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TÖDLICHER DATENMANGEL

Bei einer Blutvergiftung können die etablierten Therapien fatale Folgen haben.

Jedes Jahr sterben in Deutschland über 150 000 Menschen an einer Blutvergiftung, einer „Sepsis“. Die Wahrscheinlichkeit, durch einen Herzinfarkt umzukommen, ist nur wenig größer. Die aggressive Krankheit tritt meist als Folge einer schweren Lungen- oder Bauchfellentzündung auf, wenn der Körper Bakterien oder Pilze nicht mehr in Schach halten kann. „Die Sepsis-Erreger und ihre Gifte breiten sich über die Blutbahn aus und können alle Organe massiv schädigen“, erklärt Frank Brunkhorst, Intensivmediziner und Professor an der Universitätsklinik Jena. Wenn die Abwehrreaktion des Körpers schließlich außer Kontrolle gerät und sich auch gegen körpereigene Zellen richtet, kommt es zum sogenannten septischen Schock: Blutplasma wandert aus dem Blut in umliegendes Gewebe, der Blutdruck sackt dramatisch ab, und der Kreislauf des Patienten kann zusammenbrechen.

Die biochemischen und biophysikalischen Prozesse bei der Blutvergiftung sind heute gut verstanden. Für die Behandlung von Sepsis-Patienten liegen dagegen nur wenige gesicherte Erkenntnisse vor. Dieser Datenmangel kann tödliche Folgen haben. Das zeigt eine Studie des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Kompetenznetzwerkes Sepsis (SepNet), die kürzlich in der Fachzeitschrift New England Journal of Medicine veröffentlicht wurde. Die Sepsis-Forscher, unter ihnen Brunkhorst, haben die etablierten Behandlungsmethoden geprüft und Erschreckendes herausgefunden. „Wir haben zum Beispiel festgestellt, dass die übliche intensive Insulintherapie für Sepsis-Patienten nicht geeignet ist“, berichtet der Intensivmediziner. „Im Gegenteil: Sie kann die Wahrscheinlichkeit für eine lebensbedrohliche Unterzuckerung um mehr als das Fünffache erhöhen.“

Die Wissenschaftler hatten außerdem die Wirkungen von Infusionslösungen verglichen, die bei drohendem Kreislaufkollaps fehlendes Blutplasma ersetzen und den Kreislauf wieder auf Touren bringen sollen. In den USA werden dazu salzhaltige Flüssigkeiten verabreicht. Europäische Mediziner setzen dagegen vor allem auf Stärkelösungen. Weil Stärke viel Wasser binden kann, reichen kürzere Infusionszeiten, um den Blutdruck wieder auf akzeptable Werte steigen zu lassen. Umso überraschter waren die Mediziner vom Ergebnis des Vergleichs. „Die mit Stärkelösungen therapierten Probanden trugen ein doppelt so hohes Risiko für ein Nierenversagen“, sagt Brunkhorst. Mittlerweile sind zwar neue Stärke-Infusionen auf dem Markt, die nach Angaben der Hersteller weniger Nebenwirkungen haben. Untersuchungen, die ein höheres Risiko für ein Nierenversagen eindeutig ausschließen, stehen indes noch aus.

Die Studie wurde über mehrere Monate an 600 Patienten in verschiedenen Kliniken durchgeführt und erfüllte methodisch den höchsten Standard. „Leider eine Rarität auf dem Gebiet der Sepsis-Forschung“, klagt Brunkhorst. Als Grund für die schlechte Datenlage nennt er: „Die Zahl der Opfer ist lange deutlich unterschätzt worden. Statt ‚Sepsis‘ standen häufig die vorausgegangenen Infektionen auf dem Totenschein.“ Erst vor fünf Jahren ist die Blutvergiftung durch eine SepNet-Studie als dritthäufigste Todesursache in Deutschland entlarvt worden.

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Immerhin ist mittlerweile unstrittig, dass bei Anzeichen einer Blutvergiftung sofort ein Breitband-Antibiotikum gegeben werden muss. „Im Kampf gegen die Sepsis zählt jede Stunde“, betont Brunkhorst. Eine aktuelle Studie des Kompetenznetzes Sepsis soll zudem bald Aufschluss darüber geben, welches Antibiotikum für welche Patienten am besten geeignet ist. Bis die Ergebnisse vorliegen, bleibt den Ärzten nichts anderes übrig, als sich auf ihre Erfahrung zu verlassen. ■

von Andrea Hoferichter

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Aktuelle Informationen zu Blutvergiftungen: www.sepsis-gesellschaft.de

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