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MUT ZUM DRITTEN GESCHLECHT

Intersexuelle Kinder werden oft schon als Babys operiert, um ihnen ein eindeutiges Geschlecht zu geben. Doch das hat sich nicht bewährt, wie eine Studie zeigt.

„Solange ich denken kann, hatte ich tief in mir ein Gefühl von Anderssein – unerklärlich, unbestimmt, unaussprechlich“, schreibt Anna auf der Internetseite der XY-Frauen, die intersexuellen Menschen ein Forum bietet. Mit zwölf Jahren stellte Anna fest, dass ihre Klitoris größer war als die von anderen Mädchen. Sie schämte sich, las heimlich in Medizinbüchern und rätselte: Was stimmt mit meinem Körper nicht? Als sie einige Jahre später in den Stimmbruch kam und ihr Haare auf der Brust wuchsen, war sie verzweifelt. Doch ihre Identität stand nie in Frage, für sie war klar: Ich bin eine Frau. Die Ärzte waren sich da nicht so sicher und stellten ihr verwirrende Fragen. „Ein erklärendes Wort der Ärzte gab es nicht, nur eine Überweisung in die Uniklinik. Dort musste ich drei Monate lang intimste Untersuchungen über mich ergehen lassen, wurde fotografiert, auf dem Gynäkologenstuhl von Studentenscharen begutachtet, in Hörsälen herumgereicht, auf den Kopf gestellt – alles ohne hinreichende Erklärung oder psychologische Unterstützung.“ Dann entfernte man ihre Eierstöcke – für Anna ein lebenslanges Trauma.

Lange plädierten Ärzte dafür, Menschen mit uneindeutigem Geschlecht mittels chirurgischer Eingriffe eindeutig zu machen. Ohne eine klar definierte Geschlechterrolle könne sich ein Mensch nicht normal entwickeln, lautete das zentrale Argument. Vor allem der US-amerikanische Mediziner John Money gab diese Sichtweise vor. In den 1950er-Jahren hatte er mit frühkindlichen Operationen experimentiert und fünf Grundsätze formuliert: Frühzeitige Zuweisung zu einem Geschlecht, stringente Erziehung als Mädchen oder Junge, operative Angleichung in den ersten Lebensmonaten, Geheimhaltung der Diagnose, keine Aufklärung der Betroffenen über die operativen Eingriffe und die hormonelle Behandlung. Money war der Ansicht, auf diese Weise eine eindeutige Geschlechtsidentität herbeiführen zu können. Seine Empfehlungen wurden auch in Deutschland von Medizinern jahrelang befolgt, weiß die Ärztin und Psychologin Hertha Richter-Appelt vom Institut für Sexualforschung in Hamburg.

Um herauszufinden, welche Erfahrungen Betroffene mit diesen Therapiemethoden gesammelt haben und wie es um ihre Lebensqualität steht, machte die Expertin mit ihrer Forschergruppe „Intersex“ eine Befragung. 78 Intersexuelle zwischen 16 und 60 Jahren berichteten aus ihren Behandlungsbiografien. Die meisten waren zu einer Frau operiert worden. Das Problem: Das zugewiesene biologische Geschlecht und das subjektive Empfinden stimmten oft nicht überein – was zu starken psychischen Belastungen führte. Besonders problematisch war die Situation für jene Intersexuellen, deren Androgen-Biosynthese gestört war. Diese Störung hat zur Folge, dass trotz männlicher Chromosomen die Genitalien eher weiblich sind. In der Pubertät findet aber eine männliche Entwicklung statt mit Stimmbruch und Bartwuchs. Diese Misch-Identität führt zu Verunsicherung und sozialer Ausgrenzung.

GEDANKEN AN SELBSTMord

Die von Richter-Appelt Befragten bemängelten vor allem, dass sie nicht die „volle Wahrheit“ gesagt bekommen hatten. Schwerwiegende Diagnosen seien häufig zwischen Tür und Angel mitgeteilt worden. Zudem hätte die korrekte Diagnose manchmal mehrere Monate bis Jahre gedauert, teils wurde sie auch erst im Erwachsenenalter gestellt. Die meisten Befragten waren mit der medizinischen Betreuung unzufrieden. Das Fotografieren ihres Genitals oder ihres ganzen Körpers war für sie belastend, ebenso die Anwesenheit von Medizinstudenten während Untersuchungen. Die Behandlung mit Hormonen hatte mitunter Nebenwirkungen, die klimakterischen Beschwerden ähnelten. Fast jede/r zweite Intersexuelle berichtete über Selbstmordgedanken. Jede/r Zehnte hatte bereits verletzende Handlungen an sich vollzogen.

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Die Ergebnisse machen deutlich, dass trotz medizinischer Behandlungen häufig kein psychophysisches Wohlbefinden gewährleistet werden konnte, schließt Richter- Appelt. Die Hamburger Forscherin ist sicher: Die frühen geschlechtskorrigierenden Eingriffe, die ein „normales Leben“ ermöglichen sollen, führen nicht zu einer stabilen Geschlechtsidentität. Die Journalistin Ulla Fröhlich, die für ihr Buch „Leben zwischen den Geschlechtern“ zahlreiche Intersexuelle interviewt hat, zieht aus ihren Recherchen den Schluss: Das Trauma geschlechtskorrigierender Operationen wird von vielen Ärzten massiv unterschätzt. Ihr Urteil fällt hart aus: „Alle Betroffenen, mit denen ich sprach und die dem deutschen Medizinapparat ausgeliefert waren, mussten Behandlungen erleiden, die sexueller Gewalt ähnlicher sind als einer medizinisch notwendigen Behandlung auf der Basis des hippokratischen Eids.“ Der auf Hippokrates von Kós zurückgehende Eid verpflichtet Ärzte, ihren Patienten unter keinen Umständen einen psychischen oder physischen Schaden zuzufügen.

Wann Ärzte eingreifen müssen

Auch der Hamburger Kinderarzt Jens Commentz weiß: „Wir müssen einfach sehen – ich sage das jetzt, ohne Kollegen angreifen zu wollen –, dass manche Chirurgenmentalität fürchterliche Katastrophen verursacht hat.“ Doch er weiß auch, dass manchmal frühes Eingreifen notwendig ist – etwa beim Androgenitalen Syndrom. Das ist ein erblicher Defekt, bei dem die Nebennierenrinde zu wenig oder kein Cortisol produziert, was zu einer Stoffwechselstörung mit lebensbedrohlichem Salzverlust führen kann. Beim Versuch, den Mangel auszugleichen, produziert die Nebennierenrinde andere Hormone, auch männliche Sexualhormone. Bei Mädchen führt das zu vermännlichten Genitalien.

Doch wenn kein medizinischer Notfall vorliegt, sollte man genau abwägen, ob eine Operation sinnvoll ist. Der Sexualmediziner Hartmut Bosinski von der Universitätsklinik Kiel hat im Herbst 2009 einen Katalog an Handlungsempfehlungen für Ärzte im Umgang mit Intersexuellen veröffentlicht. Darin macht er unter anderem deutlich, dass Sicherheit vor Schnelligkeit gehen muss, dass Genitaluntersuchungen nicht zu Demonstrationszwecken vorgenommen werden dürfen und dass eine interdisziplinäre Betreuung von Kindern und Eltern notwendig ist.

Nichts zu tun, sei allerdings keine Option, meint die Berliner Ärztin Anette Grüters: „Ich kann ein Kind nicht ohne festgelegte Geschlechterrolle in eine Gesellschaft loslassen, die dafür nicht bereit ist.“ Die Diskriminierung, die ein Kind mit intersexuellem Genital ertragen müsse, sei immens. Sie sieht es als Pflicht des Arztes an, Kinder vor solchen gesellschaftlichen Anfeindungen zu schützen. Auch das gebiete der hippokratische Eid. Dass Operationen problematisch sind, weiß auch Grüters, die gemeinsam mit dem Psychotherapeuten Knut Werner-Rosen intersexuelle Kinder und deren Angehörige am Berliner Virchow Klinikum betreut. Aufklärung und Abbau von Ängsten stehen dabei im Vordergrund.

DIE FREIE WAHL

Viele Intersexuelle fordern die Gesellschaft auf, ihren besonderen Geschlechterstatus anzuerkennen. Das Grundgesetz kennt jedoch nur Mann und Frau. Die Forderung nach einem dritten Geschlecht ist nicht neu. Bereits 1900 schlug der Arzt Rudolf Virchow vor: „Wenn aber der objective Charakter fehlt, so müssen wir uns meines Erachtens bei der Bestimmung des Geschlechts nach den subjektiven Symptomen richten.“ Und schon im „Allgemeinen Landrecht für die Preussischen Staaten“ von 1794 hieß es: „Wenn Zwitter geboren werden, so bestimmen die Älteren, zu welchem Geschlechte sie erzogen werden sollen. Jedoch steht einem solchen Menschen, nach zurückgelegtem achtzehnten Lebensjahre, die Wahl frei, zu welchem Geschlechte er sich halten wolle.“

Ein drittes Geschlecht, wie es der Berliner Sexualforscher Magnus Hirschfeld Anfang des 20. Jahrhunderts postulierte, ist bis heute eine leere Kategorie. Der Mensch ist geschult, in Gegensätzen zu denken, wie Friedrich Nietzsche in „Menschliches, Allzumenschliches“ schrieb: „Die allgemeine ungenaue Beobachtung sieht in der Natur überall Gegensätze (wie z.B. warm und kalt) wo keine Gegensätze, sondern nur Gradverschiedenheiten sind. Diese schlechte Gewohnheit hat uns verleitet, nun auch noch die innere Natur, die geistig-sittliche Welt, nach solchen Gegensätzen zu verstehen und zerlegen zu wollen.“

Die Hamburger Sexualforscherin Hertha Richter-Appelt ist überzeugt: Um das subjektive Geschlechtserleben zu beschreiben, ist das Geschlecht besser als Kontinuum anzusehen. Die Intersexuellen selbst sind sich uneins, wie sich Mediziner ihnen gegenüber verhalten sollen. Hinter ihrer Rhetorik der Anklage, die in Internet-Foren zu lesen ist, stecken oft Wut, Ratlosigkeit und eine seelische Ambivalenz. Selbst zwischengeschlechtliche Menschen können sich offenbar nicht vom Mann-Frau-Schema trennen. Zum einen haben sie den Wunsch, zur „Mann-Frau-Welt“ zu gehören, zum anderen aber auch den Willen, sich den Geschlechterzwängen nicht zu unterwerfen. ■

NIKOLAS WESTERHOFF, Psychologe und Wissenschaftsjournalist, schreibt häufig über Themen rund um die Sexualität.

von Nikolas Westerhoff

GUT ZU WISSEN: INTERSEXUALITÄT

Die Zahl der intersexuellen Menschen in Deutschland liegt zwischen 16 000 und 800 000 – je nach Definition. Im Allgemeinen spricht man von Intersexualität, wenn die Geschlechtschromosomen (XX bei Frauen, XY bei Männern) nicht mit den inneren und äußeren Geschlechtsorganen sowie der Hormonproduktion übereinstimmen. Sogenannte XY-Frauen haben etwa einen männlichen Chromosomensatz, aber ein weibliches Genital.

Intersexualität, auch als DSD (Disorders of Sex Development) bezeichnet, ist ein Sammelbegriff, unter dem viele zwischengeschlechtliche Erscheinungsformen zusammengefasst werden. Gemeinsam ist allen Betroffenen, die auch Zwitter oder Hermaphroditen genannt werden, dass sie sowohl weibliche als auch männliche Anlagen haben. Häufig sind uneindeutige Geschlechtsorgane vorhanden, also eine zu große Klitoris oder ein verkümmerter Penis. Es gibt die Möglichkeit, das Genital operativ anzugleichen, indem etwa eine große Klitoris verkleinert, eine Scheide nachgebildet oder ein Penis aufgebaut wird.

Die Zweigeschlechtlichkeit unterscheidet sich insofern von der Transsexualität, als Transsexuelle eindeutige Geschlechtsmerkmale haben, sich aber zum anderen Geschlecht gehörig fühlen. Das zeigt: Das Geschlechtsempfinden ist komplex und setzt sich aus biologischen, sozialen und psychischen Aspekten zusammen.

Die Hürde der Maria Pinto

Bei den olympischen Spielen 1988 musste sich die Hürdenläuferin Maria Pinto einem Chromosomentest unterziehen, weil sie kein ärztliches Gutachten vorlegen konnte, das ihr die weibliche Geschlechtszugehörigkeit bestätigte. Es stellte sich heraus, dass sie ein „männliches“ Y-Chromosom hatte. Außerdem verbargen sich Hoden hinter ihren Schamlippen. Nach den Kriterien des Olympischen Komitees galt sie als Mann und wurde von den Wettkämpfen ausgeschlossen. Ihre errungenen Titel wurden ihr aberkannt.

Pinto wehrte sich gegen dieses Urteil – mit Erfolg. Da die Unterscheidung „Mann-Frau“ nur aus Gründen des fairen Wettbewerbs vorgenommen werde, so ihre Argumentation, dürften lediglich solche Geschlechtsmerkmale herangezogen werden, die beim Hürdenlauf ein Leistungsgefälle zwischen Mann und Frau bedingen könnten – also die Konstitution von Schultern und Becken. Da sich Pinto hierin aber nicht wesentlich von anderen Frauen unterschied, wurde sie 1992 wieder zu den Olympischen Spielen zugelassen und startete als weibliches Mitglied des spanischen Teams. Das Beispiel zeigt: Es gibt kein alleiniges Merkmal, an dem sich das Geschlecht eines Menschen festmachen lässt. Dieses ist sozusagen Verhandlungssache.

KOMPAKT

· Eine Operation führt bei Intersexuellen oft nicht dazu, dass sie eine stabile Geschlechtsidentität entwickeln.

· Viele intersexuelle Menschen wünschen sich mehr Akzeptanz für das „dritte Geschlecht“.

MEHR ZUM THEMA

INTERNET

Internationale Vereinigung intergeschlechtlicher Menschen: www.intersexualite.de

Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität e.V.: www.dgti.org

Selbsthilfegruppe für intersexuelle Menschen: www.xy-frauen.de

Die Hamburger Forschergruppe um Hertha Richter-Appelt: www.intersex-forschung.de

Die Menschenrechtsgruppe „Zwischengeschlecht“: zwischengeschlecht.org/

LESEN

Gerald Callahan BETWEEN XX AND XY Intersexuality and the myth of two sexes Chicago Review Press, Chicago 2009 ca. € 20,–

Ulla Fröhlich LEBEN ZWISCHEN DEN GESCHLECHTERN Intersexualität – Erfahrungen in einem Tabubereich Ch. Links, Berlin 2003, € 14,90

Anatomische Varianten

Zwischen dem weiblichen und dem männlichen Genital gibt es graduelle Übergänge – von einer leicht vergrößerten Klitoris bis hin zu einem verkümmerten Penis plus Gebärmutter (im Bild: dunkelblau).

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Wissenschaftslexikon

zi|vi|li|siert  〈[–vi–] Adj.; –er, am –es|ten〉 1 die Errungenschaften der Zivilisation besitzend, technisch u. in den äußeren Lebensformen fortgeschritten, entwickelt 2 anständig, gesittet ... mehr

Win|kel  〈m. 5〉 1 〈Math.〉 zw. zwei sich schneidenden Geraden liegende Ebene 2 von zwei Wänden gebildete Ecke (eines Raumes) ... mehr

Brü|cken|schal|tung  〈f. 20; El.〉 elektrische Schaltung zur genauen Messung von Widerständen, Kapazitäten, Induktivitäten u. Ä.; Sy Messbrücke ... mehr

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