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„Unmöglicher“ Geruchssinn entdeckt

Riechen
Manche Menschen können offenbar auch ohne Riechkolben riechen. (Bild: Shironosov/ istock)

Der Riechkolben im Gehirn gilt eigentlich als essenziell für unseren Geruchssinn. Doch offenbar können manche Menschen auch ohne diese Struktur an der vorderen Basis des Gehirns hervorragend riechen. Sie erkennen und unterscheiden Gerüche ebenso gut wie der normale Durchschnitt, wie Experimente mit zwei betroffenen Frauen enthüllten. Das rätselhafte Phänomen scheint besonders beim weiblichen Geschlecht und vor allem unter Linkshänderinnen verbreitet zu sein. Wie es dazu kommt, ist den Forschern zufolge allerdings noch unklar.

Ob duftende Blumen, der Kuchen im Ofen oder Abgase auf der Straße: Steigt uns ein Geruch in die Nase, registrieren dies die Sinneszellen in unserem Riechorgan. Sie identifizieren die unterschiedlichen Geruchsmoleküle und leiten diese Information über ihre Nervenfortsätze an den Riechkolben im Gehirn weiter. In diesem sogenannten Bulbus olfactorius findet eine erste Verarbeitung der Sinnesmeldungen statt, bevor sie von dort an weitere Hirnbereiche übermittelt werden. Als erste Station der Geruchsverarbeitung im Denkorgan kommt dem Riechkolben eine besondere Bedeutung zu: Ohne ihn können wir nicht riechen – so zumindest dachten Forscher bislang.

Fehlender Riechkolben

Doch Tali Weiss vom Weizmann-Institut für Wissenschaften im israelischen Rechovot und ihre Kollegen haben nun eine überraschende Entdeckung gemacht: Offenbar funktioniert der Geruchssinn bei manchen Menschen auch ohne diese Struktur an der vorderen Basis des Gehirns. Auf die Spur dieses verblüffenden Phänomens kamen die Wissenschaftler, als sie Probanden für eine Studie mithilfe der Magnetresonanztomografie (MRT) ins Denkorgan blickten. Dabei stießen sie auf zwei Teilnehmerinnen, denen der Riechkolben fehlte – trotz allem hatten diese beiden Frauen laut eigener Aussage aber keinerlei Probleme, Gerüche wahrzunehmen. Was steckte dahinter?

Um mehr herauszufinden, untersuchten Weiss und ihr Team die beiden Frauen genauer. Dabei verglichen sie deren Gehirnstruktur und Riechleistung mit denen einer dritten Frau ohne Riechkolben, die von Geburt an an Anosmie litt – dem Fehlen des Geruchssinns. Die Ergebnisse zeigten: Abgesehen vom fehlenden Riechkolben schien die Gehirnstruktur aller drei Frauen normal zu sein. Während die Anosmie-Patientin beim Geruchstest jedoch kaum einen Duftstoff erkannte, bewiesen die beiden anderen Frauen das vermeintlich Unmögliche: Sie konnten unterschiedliche Gerüche problemlos wahrnehmen, identifizieren und voneinander unterscheiden. Dabei schnitten sie genau so gut ab wie der Durchschnitt der Personen in ihrer Altersgruppe.

Gehäuft bei linkshändigen Frauen?

Wie genau den Frauen dies gelingt, wissen die Forscher noch nicht. „Die einfachste Erklärung ist, dass diese Frauen ohne Riechkolben geboren wurden, sich dank der extremen Plastizität des sich entwickelnden Gehirns jedoch eine Alternative herausgebildet hat“, sagt Mitautor Noam Sobel. Die Geruchsinformation werde nun wahrscheinlich in einem anderen Bereich des Gehirns repräsentiert. „Eine solche Anpassungsfähigkeit scheint unglaublich. Sie liegt aber nicht außerhalb dessen, was in anderen Kontexten bereits beobachtet worden ist“, erklärt Sobel.

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Doch wie häufig ist dieses faszinierende Riechphänomen? Auf der Suche nach weiteren Menschen, die trotz fehlenden Riechkolbens riechen können, werteten die Wissenschaftler öffentlich zugängliche Daten von 606 Frauen und 507 Männern aus, von denen sowohl Gehirnscans als auch Ergebnisse aus Riechtests vorlagen. Tatsächlich wurden sie bei drei Frauen in der Stichprobe fündig, eine von ihnen war Linkshänderin. Das Interessante daran: Auch die beiden zuvor untersuchten Probandinnen waren Linkshänderinnen, wie die Forscher berichten. Auf Basis ihrer Ergebnisse gehen sie nun davon aus, dass 0,6 Prozent aller Frauen und 4,25 Prozent aller linkshändigen Frauen keinen sichtbaren Riechkolben haben und dennoch uneingeschränkt Gerüche wahrnehmen können.

„Bisher rätselhaft“

Warum aber scheint dies ausschließlich bei Frauen und insbesondere bei Linkshänderinnen vorzukommen? „Beide Assoziationen sind für uns bisher rätselhaft“, erklären die Forscher. Bekannt ist zwar, dass Frauen grundsätzlich empfindlicher auf Gerüche reagieren als Männer und Linkshändigkeit oft mit einer veränderten Hirnentwicklung einhergeht. „Wir haben aber keine Hypothese, wie dies mit den von uns beobachteten Effekten zusammenhängt“, so Weiss und ihre Kollegen. Sie wollen daher in Zukunft noch mehr Menschen ins Gehirn blicken, um das Geheimnis um den „unmöglichen“ Geruchssinn zu lüften. Vielleicht liefern die Ergebnisse auch Hinweise darauf, ob Menschen mit Anosmie das Riechen womöglich neu erlernen können.

Quelle: Tali Weiss (Weizmann-Institut für Wissenschaften, Rechovot, Israel) et al., Neuron, doi: 10.1016/j.neuron.2019.10.006

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