PROFESSOR VOGELS RARITÄTENKABINETT - wissenschaft.de
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PROFESSOR VOGELS RARITÄTENKABINETT

Das Deutsche Hygiene-Museum Dresden hat einen einzigartigen Schatz geborgen: eine historische Sammlung anatomischer Wachsfiguren.

Eine lange Reise geht zu Ende. Über 100 Jahre waren sie unterwegs: der Schwertschlucker, die Venus, der Zwitter, der Herkules und die Jungfrau, die der Blitz erschlagen hat. Quer durch ganz Europa, auf schlaglochübersäten Landstraßen, in brütender Hitze und klirrender Kälte, auf Rummelplätzen, in Zirkuszelten, in den Ausstellungshallen glanzvoller Metropolen und den Gemeindesälen abgelegener Dörfer. Begleitet von Kopfgeburt und Knochenfraß, von Embryonen, Syphilisgeschwüren, Säuferlebern und einem Blinddarm.

Jetzt endlich ist die seltsame Reisegesellschaft an ihrem Ziel angekommen. Mit größter Vorsicht tragen die Männer der internationalen Kunstspedition Hasenkamp die Wachsmodelle und -abgüsse einzelner Körperteile (sogenannte Moulagen) – rund 200 an der Zahl – sowie ein halbes Dutzend grüne Holzkästen mit Präparaten in das Depot A für anatomische Modelle. Der weitläufige Saal befindet sich im Untergeschoss des Deutschen Hygiene-Museums Dresden (DHMD). Hier herrscht eine gleichbleibende Temperatur von 18 bis 22 Grad Celsius, Neonröhren tauchen eine lange Reihe von Stahlregalen und Stahlschränken in fahles Licht. Der Raum davor füllt sich langsam mit Glassärgen und Vitrinen voller Torsi, entstellter Körperteile und innerer Organe.

Drei Stockwerke höher freut sich ein sichtlich aufgekratzter Museumsdirektor über die Neuzugänge. „Es ist ein einzigartiges, historisch und wissenschaftlich wertvolles Ensemble, zum größten Teil Ende des 19. Jahrhunderts in Dresden hergestellt und nun wieder zu Hause angelangt“, erklärt Klaus Vogel. „Jetzt können wir daran gehen, die Objekte für die Wissenschaft zu erschließen. Wir werden sie sorgfältig restaurieren und dabei auch wertvolle Erkenntnisse für die Pflege und Erhaltung unserer Moulagen gewinnen.“ Die befinden sich nun in guter Gesellschaft. Das DHMD, aus dessen Werkstätten einige Stücke stammen, verfügt bereits über einen Bestand von rund 2000 solcher Wachsabgüsse. Um eine Moulage anzufertigen, wurde zunächst ein Gipsabguss der erkrankten Hautpartie gemacht. Dann wurde dieser mit flüssi- gem Wachs ausgegossen. Zuletzt erhielt das Duplikat lebensechte Farben.

ZU VIEL SONNE ABbekommen

Die Ankömmlinge befinden sich angesichts der jahrzehntelangen Tournee-Strapazen in einem „erstaunlich guten Zustand“, wie die Sammlungsleiterin Susanne Roeßiger feststellt – auch wenn das harte Schaubudendasein Schmutz und Verfärbungen, Brüche und Temperaturschäden hinterlassen hat. Eine bildschöne Schwangere etwa, aus der Werkstatt des Dresdner „Anthropologen und Modelleurs“ Gustav Zeiller und wohl an die 135 Jahre alt, blickt auf ihre rechte Brust, verschämt, aber nicht originalgetreu: „Die Neigung des Kopfes kommt von einer übermäßigen Erwärmung im Nackenbereich. Ursprünglich schaute die Dame stolz geradeaus“, erklärt Roeßiger. „Sie hat wohl versehentlich mal etwas zu viel Sonne abbekommen.“ Manche Modelle zeigen Spuren von Überarbeitungen, andere wurden erkennbar aufgehübscht. Roeßiger schwant: „Da kommt auf die Restauratoren eine schwierige Aufgabe zu.“

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Die meisten Mitglieder des anatomischen Wachskabinetts stammen aus der Manufaktur des Dresdner Kunstbildhauers und Modelleurs für Anatomie Rudolf Pohl (1852 bis 1926). Er war Schüler und Nachfolger Gustav Zeillers, der bereits in den 50er-Jahren des 19. Jahrhunderts ein Modellieratelier in Breslau betrieb, damit 1872 nach Dresden umsiedelte und dort 1888 ein „Anthropologisches Museum für gesunde Anatomie und Völkerkunde“ eröffnete. Dresden bot offenbar ein optimales Klima für die Gilde der anatomischen Wachsbildner. Schon 1871 war hier eine „Chemische Zentralstelle für öffentliche Gesundheitspflege“ entstanden, 1884 diskutierte der Sächsische Landtag die Einrichtung eines Gesundheitsmuseums.

Im gleichen Jahr wurde ein Lehrstuhl für Hygiene an der Technischen Universität gegründet. Der Unternehmer und Odol-Fabrikant Karl August Lingner schließlich richtete 1907 das „ Pathoplastische Institut zur Herstellung von Moulagen“ auf seinem Werksgelände ein, zur Vorbereitung auf die erste Internationale Hygiene-Ausstellung von 1911. Es war die Keimzelle seines 1912 gegründeten Dresdner Hygiene-Museums. Das bediente sich anfangs jener Künstler und Werkstätten, die mit ihren Produkten die anatomischen Schauen belieferten. Freilich betrieb es eine sensationsferne, pädagogisch ambitionierte Art von Aufklärung und Wissenschaftspopularisierung, die dem Rummelplatz, seinen Akteuren und seiner Geschäftsidee fern standen. Auch die Dresdner Hochschule für Bildende Künste verfügte schon im 19. Jahrhundert über eine bedeutende Sammlung von anatomischen Modellen. Sie umfasst noch heute 335 historische Objekte. Doch ob Akademie oder Seziersaal, anatomisches Theater oder Wunderkammer: Der breiten Öffentlichkeit blieb der Blick ins Innere des menschlichen Körpers verwehrt – bis die Schausteller kamen.

Um die Jahrhundertwende waren die fahrenden Wachsfigurenkabinette ein äußerst erfolgreiches und nahezu konkurrenzloses Massenmedium, das alle Bevölkerungsschichten erreichte und zwei Branchen bestens ernährte: die Hersteller der Ausstellungsobjekte und die Schausteller. Als Künstler sahen sich die einen, als Volksaufklärer und Gelehrte die anderen, die diese Rolle durch angemaßte Doktortitel und das entsprechende Habit unterstrichen. Sie bemühten sich inmitten eines zwielichtigen Umfelds um einen seriösen Nimbus, profitierten vom fortschrittsgläubigen Zeitgeist, grassierenden Krankheiten und der Gier des Publikums nach Tabubruch, Sensation und Gruseleffekten.

Innereien für die Ewigkeit

Die Schausteller wie ihre Lieferanten, die umfängliche Kataloge voller wächserner Innereien für ihre Kundschaft bereithielten, konnten sich auf eine höchst seriöse Tradition berufen: Den Fundus für ihre Darbietungen stellte die medizinische Wissenschaft. Vor allem die Anatomen hatten sich schon früh bemüht, die schnell vergänglichen Ergebnisse ihrer Arbeit in dauerhafter Form zu bewahren. Bereits Leonardo da Vinci hatte Herz und Hirn mit Wachs ausgegossen, in Florenz und Bologna entstanden im 17. Jahrhundert anatomische Wachsfiguren von höchster Detailtreue. Im 18. Jahrhundert erreichte die Anatomica Plastica am Reale Museo di Fisica e Storia Naturale („La Specola“ ) der Universität Florenz ihren Höhepunkt. Kaiser Joseph II. erwarb knapp 1200 Wachsmodelle aus den Werkstätten der Florentiner für die 1785 errichtete Medizinisch-Chirurgische Akademie in Wien. Im Josephinum ist die Sammlung noch heute zu sehen. „Den Florentiner Wachswerkern ging es darum, die menschliche Anatomie bis ins letzte makroskopisch sichtbare Detail abzubilden“, erläutert Thomas Schnalke, Direktor des Medizinhistorischen Museums der Berliner Charité. „Sie mühten sich, die Strukturen des Körpers unter funktionalen Aspekten didaktisch so wiederzugeben, dass der Betrachter auch ohne weitere Erläuterung vieles im Bau des Organismus entdecken konnte.“ Das gelang nur, weil Anatomen und Keroplastiker eng zusammenarbeiteten. Bis zu 200 Leichname sollen für einzelne anatomische Wachsmodelle als Vorlage verwendet worden sein.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts gewann eine weitere Wachstechnik an Bedeutung: In London, Wien und Jena entstanden die ersten Wachsabgüsse einzelner Körperregionen, die Moulagen. Dermatologie und Venerologie, Augen- und Kinderheilkunde, Chirurgie und Gerichtsmedizin erkannten den Wert dieser unübertroffen naturnahen, dreidimensionalen medizinischen Darstellungstechnik. Konnte sie doch den realen Status eines individuellen Krankheitsbildes, das sich oft schnell veränderte, manifestieren und dokumentieren wie kein anderes Medium vor der Erfindung der Farbfotografie. Nahezu jede Universitätsklinik verfügte über eine Sammlung von Wachsabgüssen und beschäftigte eigene Mouleure, die ihr Wissen um die komplizierte Herstellung und Materialzusammensetzung ihrer Produkte eifersüchtig hüteten und mit ins Grab nahmen.

UND DANN IN DIE SCHRECKENSKAMMER

Aber nicht nur Wissenschaftler, Ärzte und Studenten wussten anatomische Modelle zu schätzen. Schon bald entdeckten die Schausteller und Wachsmodelleure das publikumswirksame Potenzial, das Forschung und Lehre hier bereitstellten, und ergänzten ihr wächsernes Stammpersonal aus Fürsten, Verbrechern und anderen Prominenten um anatomische Modelle und Moulagen. Der „durch Branntweingenuss entzündete Magen“, der „männliche Oberkörper mit TBC“ und die „Zangengeburt“ passten vorzüglich zum Standardprogramm, zu dem auch die Schreckenskammer („Die Inquisition, ihre Marterwerkzeuge und Folterqualen, dargestellt an lebensgroßen, naturgetreuen Präparaten“) gehörte. Sie erwiesen sich als dermaßen attraktiv, dass das „Anatomische Museum“ in den 1880er-Jahren seinen festen Platz unter den Jahrmarktsensationen eroberte. Der Direktor des Etablissements trat gewöhnlich im weißen Kittel vors Publikum und zeigte anhand der zerlegbaren „ Anatomischen Venus“ von „der rechten Brustdrüse“ bis zum „linken Eierstock“, was ein rechter Leichensezierer so alles zu bieten hat.

Die anatomische Venus gehörte wie die anderen genannten Beispiele zu Hoppes Anatomischem Museum, das der 32-seitige Prospekt als „eine der größten Sammlungen von künstlerischen Darstellungen auf dem Gebiete des Körperlebens und des Menschen“ preist – eben die Kollektion, die nun in den Besitz des Deutschen Hygiene-Museums gelangt ist. An Ambitionen mangelte es Mathias Alois Hoppe nicht: Sein Museum wollte „in jeder Beziehung den Typus wissenschaftlicher und artistischer Vollkommenheit zur Schau tragen, die vorzüglichsten Meisterwerke der ersten Künstler präsentieren und zur moralischen Besserung und Veredelung des Menschen beitragen“. Des sittlich gereiften und ästhetisch strapazierfähigen, versteht sich: „Den Katalog bitte Kindern nicht zu überlassen.“

Kunst, Wissenschaft und Volksbelehrung: Der Unternehmer verspricht viel und hält einiges. Nicht nur, dass die meisten anatomischen Modelle, obgleich Serienprodukte, kunsthandwerklich auf das Sorgfältigste gestaltet sind. Auch im didaktischen Aufbau des Panoptikums wird der aufklärerische Ansatz sichtbar. Allgemeine Anatomie des Menschen, embryonale Entwicklung und Geburtshilfe, Krankheiten, Verletzungen und Operationen wurden gezeigt, und darüber hinaus zeittypische Molesten wie die „ verkrüppelte Frauenleber, durch übermäßiges Schnüren entstanden“ oder die „Wirkung eines normalen Infantriegeschoßes“. Für die verheerenden Auswirkungen des Ersten Weltkrieges, Alkoholismus, Seuchenangst und eine heute unvorstellbar harte Arbeitswelt liefert das Kabinett drastische Beispiele. Als krönenden Abschluss aber nennt der Katalog „Die große Spezial-Abteilung zur Bekämpfung der Geschlechts-Krankheiten in 20 Wissenschaftlichen Präparaten“. Diese Spezialabteilungen, die meist Männern und Frauen abwechselnd präsentiert wurden, hatten fast alle fahrenden Schausteller im Programm.

Syphilis – Ein Geschenk des himmels

Der „rasende Reporter“ Egon Erwin Kisch beschrieb 1924 ein solch geheimnisumwittertes Kabuff: „Das eben ausgesperrte Geschlecht hat inzwischen in den ungeheimen Räumen herumzulungern, sich die plastischen Darstellungen des Verdauungsprozesses, der Hämorriden, der Cholerawirkungen, einer Zungenkrebsoperation, der Verheerungen des Branntweins in den Eingeweiden und dergleichen anzusehen und im Automaten die Gebärmutteroperation. Dann aber, dann dürfen die erwachsenen Herren beziehungsweise die erwachsenen Damen – achtzehn Jahre ist man hier gewöhnlich mit vierzehn Jahren – in das Sanktuarium eintreten, wo die Chromoplastiken in natürlicher Größe all das zeigen, was man im Konversationslexikon nur schwer begreifen vermochte und worüber das Leben nur fallweise aufklärt.“

Das Thema Geschlechtskrankheiten lag sozusagen in der Luft, und in den Moulagen fanden sie die optimale Repräsentation. „Die Syphilis nahm nicht nur in der forschenden und praktizierenden Ärzteschaft, sondern auch in der öffentlichen Gesundheitspolitik nach der Jahrhundertwende eine zentrale Rolle ein“, schreibt Thomas Schnalke. „So ist es nicht verwunderlich, dass dieses vielgesichtige Leiden anfangs auch das vorrangige Illustrationsthema der Mouleure war und dass venerologische Moulagen nicht nur zum Studentenunterricht, sondern auch zu aufklärerischen Maßnahmen im Rahmen der erstarkenden Hygienebewegung herangezogen wurden.“ Für die Gesellschaft eine Geißel, für die Schaustellergilde ein Geschenk des Himmels. Denn das Thema ließ sich zu einem frivolen Cocktail aus memento mori, Ekellust, moralischem Appell und Sex zusammenrühren. „Mit Recht ist in der Rubrik ‚Weibliche Geschlechtskrankheiten‘ als erstes Schauobjekt das Hymen oder Jungfrauenhäutchen angeführt“, lästert Kisch, „denn von allen besagten Krankheiten ist diese am raschesten heilbar. Sie ist selten, und man bestaunt das Objekt sehr.“

Die sittlich moralische Legitimation einschließlich des unabdingbaren Segens der Obrigkeit lieferten die Aufklärungskampagnen der Deutschen Gesellschaft für die Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten (DBDG). Der 1902 von Dermatologen ins Leben gerufene Verein betrieb in großem Stil Volkshygieneaufklärung, mit Flugschriften – Vorträgen, Theaterstücken und nicht zuletzt Moulagen. Auf der ersten Internationalen Hygiene-Ausstellung in Dresden 1911 präsentierte er sich mit einem eigenen Pavillon zum Thema Geschlechtskrankheiten und ging damit anschließend auf Reisen. Nach dem Ersten Weltkrieg organisierten das Deutsche Hygiene-Museum und die DGBG sogar gemeinsame Wanderausstellungen. Sie lockten bis Oktober 1920 fast eine Million Besucher an. Die Aufklärer predigten, wie schon die zahlreichen Sittlichkeitsvereine zuvor, das Patentrezept sexuelle Enthaltsamkeit sowie Ehe ohne Seitensprung, zeigten aber zugleich, was Sache ist – mit dem Segen der Behörden. Das fahrende Volk zog daraus die Lehre: Erlaubt ist alles, Hauptsache, die Botschaft stimmt. „Es konnten überaus realistische Darstellungen der menschlichen Sexualorgane öffentlich gezeigt werden, was den erstaunlichen Besucherstrom erklären mag“, schrieb der Medizinhistoriker Lutz Sauerteig von der Durham University 1993 in seinem Essay „Lust und Abschreckung – Moulagen in der Geschlechtskrankheitenaufklärung“.

Reizvolle Aufklärung

Auch Hoppes Schau geizt nicht mit solchen Reizen. Seine Ausstellung „Der Mensch“ galt dennoch als volkswissenschaftliche Bildungsstätte, als eine der besten ihrer Art. „Mit seinem populärwissenschaftlichen Volksbildungsimpetus stellt sie den Lückenschluss dar zwischen einer im Deutschen Kaiserreich erst rudimentär entwickelten öffentlichen Gesundheitsaufklärung auf der einen und dem Bildungsbedürfnis breiter Bevölkerungsschichten auf der anderen Seite, seriöse Informationen für die private Gesundheitspraxis zu erhalten“, erzählt Christoph Wingender, der Sprecher des Deutschen Hygiene-Museums. Ihre Ursprünge gehen bis auf das Jahr 1856 zurück, wo sie ein gewisser A. Blunk gegründet haben soll. In den Folgejahren zog die Schaustellerfamilie Hoppe mit Wohnwagen, Packwagen, einer Schaustellerbude und wächsernem Inventar durch die Lande. Ihre Schau ergänzte sie immer wieder um neue Stücke aus den Werkstätten Pohls und der Manufaktur des Deutschen Hygiene-Museums. Das älteste Exponat ist wohl Zeillers „ Schwangere im neunten Monat“ aus dem Jahr 1875. „Die Nerven des Kopfes“ hat der Dresdner Modelleur Emil Kotschi wenig später geschaffen.

Mitte der 1970er-Jahre wurde die Schau eingelagert und 1980 dann an die Schaustellerfamilie Barber verkauft. Die wiederum veräußerte Modelle, Moulagen und Präparate 1989 an Wäinö Hamari und Esa Karttunen. Die finnischen Zirkusartisten vereinigten die weitgereisten Exponate mit den Resten der „Anatomischen Ausstellung des Gottlieb Kludsky“, die sie acht Jahre zuvor in Prag erworben hatten und tourten mit dem „Panoptikum“, wie das Unternehmen von nun an hieß, durch Europa. Viele Exemplare der Kludsky-Population stammten vermutlich ebenfalls aus der Dresdner Werkstatt von Pohl.

2007 beschlossen die Finnen, ihre Schau zu verkaufen, was sich dank eines Beitrags in den Dresdner Neueste Nachrichten bis zum Direktor des Deutschen Hygiene-Museums herumsprach. Es folgten Marktgutachten, kulturhistorische Gutachten, Verhandlungen, Förderanträge bei der Kulturstiftung der Länder, die Überweisung einer sechsstelligen Summe nach Finnland und schließlich der Aufbruch zur letzten Reise. Standesgemäß war die ehemals ruhmreiche Showtruppe am Rande von Pori, einer am bottnischen Meerbusen gelegenen finnischen Kleinstadt, nicht untergebracht. „ Eine fast schon baufällige Scheune mitten im Wald“, erinnert sich Sandra Mühlenberend, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Hygiene-Museum, habe sie vorgefunden, als sie die Wachsmodelle im Mai 2009 reisefertig machen sollte. Einen dunklen Schuppen voller Ramsch, die wertvollen Vitrinen in rohen Holzregalen gestapelt, unter einer dicken Staubschicht kaum mehr zu erkennen. „Aber was für ein Augenblick! Hier wartete ein wissenschaftlich einzigartiger Schatz, der auf keiner Liste verzeichnet war!“ Drei Tage dauerte es, bis alle Objekte geborgen und verpackt waren, drei Tage Arbeit auf engstem Raum, bei finnischem Dauerregen. Jetzt sind sie in Sicherheit, der Schwertschlucker, die Venus, der Zwitter, der Herkules und die Jungfrau, die der Blitz erschlagen hat.

Härterer Gruselfaktor

Erstaunlich lange hatte das anatomische Panoptikum sein Publikum gefunden. Es trotzte der stationären Konkurrenz Madame Tussauds, rang mit den Illustrierten und später dem Kino um Aufmerksamkeit. Am Ende konnte es nicht mehr mithalten: Den härteren Gruselfaktor bieten heute von Hagens plastinierte Leichen. Wer sich gerne ekelt, schaltet das Privatfernsehen ein. Sex liefert uferlos das Internet, in Farbe und Bewegung. Und am Menschen selbst interessiert ohnehin nur noch das glatte, perfekte Äußere. Wie es drinnen aussieht, will keiner mehr so genau wissen. ■

Der Münchner Journalist HANS SCHMIDT (links) geht immer wieder gerne ins Hygiene-Museum. Der Fotograf JÖRG GLÄSCHER erhielt 2006 für ein Foto aus dem Museum den „deutschen preis für wissenschaftsfotografie“.

von Hans Schmidt (Text) und Jörg Gläscher (Fotos)

Anatomische KUNSt

Moulage

Der Begriff kommt vom französischen Verb „mouler“ („abformen“ ). Moulagen sind naturgetreue Abgüsse erkrankter Körperregionen aus Wachs. Dazu trug der Mouleur direkt auf die abzubildenden Stellen des Patienten eine Schicht Gips auf, die nach dem Erstarren abgenommen und mit einer flüssigen Wachsmischung ausgegossen wurde. Diese wurde zuvor mit Farbpigmenten oder in Terpentin gelösten Ölfarben auf den originalen Hautton abgestimmt. Anschließend kolorierte der Mouleur den Abguss je nach dem Befund. Bei der Untermaltechnik wurden mehrere dünne Wachschichten nacheinander von innen detailgetreu bemalt. Moulagen spielten eine wichtige Rolle bei der gesundheitlichen Aufklärung.

Modell

Die anatomischen Figuren wurden entweder bildhauerisch direkt aus einem Wachsblock modelliert. Oder sie entstanden aus einem Abguss, das heißt, von einem Tonmodell wurde ein Gipsabdruck genommen, den man wiederum mit einer Wachsmasse ausgoss. Größere Objekte oder solche mit unregelmäßiger Oberfläche ließen sich nur in einzelnen Teilen fertigen und anschließend zusammensetzen. Die Modelle wurden mit Glasaugen und Haaren versehen, wenn sie besonders realistisch wirken sollten. Ein Firnis schützte sie vor äußeren Einwirkungen.

Spalteholz-Präparat

Der Leipziger Medizin-Professor Werner Spalteholz entwickelte 1910 ein Verfahren, um organisches Gewebe transparent zu machen. Es beruht auf dem Gesetz der Lichtbrechung: Wenn das Präparat mit einer Flüssigkeit durchtränkt ist, deren mittlerer Brechungsindex seinem eigenen entspricht, wird es transparent. Das Durchtränken kann bis zu zwei Jahre dauern. Spalteholz selbst verglich seine Methode mit dem Röntgenverfahren. Der Unternehmer Karl August Lingner und Spalteholz schlossen 1911 einen Vertrag zur Errichtung eines Anatomischen Labora- toriums – ein Grundpfeiler des von Lingner geplanten Hygiene- Museums.

Konservierung

Traditionell werden Alkohol und Formalinlösungen verwendet, um organische Präparate langfristig haltbar zu machen, etwa für Ausstellungszwecke. Alkohol entzieht dem Präparat Wasser, das die Existenzgrundlage für Pilze und Bakterien ist. Die Mikroben werden abgetötet. Formalin vernetzt Proteine und verleiht dem Gewebe eine gummiartige Konsistenz. Beide Stoffe haben ihre Nachteile: Alkohol ist extrem feuergefährlich, Formalin ist für den Anwender gesundheitsschädlich, und die Farbe des Präparats verändert sich schon nach kurzer Zeit.

Das Dresdner Hygiene-museum – Da müssen sie hin!

Bis die Wachsfiguren restauriert sind, wird noch einige Zeit ins Land gehen. Voraussichtlich 2012 sollen sie in einer Sonderschau zu sehen sein. Doch schon jetzt bietet das Deutsche Hygiene-Museum in Dresden viel Sehenswertes und Erstaunliches. Auf rund 2500 Quadratmetern zeigt das in Europa einmalige Wissenschaftsmuseum über 1300 Exponate zum Thema Körper und Gesundheit. Vieles ist interaktiv, für Kinder gibt es eine eigene Schau über „Unsere fünf Sinne“.

Neben wechselnden Sonderausstellungen führt die Dauerausstellung die Besucher zum „Abenteuer Mensch“. Es geht um alles, was den Menschen betrifft: Leben und Sterben, Essen und Trinken, Denken und Lernen, Bewegung, Sexualität sowie Schönheit, Haut und Haar.

Der ungewöhnliche Name des Museums hat mit seiner Entstehungsgeschichte zu tun: Seine Gründung geht auf die erste Internationalen Hygiene-Ausstellung 1911 zurück, die der Odol-Hersteller Karl August Lingner (1861 bis 1916) in Dresden initiiert hatte.

Ein Besuch im Museum lohnt sich jetzt doppelt: Alle Leser von bild der wissenschaft erhalten eine One-for-Two-Karte und kommen damit günstiger hinein.

MEHR ZUM THEMA

LESEN

Sandra Mühlenberend Surrogate der Natur Die historische Anatomiesammlung der Kunstakademie Dresden Wilhelm Fink Verlag, München 2006 € 44,90

Thomas Schnalke Diseases in Wax The History of Medical Moulage Quintessence Publishing Co, Inc Hanover Park, 1995, € 150,99

INTERNET

Homepage des Deutschen Hygiene- Museums Dresden: www.dhmd.de

Archiv für medizinische Wachsbilder der Charité Berlin: www.moulagen.de

Stefan Nagel „Schaubuden – Geschichte und Erscheinungsformen“: www.schaubuden.de

KOMPAKT

· Das bis zu 150 Jahre alte anatomische Wachskabinett zeigt gesunde und kranke menschliche Körper.

· Die Modelle dienten in der Zeit ihrer Entstehung medizinischen und aufklä- rerischen Zwecken.

· Später unterhielten vor allem die Modelle mit Geschlechtskrankheiten Schaulustige auf Jahrmärkten.

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Di|let|tant  〈m. 16〉 1 jmd., der eine Tätigkeit nicht berufsmäßig, sondern aus Liebhaberei betreibt, Nichtfachmann, Laie, Liebhaber (einer Tätigkeit) 2 Pfuscher ... mehr

Glan|del  〈f. 21; Anat.〉 Drüse: Glandula [<lat. glandula ... mehr

rechts|dre|hend  〈Adj.; Chem.〉 die Ebene des polarisierten Lichts nach rechts ablenkend; Sy dextrogyr; ... mehr

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