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Liegt unsere Lebensdauer in den Genen?

Vererbung
Mutter und Tochter - ist ihre Lebensdauer vererbt? (Foto: absolut 100/ iStock)

Wie lange wir im Schnitt leben, hängt von unserer Lebensweise und Umwelt ab, aber auch von den Genen: Häufig liegt Langlebigkeit in der Familie – so jedenfalls die bisherige Annahme. Doch nun haben Forscher die Erblichkeit der Lebensdauer am Stammbaum von mehr als 400 Millionen Menschen überprüft. Das überraschende Ergebnis: Die Gene machen wahrscheinlich nicht mehr als sieben Prozent aus – nur rund die Hälfte bis ein Drittel dessen, was man vorher dachte.

Warum werden manche Menschen 120 Jahre alt und andere nicht mal 70? Und was lässt einige Menschen bis ins hohe Alter fit bleiben, während andere sich schon vor dem Rentenalter mit Wehwehchen rumschlagen müssen? Schon lange suchen Wissenschaftler nach der biologischen Basis für unsere Lebensdauer. Klar ist, dass die Lebensweise und Umwelt dabei eine enorme Rolle spielen. So leben wir deshalb deutlich länger als noch unsere Großeltern und Urgroßeltern, weil Ernährung, medizinische Versorgung und andere Faktoren heute besser sind. Gleichzeitig aber scheint auch die Vererbung für unser Lebensalter wichtig zu sein: „Es wird weithin angenommen, dass ein langes Leben in der Familie liegt“, erklären Graham Ruby von Calico Life Sciences in San Francisco und seine Kollegen. Wurden die Großeltern und Eltern sehr alt, weckt dies daher in vielen Menschen die Hoffnung, auch selbst zu den Langlebigen zu gehören.

Daten von 400 Millionen Menschen

Doch wie viel unserer Lebensdauer ist tatsächlich genetisch bedingt? „Entgegen landläufiger Annahme liegen die Schätzungen für die Erblichkeit der Lebensspanne eher niedrig – bei 15 bis 30 Prozent“, so die Forscher. Und selbst hierbei gehen die meist aus Zwillingsstudien oder den Stammtafeln von Adeligen stammenden Daten deutlich auseinander. Um mehr Klarheit zu schaffen, haben Ruby und sein Team nun einen der bisher größten Datensätze zu diesem Thema ausgewertet. Sie nutzten dabei die Tatsache, dass es inzwischen immer mehr Ahnenforschungsportale im Internet gibt, über die Menschen ihre Abstammung in Erfahrung bringen können. Eines dieser Portale, Ancestry, umfasst die Familiendaten von 54 Millionen Mitgliedern und deren rund sechs Milliarden Vorfahren.

In Zusammenarbeit mit den Ancestry-Betreibern haben die Forscher aus diesem Bestand die Daten von rund 400 Millionen Menschen und ihren Verwandtschaftsverhältnissen ausgewählt, die im 19. und 20. Jahrhundert lebten. Mithilfe von mathematischen und statistischen Verfahren werteten sie diese Daten auf die Langlebigkeit der Personen aus, aber auch auf ihren Verwandtschaftsgrad und mögliche soziokulturelle Gemeinsamkeiten. Denn wenn Geschwister in einem Haushalt leben und aufwachsen, kann auch dies ihre Lebensdauer angleichen. „Soziokulturelle Faktoren, die die Lebensdauer beeinflussen, können genauso innerhalb von Familien weitergegeben und geteilt werden wie genetische Faktoren“, erklären Ruby und sein Team.

Störfaktor Partnerwahl

Und tatsächlich: Die Auswertung ergab, dass die Erblichkeit der Lebensdauer offenbar noch geringer ist als bisher angenommen. Die Wissenschaftler kamen für den Einfluss der Gene auf einen Wert von maximal sieben Prozent. Selbst dieser Wert könnte durch soziokulturelle Einflüsse geprägt sein, so dass der reine Effekt der Gene möglicherweise noch niedriger liegt, wie Ruby und seine Kollegen erklären. Warum aber liegen diese neuen Werte so viel niedriger als die bisherigen? Eine Erklärung liefert ein Effekt, der von Biologen als „assortive Paarung“ bezeichnet wird. Er kommt zustande, weil wir Menschen dazu neigen, Partner zu wählen, die uns in vielen Merkmalen ähnlich sind. Bei ihren Stammbaumanalysen fiel den Forschern auf, dass nicht nur Ehepartner oft ähnlich lange lebten, sondern auch Schwiegereltern, Schwager und andere angeheiratete, aber nicht im gleichen Haushalt lebende Verwandte.

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Nach Ansicht der Wissenschaftler spricht dies dafür, dass wir offenbar unbewusst Partner – und deren Familien – bevorzugen, die durch Lebensweise, Biologie oder andere Faktoren eine ähnliche Lebensdauer haben wie wir selbst. Indirekt könnte beispielsweise die Wahl eines Partners aus ähnlich wohlhabenden oder gebildeten Familien zu einer ähnlichen Lebensdauer der Ehepartner führen. Oder auch die Herkunft aus der gleichen Gegend oder eine bestimmte Körperstatur. Diese assortive Paarung sorgt dann indirekt dafür, dass sich die Lebensdauer innerhalb von Familien angleicht. Weil bisherige Studien diesen Faktor nicht berücksichtigt haben, setzten sie die rein genetische Vererbung der Lebensdauer entsprechend höher an, so die Erklärung von Ruby und seinen Kollegen. Rechnet man diese stark soziokulturell geprägte Komponente jedoch heraus, kommt man auf einen deutlich niedrigeren Einfluss der Gene auf die Langlebigkeit.

Das bedeutet: Selbst wer aus einer Familie von eher Langlebigen kommt, kann sich nicht auf die Vererbung als Lebensverlängerer verlassen. Das Positive jedoch: Unsere Lebensdauer ist weit weniger vorherbestimmt als man dachte.

Quelle: Graham Ruby (Calico Life Sciences LLC, South San Francisco) et al., Genetics, doi: 10.1534/genetics.118.301613

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Zim|bel  〈f. 21; Mus.〉 Schlaginstrument, kleines Becken [<lat. cymbalum ... mehr

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