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Gesellschaft+Psychologie Gesundheit+Medizin

Im Land der unbegrenzten Kosten

In der medizinischen Forschung sind die USA weltweit führend. Doch als Patient hat man es in Deutschland besser.

Die USA sind berühmt für herausragende Erfindungen. Gegenwärtig werden dort gut 3000 neue Medikamentenwirkstoffe getestet. Und aus den USA stammen die meisten Nobelpreisträger – nämlich 255. Jeder zweite Medizin-Nobelpreis ging an einen Amerikaner.

Die Spitzenforschung kommt nicht von ungefähr. Kein anderes Land der Welt gibt mehr Geld für Wissenschaft aus. 454 Milliarden US-Dollar waren es 2012. Zum Vergleich: Die 27 EU-Länder zusammen machten umgerechnet 277 Milliarden US-Dollar für den wissenschaftlichen Fortschritt locker. Die amerikanische Privatindustrie übernimmt zwei Drittel der Gesamtkosten. Den Rest sponsert die Regierung mit öffentlichen Geldern. Von denen erhalten allein die National Institutes of Health (NIH) jährlich 30 Milliarden US-Dollar. Damit unterstützen sie rund 300 000 Wissenschaftler an 2500 Universitäten sowie 6000 Forscher an NIH-Instituten. In Deutschland förderte die öffentliche Hand 2011 Forschung und Entwicklung insgesamt mit gerade einmal 22,5 Milliarden Euro.

Die amerikanische Wissenschaftsindustrie hat offenbar das Potenzial, medizinische Wunder zu vollbringen. Doch ist sie dazu auch bereit? Mary Woolley schüttelt den Kopf: „Es wird nicht genug getan, um die Forschung in die Praxis umzusetzen“, kritisiert die Präsidentin von „Research!America“, dem größten Dachverband für Gesundheitsforschung in den USA. „Beim Erbringen von Leistung am Patienten schneiden wir sehr schlecht ab.“

Auf dem letzten Platz

Der Blick auf eine aktuelle Studie des Commonwealth Fund, einer privaten Stiftung zur Verbesserung des Gesundheitssystems, bestätigt das (siehe Tabelle auf S. 20). Im Vergleich zu den Gesundheitssystemen elf anderer Industrienationen befinden sich die USA in der Gesamtwertung auf dem letzten Platz. Die Noten in den Kategorien Effizienz, Fairness und Zugang zu Ärzten sind besonders schlecht. Immerhin erreichen sie in punkto Behandlungsqualität mit Platz 6 das Mittelfeld.

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Umso erstaunlicher ist es, dass eine bestenfalls durchschnittliche Leistung mit einem schier irrational hohen Preis daherkommt: 2,8 Billionen US-Dollar pro Jahr! Das ist so viel Geld, dass man damit locker die Gesundheitskosten aller Japaner, Deutschen, Franzosen, Chinesen, Engländer, Italiener, Kanadier, Brasilianer, Spanier und Australier begleichen könnte.

Wer übernimmt diese horrende Summe? Den größten Teil, gut zwei Billionen, tragen private Versicherer sowie Patienten, die nicht oder nur unzureichend versichert sind: 60 Prozent aller Privatinsolvenzen in den USA haben damit zu tun, dass die Menschen ihre aufgeblasenen Arzt- und Krankenhausrechnungen nicht zahlen können. Staatliche Versicherungsprogramme wie Medicare und Medicaid begleichen die verbleibenden 800 Milliarden US-Dollar.

Durch die Einführung der Gesundheitsreform „Obamacare“ (siehe Kasten auf S. 20) werden die Kosten wahrscheinlich weiter steigen: Bis 2016 sollen mehr als 25 Millionen bisher unversicherte Amerikaner in den Genuss einer Krankenversicherung kommen. Die dadurch entstehenden Kosten belasten ein überteuertes Gesundheitssystem, das sich bald gar niemand mehr leisten kann (siehe Interview „Den Preis erfährt man erst nach der Behandlung“ ab S. 22).

„Das viele Geld, das wir für Gesundheit ausgeben, sollte eine viel bessere Qualität erwarten lassen“, rügt auch Ezekiel Emanuel, Professor für Medizinethik an der Universität von Pennsylvania. Er stand Barack Obama als Berater bei der Gesundheitsreform zur Seite. In seinem neuen Buch „Reinventing American Health Care“ schreibt er: „Natürlich beneidet uns die Welt um bestimmte medizinische Errungenschaften. Viele Patienten fliegen zu uns, um eine Krebs- oder Herzerkrankung nach neuesten Methoden behandeln zu lassen. Doch die meisten Amerikaner brauchen gar nicht das Schönste oder Neueste. Bei uns leiden 67 Millionen Menschen unter zu hohem Blutdruck, und jährlich sterben daran 350 000.“

Eine Untersuchung des US-Gesundheitsministeriums aus dem Jahr 2013 besagt, dass einfache Behandlungen von Patienten mit Herzerkrankungen mangelhaft durchgeführt werden: Lediglich 47 Prozent erhalten Aspirin und bei nur 33 Prozent werden die Blutfettwerte kontrolliert. Ebenfalls schockierend ist eine aktuelle Untersuchung der US-Gesundheitsbehörde „Centers for Disease Control and Prevention“ (CDC). Die Studie zeigt, dass bei Millionen von Kindern und Jugendlichen keine wichtigen medizinischen Vorsorgeuntersuchungen durchgeführt werden.

So war gerade die Hälfte aller Kinder und Jugendlichen 2014 beim Zahnarzt. Bei Arztbesuchen wird lediglich ein Drittel aller Jugendlichen nach Zigarettenkonsum befragt. Von denen, die diesen bejahen, erhält nur jeder Fünfte medizinische Hilfe für einen Entzug angeboten. Und nur 20 Prozent aller Eltern mit Kindern zwischen 10 und 47 Monaten werden gefragt, ob sie ein Screening für Entwicklungsstörungen machen möchten.

Woran liegt es, dass sich die Vereinigten Staaten so schwer damit tun, brillante Forschung in brillante Praxis umzusetzen? Francis Collins, Direktor der NIH, hat darauf keine Antwort. Und seine Kollegen von der National Science Foundation (sie unterstützt Wissenschaftler jährlich mit 7 Milliarden US-Dollar) und den CDC (die Behörde hatte 2014 ein Budget von 11 Milliarden US-Dollar) lassen über ihre Pressesprecher ausrichten, dass sie mit der Verbesserung der Patientenversorgung nichts zu tun hätten.

Diese Reaktion überrascht Uwe Reinhardt nicht: „Es herrscht das Wernher-von-Braun-Motto! Frei nach dem deutschen Raketenbauer: Wir erfinden etwas – und wie ihr ethisch und finanziell damit zurechtkommt, ist nicht unser Problem“, erklärt der Ökonom von der Universität Princeton.

Mitte der 1980er-Jahre kämpfte Reinhardt für die Umsetzung der Forschungsergebnisse in die Praxis: Er erwirkte die Gründung der „ Agency for Health Care Policy and Research“. Sie war Vorläufer der heutigen „Agency for Health Research and Quality“ (AHRQ). „ Wir haben Richtlinien entwickelt, um die Qualität in der Krankenpraxis zu verbessern und Kosten zu sparen“, berichtet Reinhardt, der damals im Aufsichtsrat saß. Doch nachdem seine Agentur erklärte, bestimmte Rückenoperationen seien unnötig und sogar gefährlich, erwirkten Lobbyisten eine komplette Streichung des Budgets.

Seit 1999 ist die AHRQ, die offiziell dem US-Gesundheitsministerium untersteht, wieder etabliert – mit einem jährlichen Haushalt von rund 460 Millionen US-Dollar. „Das ist nicht viel, um 800 000 Ärzte und 300 Millionen Patienten zu erreichen“, erklärt Richard Kronick, heutiger Direktor der AHRQ. Zu seinen Aufgaben gehört es, Untersuchungen zu initiieren, um herauszufinden, wie sich die Qualität der Gesundheitsversorgung bei Sicherheit, Zugang und Kosteneffizienz steigern lässt.

Bei einem aktuellen Projekt geht es darum, die Kommunikation zwischen Kliniken und Behörden zu verbessern. „Wir wollen eine Infrastruktur schaffen, die neue Informationen zu Behandlungsmethoden und Medikamenten reibungslos in eine laufende Behandlung integriert“, sagt Kronick. Am liebsten hätte er von jedem Patienten eine elektronische Krankenakte.

Krankenhäuser sind gefährliche Orte

Ein weiteres Anliegen der AHRQ ist die Sicherheit in Krankenhäusern. In den USA sind das gefährliche Orte: Aufgrund von Behandlungsfehlern oder von Erkrankungen, die sie sich dort zugezogen haben, sterben laut Journal of Patient Safety jährlich zwischen 200 000 und 400 000 Menschen in Kliniken.

Die AHRQ untersuchte 2004, wie bei Patienten mit zentralem Venenkatheter die Infektionsgefahr gemindert werden kann. Eine solche Infektion endet bei jedem Zweiten tödlich. Das Ergebnis: Schon simple Maßnahmen helfen, etwa Checklisten, in denen Medikamentengaben festgehalten werden. „Wir haben die Ergebnisse unserer Untersuchung an 11 000 Intensivstationen verteilt. Seitdem sind die Infektionen um 40 Prozent zurückgegangen“, berichtet Kronick. Die AHRQ will jetzt weitere Klinikpannen anpacken, etwa Stürze, das Wundliegen von Patienten und Fehler bei Geburten.

„Die Amerikaner sind bereit, pro Woche einen Dollar mehr an Steuern zu zahlen, wenn sicher ist, dass das Geld in die medizinische Forschung fließt“, weiß Mary Woolley von „ Research!America“ aus einer ihrer vielen Umfragen. Doch sinnvoll ist das nur, wenn die Forschung auch den Patienten zugutekommt. •

von Désirée Karge

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