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Gesundheit|Medizin

Kilos unterm Messer

Immer mehr Menschen lassen sich den Magen verkleinern, um Pfunde zu verlieren oder ihren Diabetes zu heilen. Doch die gesundheitlichen Vorteile sind oft nur vorübergehend.

ie Medienberichte klingen euphorisch. „Faszinierend“, „hoch spannend“ und „bahnbrechend“ seien die Ergebnisse der bariatrischen oder Adipositas-Chirurgie. Kein Wunder: Menschen, die sich für ein Magenband oder einen Magen-Bypass unters Messer legen, verlieren innerhalb von zwölf Monaten 50 bis 70 Prozent ihres Körpergewichts. Weitere positive Effekte: Blutdruck, Blutfettwerte und Atembeschwerden nehmen ab, Gelenkschmerzen verschwinden, die Lebensqualität steigt. Angeblich leben operierte Patienten im Schnitt sogar länger als Fettleibige, die mit Trimm-Dich-Pfad und Diäten ihrer Fettsucht Herr werden. Und Studien deuten darauf hin, dass die bariatrische Chirurgie Typ-2-Diabetes effektiver verhindern kann als Präventionsprogramme, die auf Sport und Ernährungsumstellung basieren. Bei zwei von drei krankhaft dicken Diabetikern verschwindet die Zuckerkrankheit nach dem Eingriff sogar.

Daher legen sich adipöse Menschen immer häufiger unters Messer. Laut Statistischem Bundesamt waren es 2006 noch 1800, aber 2011 schon über 6000 Patienten – ein Anstieg um mehr als 260 Prozent. Damit die Kassen den Eingriff übernehmen, müssen Diät und Fitnessprogramm nachweislich versagt haben – und der Body-Mass-Index (BMI, siehe Tabelle rechts) höher als 40 sein. Das trifft zum Beispiel auf einen 24-jährigen Mann zu, der 1,80 Meter groß ist und 130 Kilo wiegt. Aber auch Übergewichtigen mit einem BMI zwischen 35 und 40 empfehlen Ärzte die Operation, wenn Begleiterkrankungen wie Bluthochdruck oder Diabetes auftreten. Ein Magenbypass kostet einen Selbstzahler derzeit 6900 Euro, und bei Komplikationen muss er auch für die Folgekosten aufkommen.

Trotz der Euphorie werden immer mehr Zweifel laut: Kann es sein, dass finanzielle Gründe hinter der zunehmenden Zahl der Eingriffe stecken? „Mit der Adipositas-Chirurgie lässt sich viel Geld verdienen“, sagt der Lübecker Hirnforscher Achim Peters. Und Dirk Müller-Wieland, Stoffwechselexperte an der Asklepios-Klinik St. Georg in Hamburg meint: „Von einer Diabetes-Heilung kann nicht die Rede sein.“ Es stimme zwar, dass sich die Blutzuckerwerte zunächst häufig normalisierten. „Aber nach 15 Jahren haben nur noch 10 Prozent der Patienten wirklich profitiert.“ Wissenschaftler an der Mayo-Klinik in Arizona zeigten, dass jeder fünfte Operierte nach drei bis fünf Jahren wieder an der Zuckerkrankheit litt.

Auch der Einfluss auf das Herz-Kreislauf-System ist nicht eindeutig. Zwar ergab die bislang umfangreichste Studie, die „ Swedish Obese Study“ (SOS), dass das Risiko für Herzinfarkte sinkt. Für Schlaganfälle gilt das jedoch nicht. Zudem startete Lars Sjöström von der Universität Göteborg seine Untersuchung zu einem Zeitpunkt, als die Gefahren bei einem Eingriff noch groß waren. Aus ethischen Gründen konnten die Probanden daher nicht per Zufall der Behandlung oder der Kontrollgruppe zugewiesen werden. Die Studie ist also nicht „randomisiert“ – und daher auch nicht wirklich aussagekräftig.

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Drogen, Depressionen und Suizid

Achim Peters hält deshalb auch die Leitlinie „Chirurgie der Adipositas“ der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie aus dem Jahr 2010 für fraglich: Diese schließe mit der Aussage: „Mehrere große Studien zeigen die Effektivität bariatrischer Operationen hinsichtlich der Reduktion der Langzeit-Mortalität auf.“ Ein Eingriff erhöhe also die Lebenserwartung. Es würde jedoch nicht darauf hingewiesen, dass Untersuchungen mit unzureichender Beweiskraft zugrunde lägen.

Dazu kommt: Nicht alle Klinken warnen vor möglichen Nebenwirkungen. Die SOS, aber auch eine aktuelle Arbeit des New Yorker Obesity Nutrition Research Center ergaben, dass Operierte häufiger zu Alkohol und anderen Drogen greifen. Und eine Studie der Penn State University mit mehr als 16 000 Operierten zeigte, dass die Suizidrate bei Männern um 570 Prozent, bei Frauen sogar um 740 Prozent stieg.

Achim Peters erklärt das so: „Wenn das Gehirn ein künstlich beschränktes Energieangebot bekommt, drosselt es entweder seine Leistung oder es fährt seine Stress-Systeme hoch, um an Reserven in Muskeln und Knochen zu kommen. Manche Patienten versuchen, den Stress durch Drogenkonsum zu kompensieren, bei anderen mündet er in Depressionen oder sogar in Suizid.“

Im zur Askese gezwungenen Verdauungstrakt steigt zudem das Krebsrisiko, wie eine Studie mit über 77 000 Probanden zeigte. Die Studienleiterin Maryam Derogar vom Karolinska Institut in Stockholm berichtet, dass das Darmkrebsrisiko zehn Jahre nach dem chirurgischen Eingriff doppelt so hoch ist wie bei Nicht-Operierten. Das kann damit zusammenhängen, dass es nach der Operation zu Zellwucherungen an der Darmwand kommt oder dass der operative Eingriff die Bakterienflora im Darm verändert.

Auch die Krankenkassen sehen die Entwicklung mit Skepsis. „Es stellt sich die Frage, ob alle Betroffenen über mögliche Alternativen und lebenslange Konsequenzen aufgeklärt wurden“, sagt der DAK-Krankenhausbeauftragte Peter Rowohlt. Mit der Operation ist es nämlich keineswegs getan. „Zwar verspürt man danach weniger Hunger, aber wenn Essen ein Ventil war, um psychischen Stress abzubauen, müssen neue Strategien zur Stressverarbeitung gefunden werden“, meint Tanja Legenbauer, Leiterin der Forschungsabteilung der LWL-Universitätsklinik Hamm für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Die Operation sei lediglich eine Stütze für ein gesünderes Leben.

Der letzte Ausweg

Doch viele Patienten empfinden die Operation als Befreiung. Diese Menschen, vor dem Eingriff manchmal 150 oder 200 Kilo schwer, haben oft eine jahrelange Leidensgeschichte mit vielen gescheiterten Diäten hinter sich und mussten den Spott ihrer Umwelt ertragen. „Für sie ist eine Operation oft der letzte Ausweg“, meint Legenbauer. Ginge es nach Lars Sjöström oder der interdisziplinären Expertengruppe „Metabolische Chirurgie“ würde die Adipositas-Chirurgie bereits ab einem BMI von 30 in den Leistungskatalog der Krankenkassen aufgenommen.

Inzwischen erforschen Diabetologen weltweit an Mäusen, warum Diabetes nach der Operation so schnell zurückgeht. Die Zucker- und Insulinwerte verbessern sich oft schon wenige Tag nach dem Eingriff, wenn der Patient noch gar nicht viel abgenommen hat. Geltrude Mingrone, Diabetologin an der katholischen Universität in Rom, fand heraus, dass Hormone aus einem Teil des Dünndarms, der beim Bypass umgangen wird, die Skelettmuskeln insulinresistent machen. Möglicherweise drängt die unvollständige Verdauung von Fetten die Zuckerkrankheit zurück – schließlich kurbelt fettreiche Nahrung die Produktion von Insulin an.

Auch eine veränderte Darmflora könnte den Zuckerstoffwechsel beeinflussen. „Wenn wir die Mechanismen verstehen, können wir etwas über die Entstehung von Diabetes lernen“, hofft Müller-Wieland. Möglicherweise trägt die Erforschung der Adipositas-Chirurgie auf diese Weise zur Entwicklung neuer Medikamente bei, die gegen Diabetes wirken, ganz ohne Operation. •

KATHRIN BURGER haben ihre Recherchen gezeigt, dass auch die Adipositas-Chirurgie kein Wundermittel gegen Übergewicht ist.

von Kathrin Burger

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