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Hirnveränderungen schon nach zwei Joints?

Joint
Kann schon ein Joint das Gehirn von Jugendlcihen verändern? (Bild: Morton Photographic/ iStock)

Einmal ist keinmal? Für das Kiffen gilt dies möglicherweise nicht. Denn eine Studie deutet nun daraufhin, dass sogar schon ein ein- oder zweimaliger Konsum von Cannabis das Gehirn von Jugendlichen verändern kann. Offenbar nimmt dadurch in einigen Hirnarealen die graue Hirnsubstanz zu, wie vergleichende Hirnscans bei 14-jährigen Mädchen und Jungen nahelegen. Gleichzeitig ließen sich leichte Defizite im wahrnehmungsgebundenen logischen Denken und der Geschicklichkeit feststellen. Sollte sich dies bestätigen, wäre das der ein Hinweis darauf, dass schon ein geringer Cannabiskonsum Folgen für das jugendliche Gehirn hat.

Cannabis und seine Wirkungen sind hoch umstritten. Die einen sehen in dem berauschenden Hanfgewächs eine gefährliche Droge, andere – vor allem viele Jugendliche – halten das Kiffen eher für harmlos. Welche Folgen die Einnahme von Cannabis tatsächlich hat, wird schon seit Jahren intensiv untersucht. Dabei zeigte sich unter anderem, dass chronischer Cannabiskonsum gerade bei Jugendlichen die Entstehung von Psychosen fördern kann. Zudem gibt es Hinweise darauf, dass das Denkvermögen beeinträchtigt und die Fruchtbarkeit gemindert werden. „Die meiste Forschung wurde jedoch mit Erwachsenen durchgeführt, die lange Zeit regelmäßig Haschisch geraucht haben“, erklären Catherine Orr von der University of Vermont und ihre Kollegen. „Welche Folgen ein nur sporadischer Cannabiskonsum hat, gerade bei Jugendlichen, ist bislang aber kaum untersucht.“

Graue Hirnsubstanz verändert

Das haben Orr und ihr Team nun nachgeholt. An der Studie nahmen 46 14-jährige Jugendliche teil, die nach eigenen Angaben bisher erst ein oder zweimal gekifft hatte. Eine gleich große Kontrollgruppe von Mädchen und Jungen im gleichen Alter hatte dagegen noch keine Erfahrungen mit Cannabis gemacht. Bei allen Teilnehmern analysierten die Forscher dann die Struktur und das Volumen des Gehirns mittels Hirnscanner, um mögliche Unterschiede feststellen zu können. Im Speziellen verglichen sie dabei das Volumen der grauen Hirnmaterie – dem Bereich der Großhirnrinde, in dem die meisten Hirnzellen liegen.

Es zeigten sich Unterschiede zwischen beiden Gruppen: Die Jugendlichen, die ein oder zwei Joints geraucht hatten, hatten in einigen Hirnarealen ein leicht erhöhtes Volumen der grauen Hirnsubstanz. Wie die Wissenschaftler berichten, galt dies vor allem für Regionen, in denen Andockstellen für Cannabinoide vorkommen. Darunter waren Teile des Kleinhirns, der Schläfenlappen, aber auch des Hippocampus, dem Gedächtniszentrum des Gehirns, sowie der Amygdala, einem Hirnareal, das Ängste und andere Emotionen verarbeitet. Nach Angaben von Orr und ihren Kollegen ist es unwahrscheinlich, dass diese Veränderungen schon vor dem Cannabiskonsum existierten. „Unsere Schlussfolgerung daraus ist, dass diese Veränderungen eine Folge des Cannabiskonsums sein müssen“, sagt Orrs Kollege Hugh Garavan. Gestürzt wird dies durch die Ergebnisse von mehreren Tests der mentalen Leistungsfähigkeit bei den Probanden: Die Jugendlichen, die schon einmal Cannabis geraucht hatten, taten sich im logischen Denken und in der motorischen Geschicklichkeit etwas schwerer.

Gestörter Umbauprozess im Gehirn?

Nach Ansicht der Forscher sind ihre Ergebnisse ein Indiz dafür, dass Cannabis nicht erst bei längerem Konsum Spuren im Gehirn hinterlässt. „Schon der Konsum von nur einem oder zwei Joints scheint das Volumen der grauen Hirnmaterie bei diesen Jugendlichen verändert zu haben“, sagt Garavan. Warum das so ist und warum die graue Hirnsubstanz bei diesen Teilnehmer sogar zugenommen hatte, ist allerdings bisher unklar. Die Forscher vermuten, dass der während der Pubertät stattfindende Umbauprozess des Gehirns dafür eine Rolle spielt. So werden in dieser Zeit unter anderem viele nicht benötigte Verbindungen zwischen Hirnzellen zurückgebildet. „Eine Möglichkeit wäre, dass dieser Ausdünnungsprozess durch das Cannabis unterbrochen wurde“, spekuliert Garavan. Die möglichen Zusammenhänge müssten nun dringend näher untersucht werden.

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Weiteren Forschungsbedarf sehen auch nicht an der Studie beteiligte Wissenschaftler. „Die Frage nach einem kausalen Zusammenhang zwischen den sehr geringen Dosen des Cannabiskonsums und den beobachteten Effekten sollte mit Vorsicht beantwortet werden“, kommentiert Eva Hoch, Leiterin der Forschungsgruppe Cannabinoide am Universitätsklinikum München. Zudem sei es sinnvoll, bei einer Wiederholung der Studie den Cannabiskonsum der Jugendlichen nicht allein anhand von Selbstaussagen zu ermitteln. Außerdem wäre es wichtig, den Gehalt an Tetrahydrocannabinol (THC) in den konsumierten Joints zu kennen – denn dieser kann stark variieren. Dennoch hält es Hoch in jedem Falle für sinnvoll, Teenager rechtzeitig über die möglichen Risiken des Kiffens aufzuklären: „Die Studie zeigt, dass früh mit der Aufklärung über die Wirkung von psychotropen Substanzen wie Alkohol, Tabak und auch Cannabis begonnen werden muss“, so die Forscherin.

Quelle: Catherine Orr (University of Vermont, Burlington) et al., Journal of Neuroscience; doi: 10.1523/JNEUROSCI.3375-17.2018

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