Nein, „Dr. Comfort's Candy-Covered - wissenschaft.de
Anzeige
Anzeige

Geschichte+Archäologie Gesellschaft+Psychologie Gesundheit+Medizin

Nein, „Dr. Comfort’s Candy-Covered

Bevor es einen regulierten Medikamentenmarkt gab, durfte in den USA jeder als Arznei verkaufen, was er für gesund hielt.

Nein, „Dr. Comfort’s Candy-Covered Cathartic Compound“ ist kein Zaubermittel, das sich Joanne K. Rowling für einen Harry-Potter-Roman ausgedacht hat. Genauso „Dr. F.G. Johnson’s French Female Pills“ – beide Medikamente gab es um 1900 tatsächlich in den USA zu kaufen. „Damals gab es keine Regulierung, keine Tierversuche, keine langen Testphasen, bevor ein Medikament auf den Markt kam“, erklärt Mark Benvenuto von der University of Detroit Mercy. „Wer ein Medikament erfunden hatte, durfte es auch verkaufen.“

Einige Hersteller reisten durchs Land und boten ihre Mittelchen vom Wagen aus feil. Andere warben in den Zeitungen für ihre Arzneien und versandten sie gegen Vorkasse mit der Post. Auch erste kleine Drogerien etablierten sich damals – meist in einer Ecke des örtlichen Krämerladens. Einen ganzen Raum füllen die Flaschen, Schachteln und Döschen dieser Quacksalber-Mittel des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts im Henry Ford Museum in Detroit. Dazu kommt eine Sammlung von Zeitungsannoncen, in denen die Hersteller ihre Pillen und Wässerchen anpriesen. Doch hatten „Dr. Sawen’s Magic Nervine Pills“ tatsächlich magische Wirkung auf die Nerven? Und was machte „Hollister’s Golden Nugget Tablets“ so wertvoll wie Gold? Um das herauszufinden, bat die Museumskuratorin Mary Fahey den Chemiker Benvenuto um Hilfe. Er untersuchte die Inhaltsstoffe der Pillen und Pülverchen mithilfe der Röntgenfluoreszenzanalyse, die Flüssigkeiten mittels der Kernspinresonanz.

„Wer ‚Dr. Sawen’s Magic Nervine Pills‘ schluckte, tat sich einerseits etwas Gutes, denn sie enthielten Kalzium, Kalium, Zink und Eisen“, sagt Benvenuto. „Trotzdem waren sie alles andere als gesund, denn sie enthielten auch Blei.“ Das überraschte den Chemiker nicht: „Das Blei diente als Süßungsmittel.“ In „ Hollister’s Golden Nugget Tablets“, die abführend wirken sollten, fand er Kalzium und Zink: „Wir haben es hier eher mit einer ersten Version von Vitaminpillen zu tun.“

Die Tabletten und Tränke aus dem Henry Ford Museum stehen am Übergang vom Hausmittel zum modernen Medikament. „Bevor Pillen in Mode kamen, pflanzte jeder seine Heilkräuter im eigenen Garten an“ , sagt Benvenuto. Die Heilmittel, die Hersteller wie Dr. Comfort oder Dr. Johnson verkauften, basierten zum Teil auf diesem Erfahrungsschatz. Ähnlich bei anderen Substanzen: Quecksilber beispielsweise war ein häufiger Bestandteil der Arzneien. Es galt schon lange als Heilmittel – gegen Syphilis. Dem Stoff wurde eine „reinigende“ Wirkung nachgesagt. Die Einnahme führt zu Übelkeit, und der Körper, so glaubte man, reinigt sich durch das Erbrechen. Die toxische Wirkung von Quecksilber oder Blei war schlicht noch nicht bekannt.

Anzeige

Sicherlich gab es unter den Arzneiherstellern auch Scharlatane, die mit Wunderversprechen zu Geld kommen wollten. Doch die Analysen zeigen, dass viele Hersteller jener Zeit versuchten, mit dem damaligen Wissen Leiden zu kurieren. Benvenuto vermutet: „Sawen und Hollister glaubten selbst fest an den Erfolg ihrer Mittel.“ ■

von Angelika Franz

Anzeige

bild der wissenschaft | Aktuelles Heft

Anzeige

Aktueller Buchtipp

Sonderpublikation in Zusammenarbeit  mit der Baden-Württemberg Stiftung
Jetzt ist morgen
Wie Forscher aus dem Südwesten die digitale Zukunft gestalten

Wissenschaftslexikon

Mul|ti|pli|er  〈[mltıpl(r)] m. 3〉 elektr. Schaltung, die einen einfallenden Elektronen– od. Lichtstrahl um ein Vielfaches verstärkt; Sy Elektronenvervielfacher ... mehr

Fo|to|mul|ti|pli|er  auch:  Fo|to|mul|tip|li|er  〈[–mltipl(r)] m. 3〉 Gerät zur hohen Verstärkung sehr kleiner elektr. Ströme od. zum Nachweis geringer Lichtintensitäten mithilfe des Fotoeffektes; ... mehr

Welt|esche  〈f. 19; unz.; nordgerm. Myth.〉 immergrüne Esche als Ausgangs– u. Mittelpunkt der Welt

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige