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VERGEBENE CHANCEN

Die neuen Erkenntnisse über Placebos lassen aufhorchen: Womöglich wurde manche wirksame Arznei bei klinischen Studien zu Unrecht gestoppt.

Nimmt man die jüngsten Erkenntnisse der Placebo-Forschung ernst, droht einer heiligen Kuh der Schulmedizin die Schlachtung: der „placebo-kontrollierten Doppelblindstudie“. Seit den 1950er-Jahren gilt sie als das Nonplusultra der klinischen Pharmaforschung. Wollen Mediziner ein neues Medikament am Menschen testen, teilen sie die Studienteilnehmer in zwei Gruppen ein: Die eine bekommt den Wirkstoff (Verum), die andere ein Placebo. Außer einer unabhängigen Kontrollinstanz ist niemandem bekannt, wer wie behandelt wird, auch den Versuchsleitern nicht. Die Patienten wissen lediglich, dass sie eine 50- zu-50-Chance auf Wirkstoff oder Placebo haben. Nur wenn das Medikament deutlich mehr Patienten hilft als die Zuckerpille, hat es eine Chance auf Zulassung. Je nach Krankheit reagieren durchschnittlich 30 Prozent der Patienten der Placebo-Gruppe. Doch dass sich so die wahre Wirkung eines Wirkstoffs ermitteln lässt, bezweifeln Placebo-Forscher nach jüngsten Erkenntnissen stark. Untersuchungen zeigen beispielsweise: Wer glaubt, dass er zur Verum-Gruppe gehört, kann stärker von der getesteten Therapie profitieren als jemand, der sich in der Placebo-Gruppe wähnt. Nur an diesen zufällig richtig liegenden Teilnehmern zeigt sich das wahre Potenzial der Arznei. Nimmt man die Reaktion der gesamten Verum-Gruppe als Maßstab, unterschätzt man folglich das Medikament.

Bislang hat sich die Pharma-Industrie gegen andere Studien-Designs gewehrt – zu teuer, so der Tenor. Doch gerade bei seelischen Erkrankungen wie Depressionen bestehen immer mehr neue Wirkstoffe in klinischen Studien nicht mehr gegen das Placebo. Die Gründe sind unklar. Die Branche geht davon aus, dass die Placebo-Antwort in der Bevölkerung irgendwie stärker geworden ist. Denn auch alte, bereits zugelassene Medikamente, die vor 20 Jahren das Placebo „geschlagen“ haben, schaffen das heute nicht mehr.

VIER GRUPPEN STATT ZWEI

Unter diesem Druck ergründen jetzt verschiedene Pharma-Firmen die Ursachen des Placebo-Problems und analysieren in einem groß angelegten Projekt Daten klinischer Studien der vergangenen Jahrzehnte. Placebo-Forscher kooperieren mit den Unternehmen, die die Macht des Placebo-Effekts mittlerweile anerkennen. Im Grunde, sagt Manfred Schedlowski von der Universität Essen, bräuchte man für jede klinische Zulassungsstudie vier statt zwei Patienten-Gruppen: Der ersten Gruppe wird gesagt, sie bekäme ein Placebo – und sie erhält ein Placebo. Der zweiten wird gesagt, sie bekäme das Medikament – und sie erhält das Medikament. Der dritten wird gesagt, sie bekäme das Medikament – sie erhält aber ein Placebo. Der vierten wird gesagt, sie bekäme ein Placebo – doch sie erhält das Medikament. Nur so lässt sich rechnerisch zweifelsfrei ermitteln, welcher Anteil der Wirkung auf den Inhaltsstoff zurückgeht und welcher auf die Erwartung der Patienten. Doch ein solches Prozedere, sagt Schedlowski, „kostet viel Zeit und viel Geld“. ■

von Klaus Wilhelm

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