Ungleichgewicht im Gehirn - wissenschaft.de
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Ungleichgewicht im Gehirn

Zentrale Schaltstellen des Gleichgewichtssystems haben Forscher der Universität Mainz im Gehirn identifiziert. Mit diesem Wissen können sie jetzt die Behandlung von Schwindel-Symptomen deutlich verbessern.

Schwindel ist ein alltägliches Phänomen: Wenn auf einer Seefahrt der Boden schwankt, meldet das Gleichgewichtsorgan im Innenohr eine Bewegung, die jedoch weder vom Auge noch von den Bewegungssensoren in Muskeln und Gelenken bestätigt werden kann. Solche widersprüchlichen Meldungen bringen das Gleichgewichtsempfinden komplett durcheinander. Bei vielen älteren Menschen scheint die koordinierte Verarbeitung von Sinnesreizen grundlegend gestört zu sein. Denn fast jeder Vierte über 60 Jahren klagt irgendwann über Schwindelattacken. Jeder zweite Oberschenkelhalsbruch lässt sich darauf zurückführen.

Der Arbeitsgruppe um Marianne Dieterich, Direktorin der Neurologischen Klinik der Universität Mainz, ist es gelungen, im Großhirn die Areale zu lokalisieren, die für das Gleichgewichtssystem von Bedeutung sind, also beispielsweise für einen sicheren Gang sorgen. Dazu haben die Forscher bei Testpersonen einen künstlichen Schwindel ausgelöst: Der äußere Gehörgang wurde kurz mit warmem Wasser gespült. Die Wärme setzt die Flüssigkeit in den Bogengängen des Innenohres in Bewegung – dies signalisiert dem Gehirn einen Bewegungsreiz, der aber in Wahrheit nicht existiert. Um die Zentren im Gehirn sichtbar zu machen, die bei einer solchen Schwindelattacke aktiv sind, wurde den Probanden per Tropf Wasser mit radioaktivem Sauerstoff gegeben. Er reichert sich in besonders stoffwechselaktiven Hirnregionen an, und diese lassen sich dann exakt mithilfe des bildgebenden Verfahrens Positronen-Emissions-Tomographie (PET) lokalisieren. Auf diese Weise konnten die Mainzer Wissenschaftler Schaltstellen im so genannten posterolateralen Thalamus identifizieren.

Diese Region im Zwischenhirn müssen die Sinneseindrücke durchlaufen, bevor sie ins Großhirn gelangen. „Wir waren überrascht, wie streng organisiert die Gleichgewichtsbahnen hier verschaltet sind“, meint Marianne Dieterich. Auch im Großhirn fanden sich bei Schwindelattacken besonders aktive Regionen: „Die von uns entdeckten Bereiche in der Großhirnrinde sind paarig angelegt“, sagt Dieterich. „Jede Hirnhälfte hat also ihre eigenen Zentren. Aber die Aktivität war bei Rechtshändern in der rechten Hirnhälfte deutlich stärker als in der linken.“ Für die Verarbeitung der Gleichgewichtsinformationen scheint also vor allem die weniger dominante Großhirnhälfte verantwortlich zu sein – dies ist bei Rechtshändern wegen der Überkreuzung der Nervenfasern im Hirnstamm die rechte.

Marianne Dieterich setzt die neuen Erkenntnisse in die Praxis um: „Wir sprechen jetzt bei Schwindel-Patienten durch gezielte Übungen oder Krankengymnastik genau jene Gehirnhälfte an, in der das Gleichgewichtszentrum liegt.“ Diese neue Methode hilft auch Menschen, die einen Schlaganfall hinter sich haben, denn sie leiden häufig unter Schwindelanfällen. Dr. Ulrich Fricke

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COMMUNITY Lesen

Thomas Lempert

Wirksame Hilfe bei Schwindel – Was dahinter steckt und wie Sie ihn wieder los werden

Trias-Verlag 2003, € 12,95

Kontakt

Prof. Dr. med. Marianne Dieterich

Universität Mainz

Neurologische Klinik

Langenbeckstraße 1

55101 Mainz

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