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Gesundheit+Medizin

Wann Joggen lebensgefährlich ist

Warum immer wieder Läufer bei einem Volksmarathon sterben.

„Ein gesunder Mensch kann sich durch sportliche Belastung nicht umbringen“, betont Sportmediziner Albert Fromme von der Universität Münster. „Gefährlich wird es erst, wenn man bereits eine Erkrankung hat.“ Er und seine Kollegen bleiben erstaunlich ruhig, wenn man sie nach den Toten und den Gefahren von Volksmarathons fragt. Denn auch wenn die spektakulären Todesfälle im letzten Jahr etwas anderes vermuten lassen: Das Risiko, bei einem Lauf zu sterben, ist gering. „Bei organisierten Läufen stirbt von 50 000 bis 90 000 Teilneh-mern ein Einziger“, sagt Lars Brechtel, Sportmediziner an der Humboldt-Universität Berlin.

Damit ist das Todesrisiko sogar geringer als bei leichteren Freizeitaktivitäten wie Joggen über kürzere Strecken. Hier sterben im Schnitt dreimal so viele Läufer: einer von 15 000 bis 30 000. „Bei den großen Läufen werden Menschen, denen es nicht gut geht, rasch entdeckt und Ärzte und Sanitäter sind sofort zur Stelle“, erklärt Brechtel die überraschende Diskrepanz.

Sportmediziner betonen sogar den großen Nutzen des Laufsports. Seit einigen Jahren zeigen Untersuchungen immer wieder, dass Bewegung eine vorzügliche Vorbeugungsmethode gegen die meisten Zivilisationskrankheiten ist. Sie schützt sehr gut vor Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, verzögert das Einsetzen von typischen Altersbeschwerden wie Arthrose und hält Senioren auch geistig länger fit.

Bei manchen Krankheiten wirkt Sport ähnlich gut wie Medikamente – nur dass die unerwünschten Nebenwirkungen ausbleiben. Aktuelles Beispiel: Osteoporose. Wolfgang Kemmler und sein Team hatten den Gesundheitszustand von 40 sportlich aktiven Frauen mit dem von 27 unsportlichen Frauen vier Jahre lang aufgezeichnet und miteinander verglichen. Alle Frauen befanden sich in den Wechseljahren. Das Ergebnis, das Kemmler im letzten Herbst auf dem Kongress für Sportmedizin und Prävention in Hamburg vorstellte, war eindeutig. Die aktiven Frauen hatte deutlich dichtere Knochen – und vor allem: Sie fühlten sich besser und litten deutlich weniger unter Wechseljahresbeschwerden.

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Sport und Bewegung schützen und helfen nicht nur gegen Krankheiten und erhöhen die Lebensqualität, sie verlängern auch das Leben – das belegen inzwischen mehrere Studien eindeutig. Herbert Lölligen, Kardiologe vom Klinikum Remscheid hat mit Statistikern der Universität Dortmund diese Studien in einer „ Metaanalyse“ unter die Lupe genommen. Der lebensverlängernde Effekt von Bewegung war auch dann eindeutig, wenn die Statistiker andere Faktoren wie Rauchen oder Übergewicht herausrechneten.

Natürlich sind Laufen und alle anderen Sportarten nicht ohne jedes Risiko. Wer intensiv trainieren und zum Beispiel einen Halbmarathon laufen möchte, sollte deshalb ein paar Vorsichtsmaßnahmen treffen:

• Ab einem Alter von 35 Jahren empfehlen Sportmediziner eine Untersuchung mit Belastungs-EKG, um verborgene Herzschäden aufzudecken (siehe Interview). • Läufer auf langen Strecken sollten ausreichend, aber nicht übermäßig viel trinken, denn unter den Extrembedingungen eines Laufs kann zu viel Wasser lebensgefährlich sei.

Diesen überraschenden Befund veröffentlichten letztes Jahr Christopher Almond und seine Kollegen von der Harvard University im US-Fachblatt New England Journal of Medicine. Sie hatten nachgeforscht, warum während des Boston-Marathons immer wieder Läufer aus scheinbar unerklärlichen Gründen zusammengebrochen, manche sogar ins Koma gefallen und gestorben waren.

Almonds Team zapfte nach dem aktuellen Rennen fast 500 Läufern Blut ab – und entdeckte bei über 60 von ihnen, dass sie zu wenig Kochsalz im Blut hatten. Bei drei Läufern war der Salzgehalt schon auf ein gefährlich niedriges Maß gesunken.

Die Sportler hatten zu viel getrunken und dadurch den Körper in eine Zwickmühle getrieben: Durch die Anstrengung beim Laufen schwitzt der Körper und verliert dabei Wasser und Salze, vor allem Natriumchlorid (Kochsalz). Trinkt der Läufer nun viel Wasser, steigt dadurch der Wassergehalt des Bluts – aber nicht der Salzgehalt. Bis zu einem gewissen Grad kann der Körper dieses Ungleichgewicht ausgleichen. Übertreibt der Sportler jedoch mit dem Trinken, bringt ein physikalischer Effekt namens Osmose die Körperzellen in Schwierigkeiten. Sie müssen nun Wasser aus dem Blut aufnehmen, damit sich auf diese Weise das Salzgleichgewicht zwischen Zellinnerem und Blut wiederherstellt. Die Folge: Die Zellen quellen auf – und damit alle Gewebe und Organe. Sofern das nur zu dicken Beinen führt, ist das harmlos – trifft es jedoch auch das Gehirn, drohen erst Schwindel und Unwohlsein, dann der Zusammenbruch.

Früher galt lange Zeit, dass man beim Sport gar nicht genug trinken kann. Inzwischen wissen die Sportmediziner, dass der Körper recht gut mit einer zeitweiligen „Austrocknung“ zurechtkommt. Sogar das Gehirn verkraftet das besser, als man dachte, sagte Brechtel auf dem Hamburger Kongress. Bei einem Lauf sollte man stets auch seine körpereigenen Salzvorräte ergänzen und auf einem Marathon nicht mehr als drei Liter leicht gesalzenes Wasser trinken. Wer unsicher ist, ob er zu viel trinkt, sollte sich vor und nach dem Lauf wiegen. Wiegt er hinterher mehr als vorher, hat er zu viel getrunken. Generell gilt hier wie bei jeder Sportart: Hören Sie auf ihren Körper! Vertrauen Sie Ihrem Durstgefühl! ■

Thomas Willke

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