eine Klinik, in der man Patienten hervorragend behandle. Dann würden sie auch bereitwillig bei Forschungsvorhaben mitmachen. „Eine großartige Leistung“, schwärmt Heuser und fügt hintersinnig hinzu: „Er weiß auch, dass er großartig ist. Das macht manchmal den Umgang mit ihm etwas schwierig.“

Die Münchner Wissenschaftler behandeln und erforschen Schlafstörungen, Multiple Sklerose und Bewegungsstörungen, vor allem aber Depressionen und Angstzustände. Etwa jeder Siebte erkrankt mindestens einmal im Leben an einer schweren Depression. Damit steht dieses Leiden hinter den Herz-Kreislauf-Erkrankungen an zweiter Stelle der weltweiten Krankenstatistik. Holsboer erforscht Depressionen seit über 15 Jahren und ist „ohne Zweifel“ , so Isabella Heuser, „einer der weltbesten Wissenschaftler auf dem Gebiet“.

Mit Gutmenschentum, mit dem Wunsch, das Leid Depressiver zu lindern, habe die Wahl dieses Forschungsgebietes nichts zu tun, betont Holsboer. Ihn habe angezogen, dass sich Depressionen sehr gut biochemisch, nämlich durch eine gestörte Stresshormonregulation des Patienten, beschreiben ließen. „ Schließlich war ich Chemiker. Ich wollte etwas Greifbares haben und messen können“, sagt er. Von der Klinik ins Labor und zurück – diesen Weg hat man bei der Erforschung der Depression in klassischer Weise verfolgt: Die Forscher entschlüsselten zunächst an Patienten, wie die Stresshormone wirken. Im Labor überprüften sie dieses Wissen dann an genetisch veränderten Mäusen.

Es sind so genannte Knock-out-Mäuse, die als Tiermodelle für Krankheiten bei Menschen dienen: Man schaltet im Erbgut der Tiere bestimmte Gene aus („knock out“) und kann dadurch – über mehrere Mausgeneration hinweg – erkennen, welche Gene welche Wirkung hervorrufen.

Das Münchner Institut beherbergt 10 000 solcher Mäuse mit gezielten genetischen Mutationen. Sie zu züchten ist kompliziert und setzt hohes technisches Know-how voraus. „Wir haben dieses Verfahren als Erste in die Psychiatrie eingeführt“, sagt Holsboer. Bei ihrer Suche nach den biologischen Ursachen der Depression konnten die Forscher Mäuse züchten, die kaum noch Angst zeigten. Damit hatten sie im Erbgut der Maus das Gen identifiziert, mit dem sich der Rezeptor für die Stresshormone ausschalten ließ. Anhand des „Mausmodells“ haben die Forscher nun eine Zielstruktur gefunden: Proteine, die einen wichtigen Angriffspunkt für Medikamente bilden. Hat man das Zielprotein gefunden, sucht der Chemiker in einem aufwendigen Verfahren kleine Moleküle, die auf das Protein passen und dessen Funktion verändern. Daraus kann ein Medikament werden.

Genau das ist Holsboers Team gelungen. Ein neuartiges Antidepressivum ist in der Entwicklung, das schneller und gezielter wirken soll als die derzeit gängigen Mittel. Damit ist der Kreis geschlossen: Aus dem Labor geht es mit einem Medikament zurück ans Krankenbett.Was auf dem Papier so einfach klingt, dauert in Wirklichkeit viele Jahre. Häufig arbeitet das Institut dabei mit Pharmaunternehmen zusammen: „Wir liefern die Zielstrukturen, die Industrie die Moleküle“, erklärt der Professor. Nur die Industrie hat die chemischen Bibliotheken mit vielen Millionen Chemikalien, die vollautomatisch mittels Hochdurchsatztechnologie daraufhin untersucht werden, ob sie zur Zielstruktur passen. Gefundene Zielstrukturen lässt sich das Institut patentieren. Der Industriepartner erwirbt eine Lizenz.

Holsboer hat darüber hinaus eine Biotech-Firma gegründet, die mit Venture-Kapital und 20 Mitarbeitern nach passenden Molekülen sucht. Dabei gehe es nicht so sehr ums Geld. „Wir wollen verhindern, dass ein Unternehmen eine Lizenz kauft und sie in die Schublade steckt, um ihre eigenen Produkte zu schützen“, erklärt Holsboer. Die Projekte würden deshalb unter eigener Regie vorangetrieben.

Florian Holsboer ist Forscher, Klinikdirektor, Manager. Und, so sagt er selbst, auch Stilist: „Der Stil des Instituts zielt auf absolute Spitzenqualität bis an das Krankenbett.“ Stil bedeutet: Forschung und täglicher Betrieb müssen „max-planckig“ sein. Dieser elitäre Anspruch, so der Sechzigjährige, gelte nicht nur für die gesamte Gesellschaft, sondern ziehe sich bis hinunter in Arbeitsgruppen und Stationen. „Wenn mir jemand sagt: Aber in der Literatur steht doch … , dann sage ich: Wir sind nicht dazu da, Literatur zu lesen, sondern sie zu schreiben.“

Derartige Aussprüche, freut sich der Chef, werden gerne in der Cafeteria verbreitet. Kein Wunder: Der Institutsdirektor versteht es, griffig und einprägsam zu formulieren. Möglicherweise hätte er auch Karriere als Medien- und Werbemann gemacht.

Holsboers Stil ist erfolgreich. Publikationen des Instituts erscheinen mit schöner Regelmäßigkeit in den renommierten Fachzeitschriften. Der Meister selbst ist der meist zitierte deutsche Neurowissenschaftler. Für Bewerbungen auf andere Positionen, so Oberarzt Matthias Weber, sei das Institut eine sehr gute Empfehlung. In der Tat: 15 Forscher des Instituts – darunter vier Frauen – sitzen inzwischen auf Lehrstühlen in anderen Einrichtungen. Auch Ärzte werden dem Institut weggerissen und gingen als Oberärzte oder Chefärzte an andere Kliniken.

Holsboer führt den Erfolg seiner Arbeit auch darauf zurück, dass er stärker zukunftsorientiert sei als manche Kollegen. „What is the future?“ ist eine seiner Standardfragen. Und so nennen ihn manche Mitarbeiter auch schon mal „Captain Future“.

Was also ist die Zukunft? „Sie liegt in der Verbindung von Psychiatrie und chemischer Genomik“, sagt Holsboer. Mit kleinen chemischen Molekülen in den Genmechanismus einzugreifen und dadurch die Disposition zu einer Krankheit günstig zu beeinflussen – das ist sein Ziel. Neue Zielstrukturen finden, nicht nur für die Reparaturmedizin, sondern vor allem für die Präventivmedizin, sei die Vision des Instituts.

Die neue Medizin müsse verhindern, dass der Mensch überhaupt erkranke. Diagnostik bei Gesunden – dahin werde sich der gesamte Medizinsektor immer stärker bewegen. Das persönliche Genprofil des Patienten spiele dabei eine entscheidende Rolle: Daraus liest der Arzt dessen genetische Veranlagung ab und beugt entsprechend vor. Dabei nutzt er Medikamente, die für den Patienten auf Grundlage von dessen Genprofil maßgeschneidert wurden. Eine stärkere Eigenverantwortung des Einzelnen komme hinzu: „Ihm obliegt die persönliche Sorgfalt im individuellen Lebensstil auf Grundlage der Kenntnis seiner genetischen Disposition“, doziert der Professor. Wir müssten nicht nur die Lebensspanne, sondern auch die Gesundheitsspanne des Einzelnen verlängern, fordert er. „ Das ist eine der großen gesellschaftspolitischen Aufgaben unserer Zeit.“ ■

HEINZ HOREIS ist freier Autor und lebt zwischen den Weinregionen Mosel, Rhein und Nahe. Für bild der wissenschaft porträtierte er unter anderem die Nobelpreisträger Murray Gell-Mann und Francis Crick.

Heinz Horeis

Ohne Titel

• Herkunft: Geboren 1945 in München-Schwabing, aufgewachsen in einem nicht-akademischen Elternhaus. Vater Theaterintendant, Mutter Schauspielerin.

• Karriere: Studium der Chemie in München, anschließend Studium der Medizin. Oberarzt in der Psychiatrischen Klinik der Universität Mainz. Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik Freiburg. Seit 1989 Direktor am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München.

• Stärke: Zählt zu den weltbesten Depressionsforschern, hat neue Standards in der klinischen Forschung gesetzt.

• Schwäche: Ist mitunter elitär.

COMMUNITY Internet

Website des Instituts: www.mpipsykl.mpg.de

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