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Gesundheit+Medizin

WARTEN AUF DIE WUNDERWAFFE

Das Antibiotikum aus Froschhaut stand vor dem Aus. Jetzt soll die Entdeckung des US-Mediziners Michael Zasloff doch auf den Markt kommen – als hochwirksame Salbe.

19 000 Menschen infizieren sich jedes Jahr in deutschen Krankenhäusern mit dem gefürchteten Erreger MRSA, dem Methicillin resistenten Staphylococcus aureus. Geschätzte 1200 von ihnen sterben an der Infektion mit dem Keim, dem die derzeit verfügbaren Antibiotika nichts anhaben können. Doch MRSA ist nur ein Beispiel für etliche resistente Erreger, deren Zahl immer weiter zunimmt. Neue Medikamente, an die sich die Bakterien noch nicht gewöhnen konnten, sind notwendiger denn je. Vor einem Jahrzehnt gab es eine überraschend gute Nachricht: Der US-Mediziner Michael Zasloff hatte in der Haut afrikanischer Krallenfrösche eine Substanz gefunden, die Bakterien zuverlässig tötet und sich zugleich in ihrer Wirkweise von herkömmlichen Antibiotika grundlegend unterscheidet (bild der wissenschaft 5/1999, „Widerstand zwecklos“). Zasloff taufte die Wirksubstanz Magainin.

Der Amerikaner kündigte seine Stelle als Chef des Instituts für Kindergesundheit und menschliche Entwicklung an den National Institutes of Health und gründete das Biotech-Unternehmen Magainin Pharmaceuticals. Magainin sollte in einer Salbe zur Behandlung infizierter offener Fußgeschwüre bei Diabetikern eingesetzt werden. Ein Traum, der ebenso wie Zasloffs Ausflug ins Unternehmertum nur kurz währte: Die US-Arzneimittelbehörde verwehrte dem neuen Mittel die Zulassung. Nicht etwa, weil es unwirksam gewesen wäre: In einer Studie, in der die magaininhaltige Salbe mit einem bereits zugelassenen Antibiotikum in Tablettenform verglichen wurde, wirkte „unser lokal appliziertes Antibiotikum genauso gut und hatte weniger Nebenwirkungen“, berichtet Zasloff.

Doch die Arzneimittelbehörde verlangte eine placebokontrollierte Studie. Nur so könne man beurteilen, wie sich unbehandelte Fußgeschwüre im Vergleich mit magaininbehandelten verhalten. Ein Unding für Zasloff und seine Kollegen von Magainin Therapeuticals – sie hielten es für unethisch, schwer infizierte Geschwüre unbehandelt zu lassen, nur um diese Patienten als Kontrollgruppe vorzuweisen. Magainin stand vor dem Aus. Zasloff kehrte als Professor an der Georgetown University in Washington, D.C. zu einer akademischen Karriere zurück – mit einer, wie er sagte, „tiefen Leere in der Brust“ .

Für Tobias Welte, Direktor der Klinik für Pneumologie an der Medizinischen Hochschule Hannover, ist dieser Misserfolg nichts Ungewöhnliches: „Nur eins von hundert neu entdeckten Präparaten wird – so wie die Magainine – überhaupt an Menschen getestet. Doch auch von diesen erhält nur ein Zwanzigstel die Zulassung und kommt auf den Markt.“ Für kleine Biotechfirmen, die mit einem einzigen neuen Präparat in den Markt wollen, kann dies schnell das Ende bedeuten. Trotzdem sei von ihnen hinsichtlich neuer Antibiotika mehr zu erwarten als von großen Pharmakonzernen, sagt Welte: „Die großen Firmen suchen ,Blockbuster‘ – Medikamente, die mehr als eine Milliarde Euro Umsatz im Jahr versprechen.“ Doch das sind in erster Linie Präparate für chronische Erkrankungen, die immer wieder verkauft werden können. „Antibiotika sind Präparate der Akutmedizin – sie können nie Blockbuster werden.“ Deshalb investieren die großen Unternehmen kaum in neue Antibiotika, meint Welte.

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Doch Magainin, die im ersten Anlauf gescheiterte Innovation, scheint eine neue Chance zu bekommen: Das Pharmaunternehmen MacroChem in Lexington, Massachusetts hat Interesse an der Substanz angemeldet und will eine darauf basierende antibiotische Salbe auf den Markt bringen. Michael Zasloff ist dabei, die alten Studiendaten aufzuarbeiten und zu veröffentlichen: „Ich glaube fest daran, dass unser Antibiotikum in naher Zukunft Patienten zur Verfügung stehen wird.“ Nadine Eckert■

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