Immerzu müde? Ab ins Schlaflabor! - wissenschaft.de
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Gesundheit+Medizin

Immerzu müde? Ab ins Schlaflabor!

Wer sich ständig schläfrig oder chronisch erschöpft fühlt, ist krank – auch wenn die Routineuntersuchung beim Hausarzt ohne Befund bleibt.

Beim Aufstehen fühlen sich die Glieder bleischwer an, die morgendliche Dusche erfordert so viel Energie, dass man am liebsten wieder ins Bett fallen möchte. Auf der Arbeit drohen schon beim Meeting am Vormittag die Augen zuzufallen. Doch für einen Infekt gibt es keine Anzeichen. Wer sich so fühlt, fragt sich unweigerlich, ob etwas Ernstes hinter seiner ständigen Schläfrigkeit steckt.

Müdigkeit als eigenständige Krankheit – das gibt es tatsächlich. Das durchschnittliche Schlafbedürfnis eines Menschen liegt bei siebeneinhalb Stunden pro Nacht, variiert aber. Während manche mit fünf Stunden Schlaf pro Nacht auskommen, sind andere erst nach elf Stunden wieder munter. „Ein hohes Schlafbedürfnis ist nicht per se krankhaft. Von einer Hypersomnie oder krankhaften Schläfrigkeit spricht man erst dann, wenn das Schlafbedürfnis zu völlig unmöglichen Zeiten auftritt“, erklärt der Psychiater Michael Wiegand, der an der TU München das Schlafmedizinische Zentrum leitet. „Hypersomniker schlafen nachts nicht unbedingt besonders lange, aber sie fühlen sich regelmäßig tagsüber schläfrig und nicken dann oft gleich für mehrere Stunden ein.“

Schlafattacken am Hellichten Tag

Die häufigste Form der Hypersomnie ist die Narkolepsie, bei der die Betroffenen mitten am Tag plötzlich einschlafen. Wenn sie eine Schlafattacke überkommt, erschlafft auch ihre Muskelspannung. Gegenstände gleiten ihnen aus den Händen, oder sie fallen sogar selbst zu Boden. Aus diesem Grund lässt sich die Narkolepsie verhältnismäßig einfach identifizieren – im Gegensatz zur „Idiopathischen Hypersomnie“, der Vielschläfrigkeit ohne fassbare Ursache. Laut Schlafforscher Wiegand haben die Mediziner diese Bezeichnung aus reiner Verlegenheit gewählt, da sie schlicht nicht wissen, weshalb sie auftritt.

Dies gilt auch für das „Chronische Erschöpfungssyndrom“ (englisch: Chronic fatigue syndrome, CFS). Wie der Name schon sagt, fühlen sich die Patienten zwar ständig erschöpft, haben aber kein erhöhtes Schlafbedürfnis, weshalb die Störung nicht zu den Hypersomnien gezählt wird. Nach der ersten Beschreibung von CFS 1956 identifizierten die Mediziner immer mehr Erschöpfungspatienten, und 1988 folgte eine erste Definition der Krankheit. Demnach ist allen CFS-Patienten gemeinsam, dass sie sich mindestens über ein halbes Jahr hinweg ständig erschöpft fühlen. Als Folge schaffen sie nicht einmal mehr die Hälfte ihres früheren Arbeitspensums. Viele haben geschwollene Lymphdrüsen und leiden unter Konzentrationsstörungen oder Gelenkschmerzen.

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„In Deutschland ist CFS noch relativ unbekannt“, sagt Edelgard Klasing, die 1993 daran erkrankte und sich im Vorstand des Bundesverbandes Chronisches Erschöpfungssyndrom engagiert. „Viele bekommen zunächst eine Fehldiagnose, zum Beispiel Burnout“, beklagt sie. Eine derartige psychische Diagnose kann fatale Folgen haben, denn „so bleibt diesen Patienten eine adäquate Therapie verwehrt, und die mit der Diagnose verbundene Stigmatisierung richtet oft sogar Schaden an“.

CFS hat zwar durchaus organische Ursachen, die sich im Blutbild widerspiegeln. Hierzu gehört etwa ein Mangel des Energieträgers Adenosintriphosphat oder eine erhöhte Konzentration bestimmter Entzündungsfaktoren. Tests auf diese Substanzen sind aber nicht Bestandteil der routinemäßigen Blutuntersuchung beim Hausarzt, sondern werden nur in sehr wenigen Speziallabors durchgeführt.

mysteriöse Auslöser

Auf der Suche nach den Ursachen von Hypersomnien und Chronischem Erschöpfungssyndrom tappte die Wissenschaft lange Jahre im Dunkeln. Doch in jüngster Zeit haben einige Studien zumindest ein paar Fragen klären können. 2009 sorgte eine Arbeit aus den USA für Aufsehen: Vincent Lombardi und Judy Mikovits vom Whittemore Peterson Institute in Reno untersuchten das Blut von über 100 Menschen, die unter chronischer Erschöpfung litten. Bei auffällig vielen dieser Patienten fanden die Forscher Spuren eines Virus namens XMR. Die Hypothese, dass ein Virus die Menschen müde macht, war geboren.

Doch andere Wissenschaftler entdeckten in vergleichbaren Blutproben keine XMR-Viren. Deshalb versuchte ein Forscherteam um Harvey Alter vom amerikanischen National Institute of Health in Bethesda, dem sich auch die Autoren der Ursprungsstudie angeschlossen hatten, das Experiment in drei verschiedenen Labors zu wiederholen – ohne Erfolg. Die Wissenschaftler schlossen daraus, dass die Reagenzien, die Lombardi und seine Kollegen für ihre früheren Blutuntersuchungen verwendet hatten, mit dem XMR-Virus verunreinigt gewesen waren.

Schlafforscher Michael Wiegand überrascht dieses Ergebnis nicht: „Das Chronische Erschöpfungssyndrom ist ein Sammelbegriff für verschiedene Störungen. Es gibt einen ganzen Strauß von Ursachen, die CFS hervorrufen können. Die Studie von Alter und seinen Kollegen hat gezeigt, dass XMR-Viren als Ursache auszuschließen sind.“ Andere Viren, zum Beispiel das Ebstein-Barr-Virus, können aber durchaus zu chronischen Erschöpfungszuständen führen.

Und es gibt eine Beobachtung, die zumindest teilweise erklären könnte, wie eine Hypersomnie entsteht. Als Wissenschaftler um David Rye von der Emory University School of Medicine in Atlanta mit Rückenmarksflüssigkeit von Patienten mit Idiopathischer Hypersomnie experimentierten, entdeckten sie, dass die Rückenmarksflüssigkeit von Hypersomnikern die Wirkung von Gamma-Aminobuttersäure (GABA) verstärkt – nicht aber die der gesunden Probanden. GABA wirkt im gesamten zentralen Nervensystem als Hemmstoff. „Diese Studie ist eine Sensation, denn zum ersten Mal haben Wissenschaftler in der Rückenmarksflüssigkeit von Patienten mit Idiopathischer Hypersomnie eine Substanz gefunden, die mit der Krankheit in Zusammenhang stehen könnte“, sagt der Münchner Psychiater Wiegand.

THerapie: möglich, Aber schwierig

Als David Rye und sein Team untersuchten, wie sich die hemmende Wirkung der Rückenmarksflüssigkeit von Menschen mit Hypersomnie reduzieren lässt, stießen sie auf das Medikament Flumazenil. Das Mittel wird bislang bei Patienten eingesetzt, die eine Überdosis an Schlafmittel eingenommen haben. Als der Neurologieprofessor und seine Kollegen sieben ihrer dauermüden Probanden mit Flumazenil behandelten, besserten sich deren Beschwerden deutlich stärker als mit dem sonst bei Narkolepsie-Kranken eingesetzten Medikament Modafinil.

Eine mögliche Hürde für den therapeutischen Einsatz des Medikaments sieht der Mediziner allerdings darin, genügend Patienten für eine klinische Studie zu rekrutieren: Die Krankheit ist extrem selten – bundesweit sind wenige Tausend Menschen betroffen.

Mit etwa 300 000 Erkrankten ist CFS in Deutschland deutlich häufiger. Zwar gibt es auch für die chronische Erschöpfung noch keine einheitliche Therapie. „Aber vielen CFS-Patienten kann geholfen werden, indem die Ärzte sich jeden Betroffenen einzeln anschauen“, sagt Edelgard Klasing. Sie selbst hat sich dank einer Vielzahl von Therapien, darunter Infusionen mit Vitaminen und Cortisol, von dem Erschöpfungssyndrom erholt. Heute kann die frühere Finanzbeamtin wieder arbeiten: Sie kümmert sich als Tagesmutter um kleine Kinder, die meist „alles andere als müde“ sind. ■

Ein befreundeter Langschläfer machte Wissenschaftsjournalistin MAREN EMMERICH neugierig: Ist so viel Schlafbedürfnis noch normal?

von Maren Emmerich

Mit der Schläfrigkeit leben

Wie sieht Ihr Alltag aus?

Das ist ganz unterschiedlich, da mein Zustand stark schwankt. Im Winter gibt es Tage, an denen ich nur im Bett liege, während ich mich im Sommer manchmal fast so fühle wie früher und sogar Sport treiben kann.

Was sind Ihre größten Befürchtungen in Bezug auf die Erkrankung?

Meine größte Angst besteht darin, dass ich einmal nicht mehr richtig für mich selbst sorgen kann. Außerdem bin ich traurig über die soziale Isolation, die durch die Krankheit entsteht.

Welche Art von Therapie hilft Ihnen?

Ich bekomme hochdosierte Vitaminpräparate und eine Sauerstofftherapie. Einmal in der Woche werde ich zusätzlich an einen Tropf angeschlossen, der mein Blutvolumen und damit den Kreislauf stabilisiert. Ich hoffe, dass ich mithilfe dieser Maßnahmen irgendwann wieder ein ähnlich aktives Leben führen kann wie früher.

Was tun, wenn man ständig müde ist?

Bei anhaltender Schläfrigkeit oder Erschöpfung sollte man sich zunächst gründlich vom Hausarzt untersuchen lassen. Denn viele Krankheiten bringen Erschöpfungszustände als Begleiterscheinung mit sich – zum Beispiel rheumatische Erkrankungen, Borreliose oder Depressionen. Wenn diese und andere Grunderkrankungen als Ursachen ausgeschlossen wurden, sollten sich Patienten mit Verdacht auf „Chronisches Erschöpfungssyndrom“ (CFS) an einen Endokrinologen wenden. Er kennt die Anzeichen der chronischen Erschöpfung – etwa einen Mangel des Energieträgers Adenosintriphosphat – und kann die entsprechenden Labortests anordnen. Falls sich der Verdacht auf CFS erhärtet, empfiehlt sich zum einen eine individuell angepasste Therapie mit antiviralen oder entzündungshemmenden Medikamenten. Zum anderen kann es die Lebensqualität von CFS-Patienten erheblich bessern, wenn sie ihren Alltag so umgestalten, dass er sich auch in chronisch erschöpftem Zustand meistern lässt.

Wer vermutet, von Narkolepsie betroffen zu sein, sollte sich einer Untersuchung im Schlaflabor unterziehen. Narkolepsie lässt sich mit Medikamenten recht gut behandeln, zum Beispiel mit stimulierenden Medikamenten wie Modafinil. Derartige Medikamente werden auch bei „Idiopathischer Hypersomnie“ eingesetzt, obwohl die Symptome dadurch selten völlig verschwinden.

Mehr zum Thema

Lesen

Ratgeber zum Umgang mit chronischer Erschöpfung, die im Medizinerjargon auch als „Fatigue“ bezeichnet wird: Heiko Lorenzen Fatigue Management Schulz-Kirchner Verlag 2010, € 8,99

Internet

Homepage vom Bundesverband Chronisches Erschöpfungssyndrom mit Tipps für Patienten und Angehörige: www.fatigatio.de

Film in englischer Sprache über eine Hypersomnie-Patientin, die mit Flumazenil behandelt wurde: news.emory.edu/stories/2012/11/ antidote_for_hypersomnia/index.html

Kompakt

· Schläfrigkeit und Erschöpfung können eigenständige Krankheiten sein.

· Eine Studie, die auf einen Zusammenhang zwischen bestimmten Viren und dem Erschöpfungssyndrom hinwies, wurde kürzlich widerlegt.

· Gegen das chronische Erschöpfungssyndrom helfen individuell angepasste Therapien.

· Narkolepsie lässt sich medikamentös gut behandeln.

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