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Gesundheit+Medizin

Tricksen, täuschen, tarnen

Bei einem Viertel aller Arzneimittel treten nach der Markteinführung Nebenwirkungen auf, die in sämtlichen vorher durchgeführten klinischen Tests unerkannt geblieben waren. Medikamente wie Lipobay oder Vioxx, die wieder vom Markt genommen werden müssen, sind also nur die Spitze des Eisbergs. Wie nachlässig Studien – die für die Patientensicherheit entscheidend sind – geplant und durchgeführt werden, hat Prof. Winfried Rief, Psychologe an der Universität Marburg, zusammen mit Kollegen der Harvard Medical School in Boston/USA aufgedeckt.

„Zunächst haben wir uns bei der Analyse auf die Statine beschränkt. Denn diese Cholesterinsenker wurden in sehr großen Studien teilweise an über 20 000 Patienten getestet“, sagt Rief. Einige dieser Arbeiten gelten als echte Flaggschiffe der Medizin und haben viel dazu beigetragen, dass die Statine weltweit die umsatzstärksten Medikamente sind. Doch die Wissenschaftler sind bei ihrer Analyse auf erhebliche Ungereimtheiten gestoßen. Am deutlichsten zeigt sich die mangelnde Erfassung von Nebenwirkungen, wenn man sich die Daten aus den jeweiligen Placebo-Gruppen anschaut. Diese Patienten hatten zur Kontrolle nur wirkstofffreie Scheinpräparate erhalten. „Wir hatten für die Placebo-Gruppen in allen Studien etwa die gleiche Rate an Nebenwirkungen erwartet“, sagt Winfried Rief. Doch die Überraschung war groß: So klagten in einer Studie zwölf Prozent der Probanden über Bauchschmerzen, in einer Vergleichsstudie dagegen nur ein Prozent. Ähnlich große Unterschiede gab es bei Kopfschmerzen, Durchfall und Blähungen. Ebenfalls unverständlich ist: In der Bevölkerung weit verbreitete Alltagsbeschwerden wie Rückenschmerzen oder Müdigkeit waren in den Placebo-Gruppen deutlich unterrepräsentiert. Für Winfried Rief zeigt sich daran, dass die Daten wenig glaubwürdig erhoben wurden.

Außerdem moniert er, viele Studien würden von vornherein so geplant, dass die Zahl der Probanden gerade ausreicht, um statistisch die Wirksamkeit des Medikamentes zu beweisen. Seltene Nebenwirkungen fallen dann in der Auswertung nicht auf. Dazu kommt, dass Daten von Patienten, die eine Studie wegen der Nebenwirkungen abbrechen, oft gar nicht in die Auswertung einfließen.

Zu dem geschönten Bild, das solche – fast immer von den Herstellern in Auftrag gegebene – Studien von den Medikamenten zeichnen, trägt auch der so genannte Publication Bias bei. Winfried Rief: „Nur jede vierte bis fünfte Studie zu einem Wirkstoff wird überhaupt veröffentlicht.“ Alles, was für die Firmen schlecht aussieht, verschwindet auf Nimmerwiedersehen in den Schubladen der Forscher. Doch das Problem sei erkannt, meint Rief: „Angesehene Zeitschriften publizieren seit einem Jahr nur noch Studien, wenn diese vor Beginn öffentlich registriert wurden.“ Das soll eine Geheimforschung verhindern, die nur die positiven Ergebnisse nach außen lässt. Inzwischen werden vermehrt industrie-unabhängige Studien gefördert, in Deutschland beispielsweise seit 2004 durch das gemeinsame Programm „Klinische Studien“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und des Forschungsministeriums. Dr. Ulrich Fricke

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