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Gesundheit+Medizin

…und wie lange hält so was?

Zwischen Hoffen und Bangen: Ein herzkranker Patient erzählt von seinem schwierigen Leben vor und nach einer Herz-Lungen-Transplantation.

Das Wort Angst erwähnt er nur ein einziges Mal. „Blanke Angst“ , sagt Markus Müller, habe ihn gepackt, als er den Eimer neben seinem Bett langsam mit blutiger Flüssigkeit vollaufen sah. Unablässig tropfte sie aus den Drainageschläuchen, die fingerdick aus seinem Brustkorb ragten. „Keiner wusste, was los ist“, erinnert er sich. Die Ärzte meinten nur: „Etwas in ihrer Brust blutet – wir müssen noch mal ran.“ Da war sie: Die kalte Angst, die sein neues warmes Herz umschloss. „Ich habe zum ersten Mal gedacht: Etwas geht schief.“

Am 4. Oktober 2000 dichteten die Ärzte das Leck ab, das sich zwischen dem Körper von Markus Müller und dem fremden Organ gebildet hatte, und retteten dem damals 38-Jährigen das Leben. In der Zeitrechnung von Markus Müller beginnt sein „neues Leben“ dennoch sechs Tage früher, an jenem Freitag, an dem ihm die Ärzte mitteilten: „Herr Müller, packen Sie zusammen. Wir haben ein Herz für Sie.“ Seither zündet er jedes Jahr am 29. September eine Kerze an. „Aus Dankbarkeit“, betont er. „Und weil es vielleicht helfen kann, dass ich das Herz möglichst lange behalten darf.“

Die Geschichte, die Markus Müller mit seinem neuen Herzen zusammenführt, beginnt in einem Schullandheim Mitte der Siebzigerjahre. Damals war er 14 Jahre alt: „Wir haben uns alle die Kletterburg hochgehangelt, nur mir wurde schlecht.“ Der Dorfarzt stellte beim Abhören fest, dass da „am Herzen irgendwas komisch klingt“. Zuvor, meint Markus Müller, habe er nie Probleme gehabt, außer vielleicht, dass er im Sport immer der Schlechteste war.

Ärzte der Universitätsklinik Köln fanden den Grund der „ komischen“ Herzgeräusche heraus: ein „ductus arteriosus persistens“, anders ausgedrückt: ein Versehen der Natur. Normalerweise bildet sich der „ductus arteriosus“ – ein Verbindungsgang zwischen der Schlagader und dem gemeinsamen Stamm der Lungenschlagadern, der beim ungeborenen Kind besteht – zurück, sobald das Neugeborene seinen ersten Atemzug tut. In einzelnen Fällen bleibt er bestehen, er „persistiert“ – wie bei Markus Müller. Die Folge: Der Herzmuskel muss sehr viel mehr Kraft aufwenden, um ausreichend Blut in Lunge und Körper zu pumpen – eine Mehrarbeit, die ihn mit der Zeit erschöpft und auch die Lunge in Mitleidenschaft zieht.

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Der Herzfehler war festgestellt, weitere Konsequenzen hatte die Diagnose zunächst nicht. „Ich habe mit meinen Freunden weiter immer alles mitgemacht“, erzählt Markus Müller, obwohl die Ärzte ihm geraten hatten, sich zu schonen. Manchmal mutete er sich sogar mehr zu als alle anderen, „selbst, wenn ich danach mit blauen Lippen in der Ecke saß“. Später passte er besser auf sich auf. „Wenn ich mich übernommen hatte“, erinnert er sich, „war für den Rest des Tages Schluss.“ Sich übernehmen hieß etwa, trotz besseren Wissens vier oder fünf Etagen Treppen zu steigen: „Dann raste das Herz, ich schnappte nach Luft, jeder Atemzug tat weh, und die Schmerzen blieben stundenlang.“

Die erzwungenen Ruhepausen ärgerten ihn. „Jetzt erst recht“, war seine Reaktion. Er schloss die Realschule ab, machte Abitur, erlernte den Beruf des Fräsers als Vorbereitung für das Maschinenbaustudium, beendete es 1987 und begann, als Diplomingenieur bei der Firma Ford in Köln zu arbeiten. Er heiratete, baute ein Haus, 1996 kam sein Sohn Lukas zur Welt.

Im selben Jahr erlebte er etwas zuvor nie Dagewesenes – einen Gichtanfall in Zehen und Fußgelenken. Was auf den ersten Blick in keinerlei Zusammenhang mit seinem Herzfehler zu stehen schien, war der Vorbote einer dramatischen Verschlechterung. Fachmännisch erklärt Markus Müller die medizinischen Hintergründe: Weil sein Herz nicht genügend Blut in die Lunge transportieren konnte, wurde dieses nicht ausreichend mit Sauerstoff angereichert. Dadurch gerieten alle Zellen des Organismus in Sauerstoffnot. Den ständigen Mangel versuchte der Körper auszugleichen, indem er mehr rote Blutkörperchen – die Transporteure des Sauerstoffs – bildete. Eine untaugliche Kompensation: Wenn die Lebenszeit der roten Blutkörperchen nach rund 120 Tagen abgelaufen ist, sterben sie ab. Als Abbauprodukt entsteht Harnsäure, die beim gesunden Menschen mit dem Harn ausgeschieden wird. Entsteht Harnsäure jedoch aufgrund zu vieler roter Blutkörperchen, lagern sich Harnsäurekristalle in den Gelenken ab – die Ursache des schweren Gichtanfalls von Markus Müller, der mit Medikamenten erfolgreich behandelt werden konnte.

Er sei danach allerdings einfach „nicht wieder richtig auf die Beine gekommen“. Die Hälfte seiner Leistungsfähigkeit habe er eingebüßt, zumal sich literweise Wasser in seinem Körper ansammelte – ebenfalls eine Folge der nunmehr fortgeschrittenen Schwäche des Herzens. Erst jetzt begann er, regelmäßig herzstärkende Medikamente einzunehmen.

„Damals habe ich realisiert, dass das etwas wirklich Ernstes ist“, sagt Markus Müller. An so schlichte Dinge wie spazieren zu gehen oder seinen kleinen Sohn hoch zu heben, war nicht mehr zu denken. „Die Ärzte erklärten mir, ich sollte mir Gedanken über eine Transplantation machen.“ Er suchte verschiedene Herzspezialisten auf. Prinzipiell, so bekam er zu hören, gehöre er auf die Liste für ein Spenderorgan – aber es gehe ihm dafür noch viel zu gut.

Im Jahr 2000 verschlechterte sich sein Zustand ein zweites Mal dramatisch. Den ganzen Sommer habe er sich durchgeschleppt, „mit ständigen Schwindelanfällen wegen des dicken Blutes. Ich brauchte nur zu versuchen, aus dem Sessel aufzustehen, schon wurde mir schwarz vor Augen.“ Arbeiten konnte er schon lange nicht mehr. Markus Müller war jetzt 38 Jahre alt und hatte die durchschnittliche Lebenszeit eines Menschen mit einem derartigen Herzfehler erreicht.

„Jetzt wird’s kritisch“, meinten die Ärzte, und setzten ihn endlich auf die Organspendeliste. Zwei bis drei Jahre, wurde ihm gesagt, müsse er allerdings unter Umständen auf die Transplantation warten. Zu dem Arzttermin damals, erinnert sich Markus Müller, sei er noch selbst mit dem Auto gefahren. Drei Tage später brach er ohnmächtig zusammen: Das schwache Herz konnte die Körperfunktionen nicht mehr aufrecht erhalten.

„Sie kommen jetzt zu uns – und zwar sofort“, sagte ein Arzt des Deutschen Herzzentrums in München. Dort angekommen, reihte sich eine Ohnmacht an die nächste. Sein Arzt erklärte ihm, dass die Überzahl an roten Blutkörperchen demnächst ein Hirngefäß verstopfen werde: Es drohte ein Schlaganfall. Der Arzt setzte Markus Müller schließlich auf die höchste Dringlichkeitsstufe für die Organvergabe. „Das nächste Herz, das kommt“, sagte er, „ist Ihnen.“

Nein, Angst habe er in diesem Moment nicht gehabt. Nur die Erwartung, dass es vielleicht schon in zwei bis drei Wochen losgehen würde. Am Nachmittag des 29. Septembers 2000 war es soweit: „Das Herz ist da!“

Die Zeit habe kaum gereicht, seine Sachen zu packen, so schnell sei er mit dem Hubschrauber in die Medizinische Hochschule Hannover geflogen worden. „Wie gut, wie gut, dass ein Herz da ist“, dachte er immer wieder.

Sechseinhalb Stunden brauchten die Chirurgen, um sein todschwaches Herz mitsamt den angegriffenen Lungenflügeln aus dem Körper zu schneiden und ein gesundes Herz sowie eine gesunde Lunge einzupflanzen. Der Eingriff dauerte länger als üblich, weil auf dem OP-Tisch die Nieren von Markus Müller versagten und nur mit einer sofortigen Dialyse gerettet werden konnten. „Wir hätten Ihnen die wertvollen Organe nicht gegeben, wenn zuvor abzusehen gewesen wäre, dass die Nieren aufgeben“, wurde ihm später gestanden.

„Zahllose Schläuche, Kabel und Maschinen“ – das war das Erste, was Markus Müller wahrnahm, als er erwachte. „Aber ich war überglücklich, dass nun alles vorbei war.“

Am Mittwoch, den 4. Oktober, tropfte das Blut in den Eimer. „ Sie haben mich dann noch einmal aufgemacht“, sagt Markus Müller. Von diesem zweiten Eingriff erholte er sich nur langsam. Nach ungefähr zwei Wochen aber ging es ihm von Tag zu Tag besser. Wenn er von dieser Zeit erzählt, gerät der sonst so sachliche Ingenieur ins Schwärmen: Es sei „ein Wahnsinn“, ein „sagenhaftes Gefühl“ gewesen. Er habe sich vorgestellt, was man bald alles machen könne – „und dann heult man auch schon mal vor Freude. Denn: Es geht einem besser als jemals zuvor im Leben“.

Dreieinhalb Wochen nach der Herz-Lungen-Transplantation konnte Markus Müller die Klinik verlassen. Er buchte einen Sommerurlaub, „den ersten Urlaub im neuen Leben“. Er verkaufte sein Fahrrad mit Elektrohilfsmotor und besorgte sich ein „richtiges“ Fahrrad mit Kinderanhänger. Sein schönstes Weihnachtsgeschenk im Jahr 2000 war „dass ich den Christbaum endlich wieder alleine aufstellen konnte“.

Auch heute, sechs Jahre später, geht es Markus Müller nach wie vor „sensationell gut“. Er führt ein glückliches Familienleben im Grünen zwischen Köln und Remscheid. Er fährt jeden Tag zur Arbeit nach Köln, wo er wieder mit „ganzer Kraft“ in der Entwicklungsabteilung von Ford arbeitet.

Das Gefühl, etwas im Körper zu haben, das nicht zu ihm gehört, hatte er nie: „Und wenn – wie kann ich das negativ sehen? Es hilft mir doch!“

Was ihn bekümmert, ist die Vorstellung, dass sein Körper die fremden Organe eines Tages vielleicht doch noch abstoßen könnte. Als „typischer Ingenieur“, erzählt er, habe er vor der Transplantation gefragt: „Und wie lange hält so was?“ Die Ärzte erklärten ihm: „Von allen Herz-Lungen-Transplantierten ist nach fünf Jahren noch die Hälfte da.“

Markus Müller ist überzeugt, dass sein neues Herz und seine neue Lungen prädestiniert sind, „sehr viel länger zu halten“. Denn es wurde ihm angedeutet, dass er „ein sehr starkes Herz und eine sehr voluminöse Lunge“ erhalten habe. Er nimmt an, dass die Organe von einem jungen Motorradfahrer stammen – wegen des Freitagnachmittags, an dem sie so plötzlich für ihn da waren. Er stellt sich vor, dass sein unbekannter Lebensretter vielleicht nach der Arbeit mit seiner Maschine eine Spritztour ins Grüne machen wollte und dabei verunglückt ist. Natürlich mache man sich da so seine Gedanken. Genaues wisse er nicht. Aber er wüsste „ sehr, sehr gerne“, von wem er die Organe erhalten hat – um den Angehörigen zeigen zu können, „welch guten Zweck sie heute erfüllen“. ■

Claudia Eberhard-Metzger stellt in bdw immer wieder Menschen vor, die ihr Leben mit einem schwierigen medizinischen Problem meistern.

Claudia Eberhard-Metzger

Ohne Titel

• Durch einen Geburtsfehler brauchte das Herz von Markus Müller für seine Arbeit extrem viel Kraft.

• Auch die Lunge litt. Der Körper geriet unter schweren Sauerstoffmangel.

• Nach der Herz-Lungen-Transplantation bleibt die Angst, dass der Körper die fremden Organe noch abstoßen könnte.

Ohne Titel

den 31. Dezember 1987 wird Prof. Axel Haverich nie vergessen. Damals transplantierte er in der Medizinischen Hochschule Hannover als Erster in Deutschland ein Herz mitsamt Lunge. Der Patient war ein kleines Kind, die komplette Prozedur vom Bekanntwerden, dass passende Organe vorhanden sind, über die Operation bis zu ihrem Abschluss dauerte 60 Stunden. „Auf dem Nachhauseweg“, erinnert sich Haverich, „bin ich von der Polizei angehalten worden, weil ich Schlangenlinien fuhr. So fertig war ich.“

Die kombinierte Herz-Lungen-Transplantation, im Medizinerjargon HLTx genannt, ist nach wie vor ein vergleichsweise seltenes Ereignis: Pro Jahr bekommen in Deutschland durchschnittlich 20 Patienten ein fremdes Herz und eine fremde Lunge, die Mehrzahl von ihnen wird von Haverich und seinem Team in der Medizinischen Hochschule Hannover operiert. Auch Markus Müller, dem im Jahr 2000 neue Organe verpflanzt wurden, gehört zu ihren Patienten.

Die häufigste Einzelerkrankung, die eine Doppeltransplantation notwendig macht, ist die so genannten primäre pulmonale Hypertonie, erklärt Privatdozent Martin Strüber, Chirurg und Oberarzt im Team von Haverich. Dabei handelt es sich um eine krankhafte Druckerhöhung in den Lungenarterien, deren Ursache unbekannt ist und unter der Frauen häufiger als Männer leiden. Andauernde Erkrankungen des Lungengewebes, beispielsweise chronische Bronchitis, chronisches Asthma oder ein Lungenemphysem können eine sekundäre pulmonale Hypertonie verursachen. Auch dabei wird das Herz meist mitgeschädigt, so dass oft eine kombinierte Transplantation erforderlich ist.

Eine weitere typische Patientengruppe leidet wie Markus Müller seit der Kindheit an einem angeborenen Herzfehler, der schließlich die Funktion der Lunge in Mitleidenschaft zieht. Schließlich kann eine Doppeltransplantation auch bei Menschen, die an der Erbkrankheit Zystische Fibrose leiden, notwendig sein. Bei ihnen ist das Lungengewebe durch chronische Entzündungen geschädigt.

Das Hauptproblem nach einer Herz-Lungen-Transplantation, erklärt Haverich, sind Infektionen und Abstoßungsreaktionen. Besonders im ersten Jahr nach der Operation ist das Risiko für eine akute Organabstoßung hoch: Etwa 10 bis 20 Prozent der transplantierten Organe gehen verloren. Später kommt es bei rund 30 Prozent der Patienten infolge einer chronischen verlaufenden Abstoßung zum Verlust des Organs.

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