Fukushima - Die schleichende Gefahr - wissenschaft.de
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Fukushima – Die schleichende Gefahr

Radioaktive Strahlung kann Krebs erzeugen. Doch ab welcher Dosis wird es gefährlich – gibt es überhaupt einen Grenzwert? Ein Jahr nach dem Reaktorunfall von Fukushima stellt bild der wissenschaft unbequeme Fragen an die Strahlenmedizin.

Hiroshima. Nagasaki. Tschernobyl. Fukushima. Allein die Ortsnamen wecken Angst. Und Erinnerungen: an verbrannte Menschen, krebskranke Kinder, Helden in Schutzanzügen und evakuierte Dörfer, in denen unversorgt das Vieh verendet. Bei Fukushima, wo am 11. März 2011 ein Erdbeben und ein anschließender schwerer Tsunami ein Kernkraftwerk zerstörten, sind die Erinnerungen noch sehr frisch.

Und doch sind die Zahlen sehr unterschiedlich, wenn man die medizinischen Folgen vergleicht: In den Großstädten Hiroshima und Nagasaki, wo im August 1945 im Abstand von drei Tagen zwei Atombomben gezündet wurden, starben Hunderttausende – an Verbrennungen und an den Folgen einer akuten Strahlenkrankheit, zu deren Symptomen Blutarmut, Erbrechen und Haarausfall gehören. Wie viele Menschen noch lange danach infolge der radioaktiven Strahlung an Krebs erkrankt sind, ist bis heute umstritten (siehe Beitrag „Hiroshima: Professor Sawadas einsamer Kampf“ ab Seite 28).

Beim Reaktorunfall von Tschernobyl am 26. April 1986 starben 28 Menschen innerhalb der ersten drei Monate, weitere 106 entwickelten eine akute Strahlenkrankheit und mussten jahrelang behandelt werden. Und: Noch heute erkranken in den verseuchten Regionen der Ukraine und vor allem Weißrusslands mehr Menschen an Krebs als anderswo. In der weißrussischen Hauptstadt Minsk, so beobachtete die deutsche Fotografin Hermine Oberück, dürfen frische Äpfel und Pilze an den Straßen nach wie vor nur mit einer Bescheinigung des Verstrahlungsgrads verkauft werden. Hermine Oberück dokumentiert insbesondere das Schicksal der Kinder: Deren Immunsystem ist häufig geschwächt, sodass es oft zu Infektionen kommt.

Kinder bildeten auch den Großteil der rund 6000 an Schilddrüsenkrebs Erkrankten nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl, 15 von ihnen starben. Sie hatten Milch von Kühen getrunken, die mit ihrem Futter radioaktives Jod aufgenommen hatten. Das strahlende Gift reichert sich in der Schilddrüse an.

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EINE GEWALTIGE MASSENSTUDIE

In Fukushima kam es bisher nicht zu Strahlentoten. Zwei Leichen, die man im Reaktor fand, waren Tsunami-Opfer. Aber acht Prozent der japanischen Landfläche, rund 30 000 Quadratkilo-meter, sind nach Angaben des japanischen Wissenschaftsministeriums mit den langlebigen Cäsium-Isotopen 134 und 137 verseucht. Lebensmittel werden streng überwacht.

Eine gewaltige, auf 30 Jahre angelegte medizinische Massenstudie hat begonnen, die alle zwei Millionen Einwohner der Präfektur Fukushima erfasst. Besonderes Augenmerk gilt dabei den Arbeitern, die den strahlenden Reaktor gesichert haben und noch immer sichern und die Entseuchungsarbeiten vorantreiben. Sie waren anfangs besonders starker Strahlung ausgesetzt.

Intensiv untersucht werden auch alle Kinder, insbesondere auf Schilddrüsenkrebs. Bei Kindern entwickelt sich Krebs schneller als bei Erwachsenen, kann aber noch fünf Jahre nach der Katastrophe ausbrechen – das hat man aus Tschernobyl gelernt. Die Gesamtbevölkerung der Präfektur Fukushima wird in zwei Gruppen aufgeteilt: eine, die hoher und eine, die niedriger Strahlenbelastung ausgesetzt war. Ihr Gesundheitszustand wird verglichen.

Vielleicht wird die Fülle der epidemiologischen Daten das Rätsel lösen helfen, ob es einen Schwellenwert der Strahlenbelastung gibt, unterhalb dessen keine erhöhte Gefahr für Menschen besteht – oder ob jegliche Strahlung ein Risiko bedeutet. Doch das primäre Ziel ist das nicht. „Wir versuchen nicht, solche Fragen zu beantworten“, sagte Seiji Yasumura, der Leiter der Fukushima-Studie, in einem Interview mit dem Fachblatt „Science“. „Unsere vorrangige Sorge gilt der Gesundheit der Bevölkerung.“ ■

von Judith Rauch

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