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Gesundheit+Medizin

Stallstaub und Rohmilch

BAUERNKINDER ERKRANKEN seltener an Asthma und Allergien als Altergenossen, deren Eltern keine Landwirtschaft betreiben. Diesen „Bauernhof-Effekt“ versuchen Allergologen seit rund 15 Jahren zu ergründen (bild der wissenschaft 5/2002, „ Schmutz-Impfung gegen Asthma“). Neben genetischen Einflüssen spielen noch zwei andere Faktoren eine Rolle: Die Kinder werden in Stall und Scheune mitgenommen – und sie trinken Rohmilch. „ Kinder, die in einem kleinen, Milch verarbeitenden Betrieb aufwachsen, sind am besten vor allergischen Erkrankungen geschützt“, resümiert Erika von Mutius, Professorin für Pädiatrische Allergologie am Haunerschen Kinderspital der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität.

Die Wissenschaftlerin hat vor allem die auf Heu und Stroh siedelnden Bakterien und Pilze sowie deren Zerfallsprodukte im Blick. Sie sind auf Bauernhöfen allgegenwärtig. Von Mutius hat den Matratzenstaub aus den Betten von Bauernkindern auf mikrobielle Zellwand-Bestandteile untersucht. Das Ergebnis: „Ein Cocktail aus grampositiven Bakterien, Bazillen, Listerien sowie aus den Schimmelpilzen Penicillium und Aspergillus – das macht den Stall für die Allergieprävention so wertvoll“, sagt die Münchner Medizinerin.

Als besonders schützend erwiesen sich die Mikroorganismen Acinetobacter iwoffii und Lactococcus lactis. Im Mäuseversuch haben Kollegen der Forscherin belegt, dass diese Bakterien, durch die Nase verabreicht, gegen Allergien feien. Vielleicht wirken weitere Stallfaktoren zusätzlich schützend: „Eventuell kolonisieren Bakterien aus der Umgebung die Atemwege und verdrängen andere Bakterien, die mit Asthma assoziiert sind“, sagt von Mutius. Eine weitere Theorie: Bakterien produzieren Stoffwechselprodukte, etwa kurzkettige Fettsäuren, die die Immunantwort verändern könnten. Der zweite Schutzfaktor im Leben eines Bauernhofkindes ist Rohmilch. Normalerweise wird sie in der Molkerei erhitzt, damit Krankheitserreger wie EHEC-Bakterien absterben. Generell gilt: Für Kinder, Schwangere und immunschwache Menschen sind solche Keime gefährlich. Doch bei der Hälfte der deutschen Milchbauern kommt Rohmilch täglich auf den Tisch – noch lauwarm aus dem Euter. Alle trinken sie, auch die schwangere Landwirtin und das Kleinkind. Das hat einen Schutzeffekt. Von Mutius hat entdeckt, dass die Kinder von Rohmilch trinkenden Müttern schon unmittelbar nach der Geburt andere Immunantworten aufweisen als der Bevölkerungsdurchschnitt. Ihre Abwehrzellen sind eher in der Lage, wichtige antiallergische Botenstoffe zu produzieren.

Warum die Rohvariante im Gegensatz zu behandelter Milch gesundheitsfördernd sein könnte, erforscht von Mutius derzeit. Die Auswertung der Gabriel-Studie legt nahe, dass vor allem hitzelabile Proteine aus der Molke das Asthma- und Allergierisiko beeinflussen – in erster Linie Alpha-Lactalbumin, Beta-Lactoglobulin und Bovines Serumalbumin. Das ist jedoch nicht abschließend geklärt. „Auch die Homogenisierung könnte ein Problem sein, weil die Fette hierbei stark verändert werden“, meint die Münchnerin.

Trotzdem bastelt von Mutius an einer gesünderen Milch. In Zusammenarbeit mit der Industrie versucht sie schonendere Verarbeitungsverfahren zu entwickeln. Mit neuen Milchvarianten soll es dann Studien am Menschen geben. Eine Alternative wäre, hitzebehandelter Milch nachträglich die schützenden Molke-Eiweiße zuzusetzen. „Zurück zur Natur“, zur Rohmilch, ist allerdings kein Patentrezept: Stadtkindern rät die Wissenschaftlerin ausdrücklich ab, Rohmilch zu trinken, das könnte zu heftigen Durchfällen führen. Käsefreunde brauchen sich indes aus Rohmilch hergestellten Hartkäse nicht zu verkneifen – er gilt als ungefährlich. Kathrin Burger ■

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