Löschtaste fürs Trauma? - wissenschaft.de
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Gesundheit+Medizin

Löschtaste fürs Trauma?

Keiner spricht mehr darüber: Chemotherapie gegen Posttraumatische Belastungsstörung.

Das Geräusch von zerbrechendem Glas – und plötzlich ist alles wieder da: Das Krachen von Schüssen, der Geruch von Blut, die Todesangst. „Flashbacks“ heißen die lebhaften Erinnerungsfetzen, die etliche Patienten mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) mitten im Alltag überfallen.

Viele Soldaten entwickeln nach ihrer Heimkehr eine PTBS. Ärzte und Psychologen führten 2012 insgesamt 1143 Trauma-Behandlungen in den Bundeswehrkrankenhäusern durch. Dabei ist die Dunkelziffer dieser psychischen Störung wesentlich höher, wie eine aktuelle Studie des Teams um den Klinischen Psychologen Hans-Ulrich Wittchen von der Universität Dresden zeigt: Nur rund jeder zweite Soldat sucht professionelle Hilfe.

Traumatische Erfahrungen brennen sich regelrecht in das Gedächtnis ein. Die Stress-Botenstoffe Adrenalin und Noradrenalin überfluten den Körper und sorgen vermutlich dafür, dass das Emotionszentrum des Mandelkerns (Amygdala) im Gehirn die belastenden Gefühle quälend genau speichert.

2004 schien ein Durchbruch bei der PTBS-Behandlung nahe (bild der wissenschaft 8/2004, „Chemotherapie gegen Angst“): Ein Herzmedikament sollte die Erinnerung an das Trauma noch vor der Speicherung abschwächen. Eigentlich schützt der Betablocker Propranolol vor Bluthochdruck – doch dadurch, dass er bestimmte Andockstellen im Körper besetzt, verringert er die Aktivität der Stressbotenstoffe. Eine Studie des Psychiaters Roger Pitman von der Harvard Medical School ließ hoffen: Patienten, die kurz nach einem Raubüberfall, einem Unfall oder einer Vergewaltigung in der Notaufnahme mit Propranolol behandelt wurden, zeigten keine Stresssymptome, als sie sich nach Monaten ihren Bericht auf Band anhörten. In der Placebogruppe reagierte knapp die Hälfte mit großem Stress.

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Weitere Studien mit Propranolol lieferten jedoch widersprüchliche Ergebnisse. Mittlerweile hat sich die Hoffnung auf ein effektives Sofortmedikament für Traumapatienten weitgehend zerschlagen. Der Grund ist möglicherweise, dass das Medikament nach einem Trauma nicht schnell genug verabreicht werden kann. „Selbst wenn wir es nach sechs Stunden geben, kann das zu spät sein“, fürchtet Pitman. Das Erlebnis habe sich dann wohl schon im Gedächtnis festgesetzt.

Doch unsere Erinnerungen sind manipulierbar. Und zwar jedes Mal von Neuem, wenn Menschen sie aus dem Langzeitgedächtnis ans Licht holen. Das brachte Pitman auf eine Idee: Vielleicht kann Propranolol die Patienten noch Jahre später von quälenden Erinnerungen befreien, wenn man sie dazu bringt, sich während der Verabreichung des Medikaments an das Trauma zu erinnern? Das testet seine Arbeitsgruppe momentan. Pitman ist optimistisch: „ Hier scheinen wir mehr Glück zu haben.“

Während der Forscher weiter auf das Mittel setzt, wird es in der klinischen Praxis gemieden. „In unserer Trauma-Ambulanz benutzen wir kein Propranolol“, stellt Günter Seidler klar, Leiter der Psychotraumatologie an der Universitätsklinik Heidelberg. Auch in Bundeswehrkrankenhäusern werden Soldaten im Rahmen der Traumatherapie nicht mit dem Arzneimittel behandelt, weiß Peter Zimmermann, Leiter des Psychotraumazentrums der Bundeswehr.

Unterdessen macht der Hoffnungsträger eine ganz andere Karriere: als illegales Dopingmittel. Denn Propranolol reduziert Stresssymptome wie Zittern und Lampenfieber und verlangsamt den Herzschlag. Studenten mit Prüfungsangst dopen sich damit. 2008 kam das Arzneimittel sogar auf ein olympisches Treppchen – wenn auch nur kurz. Nach einem positiven Propranolol-Test musste der nordkoreanische Pistolenschütze King-Jong Su seine Medaillen wieder abgeben.

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