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Lebensrettende Viren

Viren können krank machen, sogar töten. Doch sie lassen sich auch auf menschliche Tumorzellen abrichten.

Viren haben einen schlechten Ruf. Das könnte sich aber bald ändern: Wissenschaftler tüfteln daran, die Erbgutpakete zu molekularen Kriegern im Kampf gegen Krebs zu machen. Die Waffe der Viren ist ihr unnachahmliches Talent, in Zellen einzudringen und sie zu vernichten. Genau das wollen Forscher nun für eine Krebstherapie mit onkolytischen (wörtlich übersetzt: krebsauflösenden) Viren nutzen. Die Idee ist nicht neu. Dass in Deutschland Krebspatienten mit tumorzerstörenden Viren behandelt werden, allerdings schon: An der Neurochirurgischen Universitätsklinik Heidelberg erproben Ärzte zurzeit in einer klinischen Studie Parvoviren, die das Glioblastom – den häufigsten bösartigen Tumor im Gehirn – vernichten sollen. „Erst einmal geht es darum, die Sicherheit der Viren zu testen“, erklärt Jean Rommelaere vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg, der zusammen mit seinen Kollegen die Parvoviren-Therapie entwickelt hat. Dafür spritzen die Mediziner die Viren direkt in den Tumor von Glioblastom-Patienten, bei denen das Krebsgeschwür nach einer Operation erneut gewachsen ist. Verabreicht werden zunächst nur winzige Mengen. Immerhin geht es um potenziell krank machende Erreger – auch wenn die Parvoviren nur Nagetieren gefährlich werden können.

Von den insgesamt 18 Patienten haben 8 (Stand: Dezember 2012) die Behandlung bereits hinter sich. Die Zwischenbilanz sieht gut aus: „Bis jetzt sind keine Nebenwirkungen aufgetreten, und alle haben das Virus gut vertragen“, freut sich Rommelaere. Nebenwirkungen sollte es bei einer Virotherapie auch kaum geben, denn es werden nur Viren eingesetzt, die bei Menschen entweder gar keine oder aber verhältnismäßig harmlose Krankheitssymptome hervorrufen. Außerdem werden onkolytische Viren spezifisch auf Tumorzellen abgerichtet. Parvoviren greifen beim Menschen sogar von Natur aus nur Krebszellen an, gesunde Zellen verschonen sie.

Die Frage ist nur, wie wirksam die Parvoviren tatsächlich sind. Darüber können die „Virus-Ingenieure“ bis jetzt relativ wenig sagen. „Es ist zu früh, um über Effizienz zu sprechen“, dämpft Rommelaere allzu große Erwartungen. Die eingesetzte Viren-Dosis sei noch zu gering. Erst wenn die Sicherheit der Therapie nachgewiesen ist, wird es in einer zweiten Phase darum gehen, die Wirksamkeit eingehend zu erforschen.

Lob für „Meisterleistung“

In Versuchen mit Mäusen und Ratten haben die Parvoviren sich allerdings schon behauptet – und zwar nicht nur beim Glioblastom, sondern auch bei anderen Tumorarten. Daher ist der Experte optimistisch: „Die Zeichen sind gut, dass es funktionieren könnte.“

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Zuversichtlich ist auch Dirk Nettelbeck vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ), der die Arbeit seines Kollegen eine „Meisterleistung“ nennt. Nettelbeck selbst arbeitet daran, Adenoviren auf den Weg in eine Virotherapie gegen das Maligne Melanom (Schwarzer Hautkrebs) zu bringen. In den USA laufen bereits etliche klinische Studien mit onkolytischen Viren. Nach Nettelbecks Aussage sollen dort noch in diesem Jahr die ersten Viren gegen Krebs zugelassen werden.

Neben ihrem Vernichtungspotenzial haben Viren noch eine andere Eigenschaft, die sie als Kampfmaschinen gegen Krebs tauglich macht: Sie können die biochemischen Prozesse der Wirtszelle manipulieren. Darauf fußt die Idee einer Gentherapie: Ehemalige Wissenschaftler vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf wollen mithilfe von Viren das Immunsystem dazu bringen, Tumorzellen selbst zu zerstören.

Dafür basteln die Forscher kräftig am Erbgut von Adenoviren und bauen dort drei zusätzliche Gene ein. Werden diese Viren in das Tumorgewebe gespritzt, infizieren sie dort die Zellen und schleusen das veränderte Erbgut ein. Die Folge: Die Tumorzellen produzieren drei neue Proteine. Zwei von ihnen gehören zu den Interleukinen. Das sind Botenstoffe des Immunsystems, die im Körper spezielle Abwehrzellen – die T-Zellen – aktivieren und zum Tumor locken. Das dritte Protein ist ein „Co-Stimulator“: Es verstärkt die Aktivierung der T-Zellen und sorgt dafür, dass sich die T-Zellen auf die infizierten Krebszellen stürzen und sie vernichten.

Dass das im Tierversuch gut funktioniert, konnten die Forscher bereits zeigen: Mithilfe der Adenoviren konnten sie Ratten mit Lebertumoren vollständig heilen. Die Therapie bekämpft nicht nur die ursprüngliche Krebsgeschwulst, sondern lässt auch Metastasen des Tumors verschwinden – sogar in Körperregionen, die gar nicht mit den Viren infiziert wurden. Der Grund: T-Zellen haben ein Gedächtnis. Haben sie einmal eine Tumorzelle attackiert, erkennen sie die Krebszellen wieder – auch dann, wenn diese nicht durch einen Co-Stimulator markiert sind. Daher ähnelt die Immuntherapie einer Impfung gegen Krebs.

Sicherheit steht ganz oben

Die Wissenschaftler arbeiten jetzt daran, die Therapie für den Einsatz an Patienten vorzubereiten. Wie bei der Virotherapie steht auch hier die Sicherheit ganz oben. Deshalb haben die Forscher die Viren so programmiert, dass sie zwar in die Zellen eindringen, sich aber nicht vermehren können. Außerdem haben Adenoviren wie die Parvoviren den Vorteil, dass sie ihre Gene nicht in das Wirtsgenom einbauen können. „Daher bestehen kaum Risiken“, erklärt Studienleiter Frank Schnieders.

Trotz der vielversprechenden ersten Erfolge werden wohl noch Jahre vergehen, bis Viro- und Immuntherapien regulär gegen Krebserkrankungen eingesetzt werden. Rommelaere vermutet, dass die Chancen gut stehen, in Zukunft Virotherapien mit konventionellen Krebstherapien kombinieren zu können. Schnieders geht sogar davon aus, dass die Immun- und Virotherapien das Potenzial haben, Strahlen- und Chemotherapien gänzlich zu ersetzen. Allerdings haben es neue Verfahren stets schwer, sich als Erstbehandlung durchzusetzen. „Die klassischen Behandlungen stehen trotz starker Nebenwirkungen und hoher Folgebehandlungskosten ganz vorn in den Standardbehandlungsplänen“ , bedauert Schnieders.

Dabei wünschen sich klinische Forscher, Patienten schon im Frühstadium der Krebserkrankung mit den neuen Verfahren behandeln zu können – und nicht erst dann, wenn die Kranken nach den klassischen Therapien stark geschwächt sind. ■

von Peggy Freede

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