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Antibiotika

Resistenzen auch bei wildlebenden Schimpansen

Schimpanse
Schimpanse im Gombe-Nationalpark. (Bild: Thomas Gillespie)

Menschenaffen sind für viele Infektionskrankheiten des Menschen anfällig, doch wichtige Waffen gegen bakterielle Erreger könnten auch bei ihnen bald stumpf werden: Die Analyse von Kotproben enthüllt, dass selbst wildlebende Schimpansen in Tansania bereits antibiotikaresistente Bakterien in sich tragen. Quelle dieser Resistenzen ist wahrscheinlich die Kontamination von Flüssen mit Rückständen dieser Medikamente.

Ob Covid-19, Erkältungen oder Durchfall: Auch Menschenaffen sind für viele unserer Infektionskrankheiten anfällig. Diese wirken sich bei Schimpansen, Gorillas und Co teilweise sogar schlimmer aus als bei uns. Bisher waren Antibiotika sowohl bei Mensch wie bei Menschenaffen die Mittel der Wahl gegen bakterielle Erreger. Inzwischen jedoch kämpft die Humanmedizin immer häufiger gegen Erreger, die bereits gegen gängige Antibiotika resistent geworden sind. Diese entstehen vor allem dann, wenn die Bakterien in unserem Körper oder der Umwelt oft mit diesen Medikamenten in Kontakt kommen.

Resistenzgene auch im Schimpansenkot

Ob und wie stark wildlebende Schimpansen von Antibiotikaresistenzen betroffen sind, haben nun Michele Parsons von der Emory University in Atlanta und ihre Kollegen im Gombe-Nationalpark in Tansania untersucht. Dafür analysierten sie rund 400 Kotproben von Menschen, Haus- und Nutztieren, sowie von Pavianen und Schimpansen im und um den Nationalpark auf Gene, die eine Resistenz gegen Sulfonamide und Tetracycline hervorrufen. Diese beiden Antibiotikaklassen werden in diesem Gebiet gegen Durchfallerkrankungen, Cholera und andere Infektionen des Menschen eingesetzt. Zusätzlich testeten die Forscher auch Flusswasser auf die Resistenzgene hin.

Es zeigte sich: Viele Wildtiere im Nationalpark tragen bereits resistente Bakterien in sich. So konnten die Wissenschaftler nicht nur in rund 75 Prozent der menschlichen Kotproben Gene für Sulfonamid-Resistenzen nachweisen, sondern auch in ungefähr der Hälfte der Schimpansen- und in knapp 35 Prozent der Pavian-Proben. Bei den Haus- und Nutztier-Proben waren über 15 Prozent betroffen, wobei Hunde mit rund 70 Prozent die größte Gruppe der Resistenzträger ausmachten, was die Forscher unter anderem mit der engen Beziehung zu den Menschen erklärten.

Über das Wasser verbreitet

Diese Ergebnisse legen nahe, dass sich Resistenzen gegen häufig vom Menschen genutzte Antibiotika nicht nur unter den Erregern der menschlichen Umgebung ausbreiten, sondern auch bis in die Lebensräume von Wildtieren vordringen. Je häufiger dabei ein Antibiotikum eingesetzt wird, desto stärker werden die entsprechenden Resistenzgene in der Umwelt verbreitet. Dazu passt, dass die Gene für eine Tetracyclin-Resistenz bei den Schimpansen im Gombe-Nationalpark deutlich seltener auftraten als die gegen Sulfonamide. Bei den Menschen waren es rund 15 Prozent, bei den Tieren im Schnitt nur ungefähr fünf. Die Forscher führen dies darauf zurück, dass das Tetracyclin wegen seines höheren Preises und schlechteren Verfügbarkeit seltener verschrieben und von der Bevölkerung eingenommen wird.

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Die Auswertungen lieferten auch Hinweise über die möglichen Ausbreitungswege der Resistenzgene: In den Bächen, die von Menschen, Haustieren und Wildtieren gemeinsam genutzt werden, fanden sich in rund 20 Prozent der Proben Gene für Sulfonamid-Resistenzen. Wenig Unterschiede gab es dagegen zwischen zwei Schimpansengruppen, von denen sich eine in unmittelbarer Nähe menschlicher Siedlungen aufhält, während die andere tiefer im Wald mit kaum Kontakt zu Menschen oder menschlichen Umgebungen lebt. „Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass sich antibiotikaresistente Keime von Menschen auf nichtmenschliche Primaten ausbreiten, indem sie ihren Weg in das lokale Gewässer finden“, sagt Parsons Kollege Thomas Gillespie. „Die Menschen baden und waschen sich in den Bächen und kontaminieren das Wasser mit arzneimittelresistenten Bakterien, aus dem wilde Schimpansen und Paviane trinken.“

Ein Problem für Mensch und Tier

Wie die Forscher betonen, ist die Ausbreitung von Antibiotika-Resistenzen sowohl für die Menschen wie die Tiere der Region ein Problem: „Die Mehrheit der Menschen in unserer Stichprobe hatte Bakterien, die gegen die Sulfonamid-Medikamente, die sie einnehmen, resistent sind“, berichtet Gillespie. „Dadurch geben sie ihr Geld für ein Medikament aus, das ihnen nicht hilft, gesund zu werden.“ Zudem fördert die übermäßige Einnahme solcher Wirkstoffe die Entstehung und Ausbreitung immer weiterer Resistenzen. Für die Tierwelt bedeutet dies, dass auch sie zunehmend der Gefahr resistenter Keime ausgesetzt sind. Wenn sie jedoch erkranken, kann dies auch dem Menschen Nachteile bringen: „Nachdem arzneimittelresistente Bakterien auf Schimpansen übergesprungen sind, können sie sich bei den Schimpansen weiterentwickeln und dann wieder auf den Menschen übergreifen“, erklärt Gillespie.

Deshalb fordern Parsons und sein Team nun, dass Infektionskrankheiten stärker auch in einem evolutionären und ökologischen Rahmen betrachtet werden sollten. Damit könnte man den Menschen in der Umgebung des Nationalparks helfen, mit Primaten und anderen Wildtieren so nebeneinander zu leben, dass möglichst wenig Krankheitserregern zwischen den Arten ausgetauscht werden. Die Forschungsergebnisse sollen künftig die Entwicklung von Interventionen unterstützen: Auf lokaler Ebene werden mehr Richtlinien für den richtigen Einsatz von Antibiotika benötigt, so Gillespie. Außerdem sei auch wichtig, die Hygiene beim Waschen in den Bächen der Umgebung zu verbessern, ebenso wie die Entsorgung von menschlichen Abfällen, ergänzt der Forscher.

Quelle: Emory Health Sciences, Fachartikel: Pathogens, doi: 10.3390/pathogens10040477

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