Mehr Sicherheit beim Brustkrebs-Gentest? - wissenschaft.de
Anzeige
Anzeige

Gesundheit+Medizin

Mehr Sicherheit beim Brustkrebs-Gentest?

Wie hoch ist mein Brustkrebsrisiko? Frauen mit einer entsprechenden familiären Vorgeschichte kann ein Gentest Aufschluss geben. (Foto: Voyagerix/ istock)

Spätestens seitdem sich Angelina Jolie öffentlichwirksam die Brüste entfernen ließ, wissen die meisten Frauen: Brustkrebs kann auch erblich bedingt sein. Vor allem bestimmte Veränderungen im sogenannten BRCA1-Gen erhöhen das Erkrankungsrisiko deutlich. Welche Mutationen aber sind potenziell krankheitsauslösend und welche harmlos? Forscher haben nun eine Methode entwickelt, mit deren Hilfe sich das Risikopotenzial zahlreicher Mutationen womöglich besser und schneller abschätzen lässt. Dies könnte bisherige Unsicherheiten beim Brustkrebs-Gentest reduzieren, so die Hoffnung.

Für manche Frauen, die die Diagnose Brustkrebs erhalten, ist die Krankheit eine alte Bekannte. Denn bei ihnen litt bereits die Mutter, die Oma oder die Tante daran – der Krebs tritt in ihren Familien gehäuft auf. Dies kann darauf hindeuten, dass die Patientinnen an einer erblichen Form von Brustkrebs leiden. Verantwortlich dafür können zum Beispiel Mutationen im sogenannten Brustkrebsgen BRCA1 sein. Bei diesem Erbgutabschnitt handelt es sich um ein Tumorsuppressorgen, das eine wichtige Rolle für die DNA-Reparatur spielt – und damit der Entartung von Körperzellen entgegenwirkt. Bestimmte Veränderungen in diesem Gen führen aber zum Verlust dieser Funktion. Betroffene Frauen haben dadurch ein besonders hohes Risiko, an Brustkrebs zu erkranken. Häufigere Kontrolluntersuchungen oder die vorsorgliche Entfernung der Brust können dann eine Möglichkeit sein, dem Krebs trotzdem zu entkommen. Für letztere Variante hat sich vor einigen Jahren zum Beispiel Angelina Jolie entschieden.

Ungewissheit statt Sicherheit

Doch nicht immer ist das individuelle Risiko so klar festzustellen wie bei der US-Schauspielerin: Bei vielen Frauen fällt der Gentest alles andere als eindeutig aus. Der Grund: Zwar kennen Mediziner inzwischen einige Mutationen im BRCA1-Gen, die das Risiko für Brustkrebs mit ziemlicher Sicherheit deutlich erhöhen. Bei tausenden anderen Mutationen sind die Auswirkungen aber unbekannt – Experten sprechen von Varianten ungewisser Bedeutung. „Frauen mit entsprechender familiärer Vorgeschichte werden regelmäßig auf BRCA1-Mutationen untersucht“, sagt Lea Starita von der University of Washington in Seattle. „Erklärt zu bekommen, dass sie eine Mutation in diesem Gen haben, aber der Arzt nicht weiß, was sie bedeutet, nimmt den Frauen nicht gerade ihre Ängste – im Gegenteil.“

Starita und ihre Kollegen um Studienleiter Gregory Findlay haben nun eine Methode entwickelt, um diese Ungewissheit in Zukunft zu minimieren. Ihre Idee: Mithilfe der Genschere CRISPR/Cas9 lassen sich tausende Mutationen im BRCA1-Gen künstlich herbeiführen – sogar solche, die vom Menschen noch gar nicht bekannt sind. Welchen Effekt die einzelnen Veränderungen haben, zeigt sich dann in Zellversuchen. Denn der Verlust der krebshemmenden BRCA1-Funktion führt bei bestimmten menschlichen Zelllinien in der Petrischale zum Tod. „Im Prinzip kategorisieren wir alle möglichen Mutationen in kritischen Regionen des BRCA1-Gens als entweder krankheitsauslösend oder harmlos“, erklärt Findlay den Ansatz. Dank der jüngsten Fortschritte in der Gentechnik war es ihm und seinem Team möglich, innerhalb von nur sechs Monaten fast 4.000 Mutationen mit ihrer Methode zu testen und deren Risikopotenzial einzustufen.

Hoffnung mit Einschränkungen

Wie aussagekräftig aber sind diese Ergebnisse? Um dies zu überprüfen, untersuchten die Wissenschaftler auch einige BRCA1-Varianten, die bereits hinlänglich erforscht sind. Die Auswertungen zeigten: „Obwohl wir mit Zellen in einer Petrischale arbeiten, sind unsere Ergebnisse erstaunlich genau. Sie stimmen fast immer mit dem überein, was wir bei Patienten beobachten“, berichtet Findlay. Für die Forscher ist damit klar: Künftig könnte ihr Ansatz wichtige Erkenntnisse über all jene Genveränderungen liefern, die Medizinern bisher noch schlaflose Nächte bereiten. Schon jetzt haben Findlay und seine Kollegen einige der Varianten mit ungewisser Bedeutung als wahrscheinlich krankheitsauslösend enttarnt. In den kommenden Jahren wollen sie möglichst viele weitere dieser Varianten unter die Lupe nehmen – und die Ergebnisse dann umgehend veröffentlichen. „Unsere Hoffnung ist, dass unsere Datenbank immer umfangreicher wird und auf diese Weise bei der Interpretation von Gentestergebnissen helfen kann“, konstatiert Starita.

Anzeige

Stephen Chanock von den National Institutes of Health in Bethesda mahnt trotz aller Euphorie jedoch zur Vorsicht: „Es scheint verlockend, das neue Testverfahren nun sofort zur Einordnung unsicherer Varianten zu nutzen“, schreibt der Krebsexperte in einem Kommentar zur Studie. „Das Rückgrat jedes Gentests ist jedoch die Verfügbarkeit ausreichend klinischer Daten, um einer bestimmten Variante ein konkretes Risiko zuschreiben zu können. In-vitro-Daten allein sollten nicht die Grundlage für medizinischen Rat bilden – zumindest solange nicht, bis die Methode von Findlay und seinen Kollegen validiert worden ist.“

Quelle: Gregory Findlay (University of Washington, Seattle) et al., Nature, doi: 10.1038/s41586-018-0461-z

Anzeige

bild der wissenschaft | Aktuelles Heft

Liken und keine News mehr verpassen!

Anzeige

Klimawandel: Wie viel CO2 bleibt uns noch?

CO2-Uhr zeigt verbleibendes Emissions-Budget der Menschheit an weiter

Pestizid-Cocktail in Europas Böden

Rückstände zahlreicher Pflanzenschutzmittel belasten unsere Äcker weiter

Skurril: Strom aus dem Champignon

Mit Hightech und Bakterien aufgerüsteter Pilz erzeugt Elektrizität weiter

Stirn und Nase verraten die Lüge

Pinocchio-Effekt zeigt Lügen besser als ein klassischer Lügendetektor weiter

Wissenschaftslexikon

New Eco|no|my  〈[njuıknmı] f.; – –; unz.; Wirtsch.〉 Gesamtheit der in den neueren Wirtschaftsbereichen (Internet, Informationstechnologie, Telekommunikation, Multimedia, Biotechnologie, Hightech u. a.) angesiedelten Unternehmen [engl., ”neue Wirtschaft“]

Hau|sen  〈m. 4; Zool.〉 Störfisch des Schwarzen u. Kaspischen Meeres, liefert den Kaviar: Huso huso; Sy Beluga ( ... mehr

Ma|ni|ok  〈m. 1; unz.; Bot.〉 Gattung südamerikan. Wolfsmilchgewächse, deren blausäurehaltige Wurzelknollen durch Kochen, Rösten od. Trocknen genießbar gemacht werden: Manihot utilissima u. M. dulcia; oV Manihot ... mehr

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige