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HIRNDOPING – LASSEN SIE’S LIEBER!

Um Medikamente zur Leistungssteigerung des Gehirns ist ein Hype entbrannt. Doch Wissenschaftler empfehlen, beim Kaffee zu bleiben.

Ein Pferd erscheint auf dem Bildschirm. „Bins“ tönt es aus den Lautsprechern des Computers. Edgar Krause, rosa gestreiftes Hemd, schwarze Jeans, schaut konzentriert auf den Monitor. Er drückt die rechte Maustaste. Nun taucht ein Frosch auf dem Bildschirm auf. „Unas“ nennt ihn der Computer. Der 45-jährige Heizungsbaumeister aus Münster bestätigt intuitiv die Bezeichnungen, die er glaubt, schon einmal gehört zu haben. Als das Pferd mit einem Mal „enu“ statt „bins“ heißt, lehnt er dies mit der linken Maustaste ab. Nur das Summen der Lüftung ist zu hören, während Krause den Wörtern der Kunstsprache lauscht und die zugehörigen Bilder anschaut. Einige Meter von ihm entfernt sitzt Julia Reinholz, mucksmäuschenstill, sie will ihren Probanden nicht beeinflussen. Reinholz, Psychologin am Institut für Neurologie der Universität Münster, leitet die placebokontrollierte Studie, an der Krause teilnimmt.

KEIN WUNDERMITTEL

Die Kunstsprache ist für sie nur Mittel zum Zweck. Am Morgen erhielt Edgar Krause eine Substanz, die womöglich seine geistige Fitness verbessert hat. Ob das so ist, möchte die Forscherin herausfinden. Für Krause sind die Tests eine willkommene Abwechslung zu seiner 60-Stunden-Woche als Handwerker. Leicht enttäuscht meint er hinterher: „Ein Wundermittel scheint es ja nicht zu sein. Ich spüre keinen Unterschied.“ Dabei geht es dem Münsteraner Team um den Neurologen Stefan Knecht gar nicht um das Hirndoping von Gesunden. Sie möchten Schlaganfallpatienten in der Rehabilitation medikamentös unterstützen, damit diese ihre geistigen Fähigkeiten wiedererlangen. Dennoch führen die Forscher viele Studien an Gesunden durch. „Miteinander vergleichbare Probanden lassen sich so leichter finden, und die Studien sind preiswerter“, erläutert Knecht.

Dem Fachmann ist natürlich nicht entgangen, dass sich Berichte häufen, wonach Gesunde ihr Gehirn mit Medikamenten zu tunen versuchen. „Neuro-Enhancement“ lautet der modische Fachausdruck für das Phänomen. Besondere Aufmerksamkeit erhielt der Artikel „ Professors kleine Helfer“, der im Dezember 2007 im Fachblatt „ Nature“ erschien. Die Autorinnen, Barbara Sahakian und Sharon Morein-Zamir von der University of Cambridge, berichteten darin über eine anonyme Befragung, wonach einige ihrer Forscherkollegen in den USA und in Großbritannien Modafinil einnehmen. Ziel ist es, einen Jetlag zu bekämpfen, die geistige Leistungsfähigkeit zu steigern oder besondere intellektuelle Herausforderungen zu bewältigen. Auf einer Tagung wurden Sahakian sogar solche Tabletten angeboten.

Immer mehr Forscher, aber auch Schichtarbeiter und Militär-Angehörige nutzen Neurostimulanzien, wissen die beiden Psychiaterinnen. Und in den USA tauchen die Medikamente immer häufiger auf Schulhöfen und dem Campus von Universitäten auf. Vor allem Studenten greifen gern zur Pille. Der Artikel traf den Nerv der Leser, vielfach Akademiker. Im Internet entbrannte eine hitzige Diskussion. Die Nature-Redakteure kamen auf die Idee, ihre Leser zu fragen, wie sie es mit ihrem eigenen Geist zu halten pflegten. Das Ergebnis sollte als Aprilscherz veröffentlicht werden, denn man rechnete nicht ernsthaft mit dopenden Doktoren.

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Doch aus dem geplanten Scherz wurde Ernst: 1427 Leser aus 60 Ländern antworteten, darunter viele Forscher jenseits des Studentenalters. Jeder Fünfte gestand, schon einmal Ritalin, Modafinil oder Betablocker eingenommen zu haben, um wacher oder geistig fit zu sein, zwölf Prozent langten regelmäßig in den Arzneimittelschrank. Zwei Drittel wählten den Wirkstoff Methylphenidat, der auch unter dem Handelsnamen Ritalin verkauft wird. Regulär wird die Arznei Kindern mit dem Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADHS) verschrieben, die sich schwer konzentrieren können.

RITALIN-PARTY VOR DER PRÜFUNG

Bis dahin hatte der Eindruck vorgeherrscht, dass nur Studenten und Schüler den Medikamenten fürs Köpfchen frönen. In Deutschland gibt es noch keine Zahlen, wohl aber in den USA, wo sich die Eleven über Internet-Apotheken mit den Pillen eindecken und sie auf Ritalin-Partys verkaufen: Jeder vierte Student, dem ein Arzt Ritalin verschreibt, würde mit der Arznei hausieren gehen, ermittelte dort eine Studie. 400 bis 700 von 10 000 Befragten hatten schon mindestens einmal zu dem Präparat gegriffen, um sich auf eine Prüfung vorzubereiten oder eine Nacht durchzupauken, ergab eine andere Befragung. 2008 befand eine ähnliche Erhebung unter 2000 Studenten, dass 5,3 Prozent sporadisch Ritalin schnupften oder schluckten, um sich geistig zu erholen oder der Leistungsfähigkeit nachzuhelfen. Doch diese 5 Prozent sind wenig, verglichen mit den 20 Prozent aus der Nature-Umfrage. Dopen die Dozenten also eifriger als ihre Zuhörer?

IN DEUTSCHLAND: NUR EINZELFÄLLE

„Der Wettbewerb in der Forschung nimmt zu. Je mehr Anträge und Veröffentlichungen man schreibt, desto besser“, sagt Isabella Heuser, Psychiaterin an der Berliner Charité. Sie wundert sich deshalb gar nicht über die relativ hohe Zahl an dopenden Akademikern. Ganz anders sieht das Stefan Knecht: Der Neurologe zweifelt an der Umfrage. „Online-Befragungen sind nicht repräsentativ. Es antworten vor allem die Leute, die schon einmal Neuro-Enhancer genommen haben“, kritisiert er und spart nicht mit Schelte für die Nature-Redaktion: „Der Hype um das Thema macht offenbar nicht einmal vor einem angesehenen Journal halt.“

Den Schaden hat er. Denn seit die Berichte um dopende Doktoren und aufgeputschte Studenten nicht mehr abreißen, macht die Ethikkommission bei der Genehmigung von Knechts Studien gelegentlich Schwierigkeiten: Ungeachtet seiner hehren Absicht, Schlaganfallpatienten zu helfen, könnten seine Erkenntnisse für Dopingtipps herhalten, befürchtet man.

Dabei scheint in Deutschland die Bereitschaft, Tabletten für die mentale Fitness zu nehmen, längst nicht so ausgeprägt zu sein wie in den USA. Wissenschaftliche Erhebungen, die das belegen, gibt es zwar noch nicht. Doch die bdw-Recherchen bei Hochschullehrern und Beratungsstellen der Universitäten lassen diesen Eindruck entstehen. So erinnert man sich bei der Psychosozialen Beratungsstelle von Universität und Studentenwerk Oldenburg gerade einmal an zwei Studenten, die in einer Beratung beiläufig erwähnten, leistungssteigernde Mittel zu nehmen. An den Universitäten in München und Berlin kennt man gar keine Fälle. „ Menschen, die ihr Gehirn dopen, kommen nicht zu uns. Sie sehen das ja gar nicht als Problem an“, gibt Wilfried Schumann von der Oldenburger Einrichtung zu bedenken. „Wir wissen aber andererseits: 40- bis 50-jährige Männer haben die höchsten Verschreibungsraten an Ritalin, obwohl die Arznei eigentlich für Kinder gedacht ist. Das kann man nur damit erklären, dass Erwachsene mithilfe von Medikamenten ihre Karriere vorantreiben wollen.“

Karen Nieber, Pharmakologin an der Universität Leipzig, erzählt, dass in der juristischen und medizinischen Fakultät viele Medikamente eingenommen würden, um die Wachheit zu erhöhen: „Das fängt mit Koffeintabletten und Energy-Drinks an – und irgendwann landet man bei Amphetaminen.“ Der Leistungsdruck sei in diesen Fächern besonders groß. Auch einige ihrer Pharmaziestudenten schlucken Tabletten für die mentale Fitness. Allerdings hält sie das bisher nur für Einzelfälle. Nieber ist überzeugt, dass auch Forscher dopen, und sie behauptet sogar: „ Auf jedem Campus gibt es heute Dealer für solche Arzneien.“ Um an die Medikamente heranzukommen, wählen einige aber offenbar den klassischen Arztbesuch: Isabella Heuser berichtet von einer Handvoll Patienten, die versucht haben, unter einem Vorwand von ihr eine Verschreibung für ein leistungssteigerndes Mittel zu bekommen. Eine ihrer Studentinnen habe von ihrer Mutter, einer Ärztin, Ritalin erhalten. „Doch die meisten, die das einnehmen, werden es verschweigen. Das ist so, wie wenn man Leute nach ihren sexuellen Perversionen fragt“, meint die Forscherin.

Peter Geißler, Mitarbeiter im Schlafme- dizinischen Zentrum der Universität Regensburg, behandelt Schichtarbeiter und schlafgestörte Patienten mit Modafinil. Das Medikament ist ausdrücklich gegen Tagesmüdigkeit etwa bei Nachtarbeit zugelassen. Lkw-Fahrer, Lokomotivführer, Polizisten und Fabrikarbeiter schlucken es, um die Nacht durchzuwachen, weiß der Schlafforscher. Er selbst kennt kaum noch Nachtschichten. Früher war das anders. Da habe er auch schon einmal Modafinil geschluckt, „um zu testen, wie es wirkt“, räumt er ein. Und fügt hinzu: „Ich weiß, dass es Kollegen gibt, die das häufiger nehmen und bei denen das in Richtung Missbrauch geht.“ Im Januar 2008 erörterten britische Forscher im Journal for Surgeons Research sogar, ob übermüdete Chirurgen ihrem Geist medikamentös nachhelfen sollten: Koffein sei nicht das perfekte Mittel für Operateure, weil es Herzrasen verursache und zu Zittern führe. Modafinil könne da geeigneter sein.

KOKSENDE JAGUAR-FAHRER

Bei Managern und Börsianern gehören die Brain-Pillen zum Teil schon zum Job. „Taking the A-Train“ oder „Putting on the Ritz“ heißt es im Börsenjargon, wenn es an der Zeit ist, den lahmen Geist mit Aufputschmitteln zu erfrischen. Auch Härteres ist gefragt: Auf je 100 Banker mit Alkoholkrankheit kämen 30 mit einem Kokain-Problem, berichtete ein Psychiater der Priory Clinic in London der „Welt am Sonntag“. Und Hinderk Emrich, Professor für Klinische Psychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen Hochschule Hannover, wird regelmäßig von Managern aufgesucht, die „koksen, um kreativ zu bleiben“, wie er sagt. „In den oberen Etagen der Industrie ist das nicht selten. Es sind Topmanager, die mit ihrem Jaguar hier vorfahren.“ An Emrich wendet sich die aufgeputschte Elite auf der Suche nach einem weniger tabuisierten Ersatz für Kokain. „Ich gebe ihnen solche Ersatzstoffe. Zur Leistungssteigerung muss man in unserer Gesellschaft in bestimmten Bereichen eventuell etwas einnehmen“, zeigt er sich verständnisvoll. Die Verantwortung gibt er der Gesellschaft: „ Wenn man Leistung so wichtig nimmt, wie das in unserer Kultur der Fall ist, dann muss man das Neuro-Enhancement akzeptieren.“ Als Student schwor er selbst auf ein amphetaminhaltiges Vitaminpräparat und Preludin – ein Psychostimulans, mit dem sich in den 1960er-Jahren auch die Beatles vor ihren Konzerten in Form brachten. Beide Mittel sind inzwischen verboten. Auch Emrich ist von solchen Wirkstoffen abgerückt, wie er sagt. Er halte lieber regelmäßig ein Nickerchen und trinke Kaffee, um einen klaren Kopf zu behalten.

Trotz spektakulärer Einzelfälle hält der Psychiater Hirndoping vor allem für ein amerikanisches Phänomen. Dort habe nicht nur Modafinil, sondern auch das Antidepressivum Fluctin einen größeren Markterfolg bei Gesunden als bei Kranken, weil es die geistige Leistungsfähigkeit verbessere, berichtet er. Vor einigen Jahren tauchte der Entwickler von Fluctin vom Lilly-Konzern bei ihm auf. Seine Firma wollte, dass die Arznei in Europa genauso einschlage wie in den USA. „Das wird nicht funktionieren“, lautete Emrichs Antwort. „Die Gesunden wollen hier nicht unbedingt Medikamente nehmen, um noch gesünder zu werden.“

In den angelsächsischen Ländern sind Tabletten für Gesunde kein Tabu und schon gar nicht anrüchig. Das wird spätestens durch einen Kommentar von sechs britischen und amerikanischen Wissenschaftlern in Nature klar, dem sich auch der Chefredakteur des Magazins anschloss. Es gebe keinen Grund, Neuro-Enhancer zu verbieten, schrieben sie im Dezember 2008. Aufgeklärten Erwachsenen sollte es möglich sein, ihren Geist nicht nur durch Information und Bildung, sondern auch medikamentös zu erweitern. Wird der Trend auch Deutschland erreichen? Jeder dritte Student klagt heute hierzulande über Konzentrationsprobleme. Antidepressiva sind die am häufigsten eingenommenen Medikamente, ermittelte die Techniker Krankenkasse. Der Druck flacht auch mit Doktor- oder Professorentitel nicht ab: „Die Arbeitsgeschwindigkeit hat sich verdreifacht“, sagt Emrich. „ Sehen Sie: Während ich mit Ihnen rede, muss ich ein Fax anschauen.“

„Ich Brauch‘ jetzt EINEN Kaffee“

Auch bei Isabella Heuser in Berlin geht es an diesem Nachmittag hektisch zu. Bis zwei Uhr findet sie keine fünf Minuten Pause. Ein Forschungsantrag soll in drei Stunden vom Paketdienst abgeholt werden. Die Tabellen mit der Projektplanung fehlen noch, eine CD mit den Unterlagen ebenfalls. Die Chefsekretärin ist im Urlaub. Und dann taucht auch noch diese Reporterin von bild der wissenschaft auf. „Ich brauch‘ jetzt erst mal einen Kaffee“, sagt Heuser, während sie aus dem Büro flitzt. Die Frau mit den rotbraunen Haaren, einem schwarzen Perlenohrring rechts, einem weißen Perlenohrring links, wirkt trotz der Arbeitsflut zwar nicht gestresst, aber doch ein wenig angespannt. „Kaffee ist der wichtigste Neuro-Enhancer für uns Forscher“, sagt sie, während sie die zwei randvollen Tassen mit Milchschaum auf den Glastisch stellt. Vor 200 Jahren hätte man Heuser für diese Äußerung die Leviten gelesen, wie ein altes Lied bezeugt: „ C-A-F-F-E-E, trink‘ nicht so viel Kaffee. Nicht für Kinder ist der Türkentrank, schwächt die Nerven, macht dich blass und krank. Sei doch kein Muselman, der das nicht lassen kann.“ Ohne Gewissensbisse trinken wir den Muntermacher, während Heuser über andere Neuro-Enhancer spricht, über Psychostimulanzien wie Ritalin und Modafinil, Antidepressiva wie Fluctin und Parkinson-Medikamente wie Levodopa. Derzeit wertet sie alle Studien an Gesunden mit solchen Substanzen aus. „Es gibt nur sehr wenige aussagekräftige Untersuchungen“, lautet ihre Zwischenbilanz.

WAS WIRKT – UND WAS NICHT

· Modafinil, eine Arznei gegen die Schlafkrankheit Narkolepsie, rüttelt Übermüdete mental wach. So viel ist bestätigt. Die geistigen Fähigkeiten von ausgeschlafenen Gemütern werden jedoch nicht nennenswert gepuscht. Nur bei wenigen Gedächtnistests, etwa beim Erinnern an eine vorgelesene Zahlenreihe, können auch Ausgeschlafene unter Modafinil punkten. Sobald jedoch bei den Tests Nachdenken und nicht nur bloße Wachsamkeit gefragt sind, schneiden Probanden unter Modafinil teilweise sogar schlechter ab. Heuser vermutet: „Mathematikern wird das Medikament gar nichts bringen, weil sie nicht auswendig lernen.“

· Etwas anders ist die Situation bei Amphetaminen und entsprechenden Abkömmlingen, zu denen auch Ritalin gehört. Sie bewirken, dass insbesondere im Belohnungssystem des Gehirns mehr Dopamin freigesetzt wird. Die Lust am Lernen, aber auch die Aufmerksamkeit steigen. Die Zufriedenheit nach einer Glanzleistung ist größer. Gesunde Männer konnten die Kunstsprache der Münsteraner Neurobiologen unter Amphetaminen um 20 Prozent schneller und besser lernen als ohne.

· Eine ähnliche Leistungssteigerung beobachteten die Forscher beim Parkinson-Medikament Levodopa, das im Hirn ebenfalls die Dopamin-Menge erhöht. Obwohl die Testpersonen nur eine Woche lang die Arznei erhielten und die Kunstsprache übten, beherrschten sie die Vokabeln noch ein Jahr später besser als ihre abstinenten Konkurrenten. Die Wörter hatten sich ins Langzeitgedächtnis eingegraben.

· Ob Amphetamine generell die Merkfähigkeit verbessern, wird dagegen in den Studien widersprüchlich beurteilt. Das Arbeitsgedächtnis, in dem kurzzeitig Inhalte gespeichert werden, kann verbessert, aber auch vermindert werden. Wie die Medikamente wirken, hänge von der Dosis ab, notierten Psychologen der University of British Columbia. Ungeachtet der dünnen Datenlage werden Amphetamine und ihre Abkömmlinge seit Jahrzehnten von Gesunden genutzt. In den 1970er-Jahren empfahlen die Arbeiter einer deutschen Reifenfabrik neuen Kollegen für die Nachtschicht das Amphetamin Captagon, erinnert sich Heuser an eine Anekdote aus ihrer Studentenzeit. Es hieß, damit ließe sich die schwere Arbeit leichter durchstehen.

· Speziell zu Ritalin gibt es kaum Daten über die Wirkung auf Gesunde. Fest steht bloß, dass es Kindern mit Aufmerksamkeitsdefizit dabei helfen kann, bei der Sache zu bleiben. James Swanson von der University of California in Irvine beobachtete, dass Ritalin bei Gesunden den Zuckerverbrauch im Gehirn drosselte. Die Folge: Beim Rechnen ließen sie sich nicht so leicht ablenken, die Konzentration stieg. „Dieser Effekt könnte aber schädlich sein, wenn die Gehirnaktivität von Natur aus optimal ist“, warnte Swanson im April 2008.

· Eine der eindrücklichsten Studien zum Neuro-Enhancement ist für Isabella Heuser eine Untersuchung mit dem Alzheimer-Medikament Donepezil an Piloten. Dieser Wirkstoff erhöht den Botenstoff Acetylcholin im Gehirn, der für das Weiterleiten von Informationen und damit für das Lernen, Verstehen und Erinnern gebraucht wird. 18 Piloten konnten mit dieser Arznei im Blut in einem Flugsimulator sicherer landen und auf Notfälle wie einen plötzlichen Druckabfall schneller reagieren. Aber auch mit einem Nikotinkaugummi im Mund konnten die Flugzeugkapitäne den Landeanflug besser austarieren. Beide Substanzen verkürzen die Reaktionszeit.

Doch es ist fraglich, ob sich solche kurzzeitigen geistigen Höhenflüge nicht auf lange Sicht rächen. Die jahrelange Einnahme sei kaum untersucht, warnt Heuser. Während das amphetaminverwandte Ritalin Kinder nicht abhängig macht, können Erwachsene durchaus süchtig werden, wie Studien belegen. Überdies treibt der Wirkstoff den Blutdruck in die Höhe. Gedopte schwitzen deshalb stark. Im Laufe der Zeit kann der Blutdruck weiter steigen. Die Gefahr von Herz-Kreislauf-Erkrankungen nimmt zu. Modafinil dagegen wurde im März 2008 aus dem Betäubungsmittelgesetz gestrichen, weil es angeblich nicht süchtig macht. Doch diese Einschätzung ist umstritten. Nach langjähriger Einnahme seien einige Konsumenten depressiv und auffallend leicht reizbar geworden, berichtet Isabella Heuser.

INTELLIGENZPILLEN GIBT ES NICHT

Die Effekte der Arzneien machen eines deutlich: Die Fähigkeiten des menschlichen Gehirns sind höchst vielfältig – die Wirkungen der Medikamente aber oft eindimensional. „Es gibt keine Intelligenzpille“, betont Knecht. Man kann die Aufmerksamkeit erhöhen und das Arbeits- und Kurzzeitgedächtnis in einer bestimmten Marge beeinflussen. Doch das nützt im Wesentlichen nur Menschen mit klar umschriebenen kognitiven Schwächen. Am IQ von Gesunden ändert sich dagegen nichts. „Neuro-Enhancement für den Gesunden ist im Augenblick ein rührender, wenig Erfolg versprechender Versuch“, zieht Knecht Bilanz. Trotz dieser Einschätzung erwog er jüngst, Studenten während der Lernphase vor einer Prüfung mit Levodopa zu versorgen, um zu testen, ob sie dann besser abschneiden. „Wir haben das wieder verworfen, weil die Studenten dann auch falsch Gelerntes besser im Gedächtnis behalten könnten. Und dann könnten sie uns als Experimentatoren zu Recht verklagen“, räumt er ein. Dass sich seine Ergebnisse dazu missbrauchen ließen, mithilfe von Pillen zu pauken, bestreitet er nicht. Aber von ihm bekommt niemand ein Rezept. ■

SUSANNE DONNER ist während ihres Chemiestudiums manchmal über den Lehrbüchern eingeschlafen. Trotzdem hat es ohne Doping geklappt.

von Susanne Donner

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Rüdiger Vaas SCHÖNE NEUE NEURO-WELT Die Zukunft des Gehirns Hirzel, Stuttgart 2008, € 19,80

INTERNET

Zum kritischen Umgang mit Hirndoping: www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?src=suche&id=60201

Meinungsforen der Zeitschrift Nature zum Hirndoping (auf Englisch): network.nature.com/groups/ naturenewsandopinion/forum/topics/816 und network.nature.com/groups/ naturenewsandopinion/forum/ topics/3503

Ohne Titel

Wissen hören: Ein Experten-Gespräch zum Thema Hirndoping finden Sie unter „Podcasts“ auf www.wissenschaft.de

vier sprachen und viel gutes

Von bdw nach den Risiken von Hirndoping befragt, sagt die Medizin-Ethikerin: „Zurzeit scheint mir die Frage ungeklärt, ob solche Präparate bei Gesunden ohne Nebenwirkungen wirksam sind. Solange das so ist, würde ich sagen: Finger weg, das könnte gefährlich sein!“ Und falls sich die Mittel mit der Zeit als unbedenklich erweisen? Dann könnten sie „einzelnen Menschen Wettbewerbsvorteile verschaffen“. Das würde zu noch mehr Ellbogen im Umgang miteinander führen – eine Entwicklung, die für Schöne-Seifert nicht wünschenswert ist. Aber sie hält auch eine andere Zukunft für denkbar: „Es könnte sein, dass wir eines Tages alle Neuro-Enhancer nehmen, wenn diese entsprechend preiswert werden.“ Die Mittel könnten auch „zu guten Zwecken“ eingesetzt werden: um Menschen sozial verträglicher zu machen oder Benachteiligungen auszugleichen. „Und wenn jeder vier Sprachen sprechen könnte, weil das Vokabellernen so schnell ginge, wäre dagegen auch nichts zu sagen.“ Schöne-Seifert abschließend: „Ich würde nicht sagen, dass Hirndoping unbedingt Teufelszeug sein muss.“

KOMPAKT

· Bisher lassen sich nur einzelne Gehirnfunktionen wie Wachheit, Konzentration und Gedächtnisleistung mit Medikamenten steigern, nicht jedoch die Intelligenz.

· Welche Nebenwirkungen dabei langfristig bei Gesunden auftreten, ist noch nicht ausreichend erforscht.

· Die Zurückhaltung deutscher Akademiker gegenüber den Dopingmitteln könnte sich als klug erweisen.

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