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Gesellschaft+Psychologie Gesundheit+Medizin

„Nein“ brüllen und kämpfen

Selbstverteidigungskurse sollen verhindern, dass Minderjährige Opfer von Vergewaltigungen werden. Es gibt erste Erfolge.

Die meisten denken bei Sexualverbrechen fast ausschließlich an Verbrechen gegen Frauen“, stellt Richard Felson fest. Doch der Kriminologie-Professor von der Pennsylvania State University weiß es besser: In der größten Gefahr schweben nicht erwachsene Frauen, sondern 15-jährige Mädchen. Ihr Risiko vergewaltigt zu werden, ist fast fünfmal so hoch wie das von 25-jährigen Frauen und neunmal so hoch wie das von 35-jährigen Frauen. Und auch Jungen werden häufig zu Opfern. Ihr Risiko ist nicht so hoch wie das von Mädchen, trotzdem wird ein 15-Jähriger eher vergewaltigt als eine 40-jährige Frau.

„Sexualverbrechen als Verbrechen gegen junge Menschen“, überschrieb Richard Felson seinen Bericht in einer Fachzeitschrift. Er hat die größte Datensammlung von Vergewaltigungen und anderen sexuellen Übergriffen in den USA analysiert. Fast 300 000 einschlägige Verbrechen sind im „ National Incident-Based Reporting System“ registriert, das vom FBI geführt wird.

Deutsche Daten sind nicht so detailliert, doch sie zeichnen ein ähnliches Bild: Laut Polizeistatistik fallen von 100 000 Frauen und Männern im Alter zwischen 21 und 60 Jahren jährlich 11 einer Vergewaltigung oder sexuellen Nötigung zum Opfer. Zwischen 14 bis 20 Jahren sind es etwa 50. In Wirklichkeit geschehen weit mehr solche Verbrechen, doch die meisten werden nicht angezeigt. Das gilt besonders bei jüngeren Menschen.

Oft sind die Täter gar nicht pädophil, sondern Kinder und Jugendliche sind schlicht die leichtesten Opfer. So sah es auch Ronny Rieken, der Ende der 1990er-Jahre in Niedersachsen eine 11-Jährige und eine 13-Jährige erst vergewaltigte und dann ermordete. „Mag schon stimmen, dass man bei jungen Mädchen schneller ans Ziel kommt“, erklärte er vor Gericht lapidar. Die Mädchen hätten ja „mehr Angst als Vaterlandsliebe“. Teenagern wird immer wieder ihre Unerfahrenheit zum Verhängnis, wenn sie abends unterwegs sind und beispielsweise in der Disco jemanden kennenlernen. Sie sind schon sexuell attraktiv, aber noch kaum in der Lage, sich zu schützen.

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Wirkungsvoll: Selbstbewusst auftreten

Präventionsprogramme sollen in Deutschland und vielen anderen Ländern verhindern, dass Minderjährige Opfer von sexueller Gewalt werden. Oft setzen sie schon in Kindergarten und Grundschule an. Die Mädchen und Jungen lernen, Gefahrensituationen rechtzeitig zu erkennen und selbstbewusst aufzutreten. Denn Täter suchen sich eher schwach wirkende Kinder aus.

Wie Studien belegen, kennen Kinder die Gefahren nach dem Besuch eines solchen Kurses tatsächlich besser und zeigen in Rollenspielen, dass sie klar „Nein“ sagen können. Und sie gehen deutlich seltener mit, wenn sie ein Fremder anspricht, auch das haben Experimente gezeigt. Wenn der Täter allerdings nicht locker lässt, haben auch trainierte Minderjährige wenig Chancen. „Keine Unterschiede zeigten sich in der Fähigkeit, den Über- griff erfolgreich abzuwenden“, bilanziert das Deutsche Jugendinstitut in München in einer vom Bundesforschungsministerium geförderten Expertise.

Jetzt aber haben Forscher aus Kalifornien – auch von der renommierten Stanford University – zusammen mit Kollegen aus Kenia belegt: Jugendliche können in wenigen Stunden lernen, Vergewaltigungsversuche abzuwehren. Für die Studie wurden 500 im Schnitt 17-jährige Schülerinnen befragt, die in einem Slumgebiet am Rand von Nairobi lebten. Nicht weniger als 25 Prozent waren im Jahr zuvor vergewaltigt worden, viele mehrmals. Ein Teil von ihnen nahm dann in der Schule an einem Selbstverteidigungskurs teil. Er bestand aus zwölf Lektionen und basierte auf Programmen, die in den USA, Europa und Israel entwickelt worden waren.

Die Mädchen lernen in diesem Kurs, bei Gefahr „Nein“ zu brüllen und andere zu Hilfe zu rufen. Nur wenn sonst nichts wirkt, sollen sie kämpfen – dann aber richtig. In einer Übung stellen sie sich vor, dass ihr Körper mit Kampfwerkzeugen ausgestattet sei und der Körper des Angreifers viele verwundbare Stellen habe. Sie lernen Techniken, um den Täter schnell außer Gefecht zu setzen. Und sie trainieren, erst so zu tun, als ob sie sich fügen würden, um dann mit aller Kraft zuzuschlagen.

Bei der deutschen Polizei sieht man diese Art der Selbstverteidigung allerdings skeptisch. „Körperliche Widerstandsformen können zwar trainiert werden, in der Praxis funktionieren sie aber nicht“, sagt Kriminaldirektor Andreas Mayer aus Erfahrung. Der Geschäftsführer der Zentralen Geschäftsstelle Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes fürchtet: Entschlossener Widerstand lässt die Gewalt eher eskalieren.

Fest steht: In Kenia wehrten sich viele Mädchen erfolgreich. Im Jahr nach dem Kurs wurden 9 Prozent vergewaltigt, was immer noch eine große Zahl ist, aber deutlich weniger als 25 Prozent wie im Vorjahr. Die nicht trainierten Mädchen anderer Schulen wurden genauso häufig vergewaltigt wie zuvor. Gut die Hälfte der trainierten Schülerinnen hatte ihre neuen Abwehrstrategien eingesetzt. Fast immer hatten sie es mit bekannten Tätern zu tun, etwa Verwandten oder dem eigenen Freund, was bei Vergewaltigungen typisch ist. 50 Prozent der Mädchen konnten die Attacke allein mit Worten abwehren, bei 33 Prozent half reden nichts und sie mussten sich körperlich wehren, 17 Prozent reagierten gleich aggressiv.

Starksein kostet nicht viel

Dass sich ein Selbstverteidigungskurs lohnt, zeigt auch eine große Befragung amerikanischer Studentinnen, die Leanne Brecklin von der University of Illinois in Springfield bereits 1995 ausgewertet hatte. Den jungen Frauen, die zuvor an einem Kurs teilgenommen hatten, gelang es häufiger, den Angreifer zu stoppen, obwohl sie nicht mehr geschrien oder gekämpft hatten als die untrainierten. Möglicherweise strahlten sie so viel Entschlossenheit aus, dass das gar nicht nötig war.

Ob ein Selbstverteidigungsprogramm auch hierzulande erfolgreich wäre, lässt sich schwer prüfen. Da Vergewaltigungen in reicheren Industrieländern viel seltener sind, könnte nur eine sehr große Studie genügend Fälle erfassen.

In kriminalitätsträchtigen Krisenregionen wie Kenia ist ein solches Programm auf jeden Fall eine große Hilfe. Und nicht nur für die Psyche der jungen Frauen: Es kann auch Infektionen mit Geschlechtskrankheiten verhindern sowie die Zahl von ungewollten Schwangerschaften und Schulabbrüchen verringern, sind die Forscher überzeugt. Viel Geld wäre dazu nicht nötig. In Kenia kostete der Kurs pro Schülerin 1,75 Dollar. •

von Jochen Paulus

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