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Gesundheit+Medizin

Wenn Muttermilch zum Risiko wird

Diabetes bedroht Ungeborene nicht nur während der Schwangerschaft.

Übergewicht und Diabetes scheinen zu einer „ansteckenden“ Seuche zu werden, denn zuckerkranke Mütter gebären Kinder, die ebenfalls häufig zuckerkrank werden. Der schwer zu durchbrechende Teufelskreis bedroht auch die nachfolgenden Generationen. Nun zeigen aktuelle Studien von Andreas Plagemann, Hormonexperte in der Abteilung für Geburtsmedizin an der Charité in Berlin, dass auch das bislang hoch gelobte Stillen bei Diabetikerinnen eine Gefahr sein könnte.

Die erste negative Programmierung erfolgt bereits im Mutterleib: „Der Diabetes der Mutter setzt ständig große Mengen Insulin beim Föten frei. Dadurch kommen Gehirnregionen des heranreifenden Kindes zu Schaden, die Appetit und Stoffwechsel regulieren“, erklärt Plagemann. Im Hypothalamus reduziert sich die Anzahl der Neuronen sowie der Eiweißstoffe, die Botenfunktionen im Gehirn übernehmen. Diese Läsionen führen dazu, dass Kinder diabetischer Mütter schon bei der Geburt oft weit über 4000 Gramm auf die Waage bringen. Die Folge fürs spätere Leben: „Die Kinder laufen Gefahr, nie richtig satt zu werden.“

Nach der Geburt ist das Kind zwar vom Blutkreislauf der Mutter abgekoppelt – aber nun bekommt es die Milch seiner diabetischer Mutter. Sie liefert mehr Traubenzucker und Insulin als die einer gesunder Frau. Plagemann entdeckte in einer Langzeitstudie mit 112 Frauen, die in den Achtzigerjahren schwanger waren: „Das Risiko des Kindes, später übergewichtig zu werden, scheint dadurch abermals zu steigen.“ Die Frauen litten entweder unter der Autoimmunerkrankung Diabetes Typ 1 oder hatten während der Schwangerschaft Diabetes entwickelt, die so genannte Gestationsdiabetes. Diese Komplikation trifft etwa zehn Prozent der werdenden Mütter – Tendenz steigend.

Das Ergebnis der Berliner Studie war eindeutig: Babys von Diabetikerinnen, die ab der Geburt Ammenmilch bekamen, legten nicht so rasch an Gewicht zu und waren im Alter von zwei Jahren seltener zu dick – im Gegensatz zu vorbelasteten Kindern, die die Milch der eigenen Mutter getrunken hatten. Dieser Effekt war besonders stark in der ersten Lebenswoche, in der die mütterlichen Brustdrüsen die eiweißreiche Vormilch bilden. „Ob die Neugeborenen durch die zuckerreiche Milch gemästet werden oder ob es sich um eine hormonelle Prägung handelt, ist derzeit noch unklar“, sagt Plagemann.

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Trotz dieser neuen Ergebnisse rät Renate Bergmann, Mitglied der Nationalen Stillkommission: „Stillen Sie Ihre Kinder! Es handelt sich bei der Studie bislang nur um erste Hinweise. Dem gegenüber stehen die vielen positiven Effekte des Stillens.“ Irritierend sind die Ergebnisse, weil es unzählige Beweise gibt, dass Stillen bei Kindern gesunder Mütter das Risiko für Übergewicht senkt. Vermutlich sind Botenstoffe in der Milch die Ursache: Adiponectin und Leptin sowie der Tumornekrosefaktor, der das Wachstum von Fettzellen bremst. Warum die Kinder diabetischer Mütter davon anscheinend nicht profitieren, will Plagemann in weiteren Studien prüfen.

Am sinnvollsten ist es nach Ansicht von beider Experten, den Teufelskreis von Diabetes und Übergewicht bereits vor oder in der Schwangerschaft zu durchbrechen. Sie fordern flächendeckende Glukosetoleranz-Tests in der Schwangerschaft. Bislang bleibt der Gestationsdiabetes meist unerkannt, da er keine direkten Probleme verursacht. Dabei lässt er sich – einmal erkannt – mit passender Ernährung und leichter Bewegung gut bekämpfen. Zudem hängt Übergewicht bei Kindern auch davon ab, wie füllig die Eltern selber sind. Daher lautet ein Tipp von Plagemann an Eltern mit Kinderwunsch: „Bereits mit Normalgewicht in die Schwangerschaft gehen.“ ■

Kathrin Burger

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