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WOHLTAT IM GROSSFORMAT

Melinda und Bill Gates bekämpfen mit viel Geld Gesundheitsprobleme in Entwicklungsländern.

„Wir katalysieren nur.“ Dieses bescheidene Arbeitsmotto trägt die Bill & Melinda Gates Foundation nach außen. Ganz so, als müsse sie sich öffentlich dafür entschuldigen, dass sie Gutes tut. Dabei ist die amerikanische Privatstiftung ein „Mega-Kat“: Mit ihrem Vermögen von umgerechnet 26,6 Milliarden Euro ist sie die weltweit größte Wohltätigkeitsorganisation. Im letzten Jahr vergab die Stiftung Gelder in Höhe von 2,37 Milliarden Euro – das entspricht etwa einem Viertel der deutschen Entwicklungshilfe.

„Wir treiben Innovationen voran und gehen Risiken ein, wo Regierungen das nicht können oder wollen“, erklärt Joe Cerrell die katalytische Wirkung. Er ist Europa-Direktor der Gates Foundation. Die Stiftung finanziert beispielsweise Forschungsprojekte mit ungewissem Ausgang (siehe Kasten „Gesucht: Kreative Ideen“) und hofft, dass erfolgreiche Entdeckungen, etwa ein Impfstoff gegen HIV, danach von anderen Förderern umgesetzt werden. „Wir sind nur ein Teil der Lösung“, betont Cerrell.

Es geht also nicht ohne viele starke Partner. Und die gibt es: In Allianzen mit mehr als 1000 verschiedenen Organisationen wie Rotary International und World Vision hat die Gates-Stiftung bereits Tausende von Projekten in über 100 Ländern gefördert – mit der schier unglaublichen Summe von 23 Milliarden US-Dollar (in Euro derzeit 18 Milliarden). In der Dritten Welt kümmert man sich um Gesundheits- und Entwicklungsprogramme, in den USA um Schulprogramme. 23 Milliarden – das ist eine große Summe für ein hochgestecktes Ziel: allen Menschen ein gesundes und produktives Leben zu ermöglichen.

KURSWECHSEL IM JAHR 2000

So altruistisch stand dies noch nicht in den Statuten, als Bill Gates 1994 gemeinsam mit seinem Vater die „William H. Gates III Foundation“ gründete, mit dem Ziel, mehr Laptops in amerikanische Klassenzimmer zu bringen. Erst Bills Frau Melinda bewirkte einen Kurs- und im Jahr 2000 einen Namenswechsel. Gemeinsam mit Ehemann und Schwiegervater sitzt sie nun im Vorstand der Stiftung. Dieser wird von einem 13-köpfigen Team unterstützt, darunter ehemaligen hochrangigen Microsoft-Mitarbeitern wie Jeff Raikes. Seit 2006 sitzt dort auch der US-Unternehmer Warren Buffett, seinerzeit der reichste Mann der Welt – und der großzügigste: Er vermachte der Gates Foundation in jenem Jahr den Hauptteil seines Vermögens, Aktien im Wert von 31 Milliarden Dollar. Diese Schenkung ist bisher die einzige, die die Stiftung akzeptiert hat. Ansonsten lehnt sie Spenden und sogar ehrenamtliche Mitarbeit kategorisch ab.

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Die Konstellation von Kompetenz und Geld hat zu nachweisbaren Erfolgen geführt. „Gemeinsam mit der GAVI Alliance ist es uns gelungen, neue und bisher zu wenig verwendete Impfstoffe für mehr als 250 Millionen Kinder bereitzustellen und somit circa fünf Millionen frühzeitige Todesfälle zu verhindern“, zieht Joe Cerrell Bilanz. GAVI (Global Alliance for Vaccines and Immunisation) ist ein weiterer großer Player unter den Finanziers der Weltgesundheit: Pharmafirmen, Regierungen und Nichtregierungsorganisationen haben sich verpflichtet, Impfstoffe schnell und preiswert zu den Kindern der Dritten Welt zu bringen.

EINSATZ GEGEN DIE GROSSEN KILLER

Stolz ist Cerrell auch auf zwei neue Impfstoffe gegen Meningitis und Cholera, die seit Kurzem für den Einsatz in Afrika bereitstehen. Programme gegen Malaria, Tuberkulose und Aids – die drei häufigsten Todesursachen weltweit – haben weiteren fünf Millionen Leben gerettet. Dazu gehören recht simple Maßnahmen wie das Verteilen von 190 Millionen Moskitonetzen. Gefördert werden aber auch komplexe Projekte wie das von Stefan Kaufmann, Direktor am Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie in Berlin: Er bekam vor fünf Jahren von der Stiftung 14 Millionen US-Dollar für die Identifizierung von Biomarkern in Tuberkulose-Patienten, speziell bei HIV- Begleitinfektionen. Insgesamt waren 15 verschiedene Institutionen aus Afrika, Europa und den USA an dem Projekt beteiligt. „Es ist uns gelungen, eine enge Verbindung vom Labor zu den Krankenbetten in den Dörfern und Townships aufzubauen“, berichtet der Wissenschaftler. Und lobt: „Unterschiedlichste Partner und Kulturen zusammenzubringen und völlig neue Strukturen zu etablieren – das kann wahrscheinlich nur die Gates Foundation!“

ZU VIEL BÜROKRATIE

Nicht alle stimmen in die Lobeshymnen ein. Deutliche Kritik an der Arbeitsweise der Stiftung in Afrika übte vor zwei Jahren etwa die Los Angeles Times. Recherchen der Zeitung hatten gezeigt, dass die Stiftung mit ihrer fokussierten Förderung von Aids-Kliniken qualifizierte Fachkräfte anzieht, die dann für die medizinische Grundversorgung in regulären Krankenhäusern fehlen. Die Stiftung handle insgesamt zu einseitig und ignoriere drückende Probleme wie Unterernährung, mangelnde Hygiene oder fehlende Infrastruktur, hieß es.

Das sieht Joe Cerrell ganz anders: „Durch unsere Malaria-Programme in Afrika gibt es einen drastischen Rückgang an stationär zu behandelnden Patienten, was die Belastung des Gesundheitssystems deutlich mindert.“ Zudem würden 30 Prozent der Mittel aus dem globalen Fond dafür genutzt, Einrichtungen sowie deren Ausstattung und Personalsituation zu verbessern. „ Wissenschaftliche Arbeit höchster Qualität in den ärmsten Ländern zu leisten, ist ein kompliziertes Ziel, das viele Kompromisse erfordert“, kommentiert Max-Planck-Forscher Kaufmann. „Niemand macht das besser als die Gates Foundation.“ Verbesserungsbedarf sieht er lediglich beim immer größer werdenden Verwaltungsaufwand. Das weiß auch Melinda Gates. Als sie von einem CNN-Reporter gefragt wurde, ob es Bürokratie-Probleme bei der Stiftung gebe, sagte sie unverblümt: „Darauf können Sie wetten!“ Zukünftig will sie Prüfverfahren vereinfachen und Entscheidungsprozesse auf die unteren Ebenen verlagern. Und ihr Mann sieht seine zukünftige Aufgabe darin, der pharmazeutischen Industrie auf die Füße zu treten, da sie immer noch zu wenig an Impfstoffen für Entwicklungsländer arbeite. „Denen das Leben schwer zu machen, liegt mir“, meint Bill Gates.

Katalysatoren sind Stoffe, die eine chemische Reaktion anregen und aus ihr unversehrt hervorgehen, um erneut wirken zu können. Das trifft auch auf das Ehepaar Gates zu. Doch anders als in der Chemie haben die beiden Wohltäter ein Verfallsdatum – ein selbst gesetztes, natürliches: Sobald beide Ehepartner verstorben sind, werden die Stiftung und ihr Vermögen innerhalb von 50 Jahren aufgelöst. Bis dahin allerdings werden Bill und Melinda zu den bereits investierten 23 Milliarden voraussichtlich noch weitere 100 Milliarden US-Dollar katalytisch einsetzen. ■

Für DÉSIRÉE KARGE, bdw-Korrespondentin in San Jose, Kalifornien, brach die Gates Foundation ihr sonst übliches Schweigen.

von Désirée Karge

SPENDABLE MILLIARDÄRE

Bill Gates und Warren Buffett haben es vorgemacht, andere reiche Amerikaner wollen jetzt nachziehen. Anfang August verpflichteten sich 40 US-Milliardäre, mindestens die Hälfte ihres Vermögens für wohltätige Zwecke zu spenden. Die Initiative löste auch in Deutschland eine Diskussion über die sozialen Verpflichtungen Wohlhabender aus. Mehr über die Spender und ihre Ziele erfahen Sie unter givingpledge.org

GESUCHT: KREATIVE IDEEN

Kühn, abenteuerlich und unkonventionell: Diese Qualitäten machen Forschungsprojekte aus, die das „Grand Challenges Exploration Program“ der Bill & Melinda Gates Foundation fördert. „Wir suchen kreative Ideen für brennende Gesundheitsprobleme“, sagt Andrew Serazin, Gründer der Initiative, die seit 2008 im halbjährigen Turnus acht Millionen Dollar dafür ausschüttet. Jede Bewerbungsrunde steht unter einem bestimmten Thema: zum Beispiel effektivere Impfstoffe oder neue Verhütungsmittel. „Wir wollen damit den Talente-Pool erweitern“, begründet Serazin die Aktion. Sein Konzept ist aufgegangen: 15 000 Bewerber aus allen Teilen der Welt haben sich bisher gemeldet.

Dabei ist das Ausleseverfahren ebenso ungewöhnlich wie die eintreffenden Vorschläge: Diese werden auf 200 kondensiert und dann – ohne Angabe von Informationen über den Autor – einem Juror vorgelegt: einem internen Gutachter der Stiftung, einem Nobel-Preisträger oder Bill Gates. Jeder Juror darf sich für ein Projekt entscheiden, das dann Mittel erhält – unabhängig davon, was die Kollegen darüber sagen. Dieses Prozedere hat bisher 252 Forschern Fördergelder eingebracht – jeweils 100 000 US-Dollar (79 000 Euro) für das erste Jahr. Auch ein deutsches Team ist dabei: Carlos A. Guzman, Claus-Michael Lehr und Steffi Hansen vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig wollen mit Nanopartikeln, die bei Kontakt mit menschlichem Schweiß zerplatzen, auf sanfte Weise Impfstoffe verabreichen. Erweist sich ihr Verfahren als umsetzbar, erhalten die Helmholtzer eine größere Finanzspritze von einer Million Dollar. Dies schaffen nur zehn Prozent der Teams.

Da der Wettbewerb erst seit 2008 läuft, ist es für berichtenswerte Erfolge noch zu früh. Seinem Lieblingsprojekt drückt Serazin auf jeden Fall die Daumen: dem „unsichtbaren Moskitonetz“ – einem Gerät, das elektromagnetische Strahlung aussendet und auf diese Weise die Orientierung von Mücken durcheinanderbringt.

KOMPAKT

· Mit 33,5 Milliarden Dollar (26,6 Milliarden Euro) Stiftungskapital und mehr als 800 Mitarbeitern ist die „Bill & Melinda Gates Foundation“ die reichste Wohltätigkeits- organisation der Welt.

· Ihr Schwerpunkt ist die Weltgesundheit: Mehreren Millionen Kindern hat sie bereits durch Impfprogramme das Leben gerettet.

Melinda French Gates

Microsoft-Gründer Bill Gates kennt jeder. Doch wer ist die Frau an seiner Seite? Melinda French aus Dallas studierte Informatik und Wirtschaftswissenschaften. Anders als ihr Mann beendete sie ihr Studium und absolvierte zusätzlich ein MBA-Programm.

Mit 22 fing sie bei Microsoft in Seattle an und entpuppte sich als Marketing-Genie: Sie betreute Produkte wie Expedia und Encarta und leitete ein Team von 300 Mitarbeitern. 1994 heiratete sie den obersten Chef und beschloss nach der Geburt der ersten Tochter 1996, ihren Job an den Nagel zu hängen. Inzwischen hat das Paar drei Kinder.

Für die gemeinsame Stiftung geht Melinda Gates in Kalkuttas Sterbehäuser, besucht afrikanische Krankenhäuser und nimmt Aids-Babys in den Arm. „Ihr Engagement in der Stiftung ist wegweisend“, lobt Joe Cerrell, Europaleiter der Gates Foundation. Milliardär Warren Buffett bezweifelt, ob er 2006 der Stiftung den Hauptteil seines Vermögens vermacht hätte, wenn nur Bill Gates sie geleitet hätte: „Bill ist offensichtlich sehr schlau, aber wenn es um die großen Zusammenhänge geht, ist Melinda schlauer.“

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Rin|gel|spin|ner  〈m. 3; Zool.〉 bräunl. Spinner aus der Familie der Glucken, dessen Weibchen die Eier in Ringform um die Zweige von Obstbäumen legt: Malacosoma neustria

Fuch|sie  〈[fuksj] f.; –, –si|en; Bot.〉 Angehörige einer Gattung meist strauchförmiger Nachtkerzengewächse in Zentral– u. Südamerika, beliebte Zierpflanze mit ansehnlichen, strahligen Blüten; oV Fuchsia ... mehr

pa|ra|no|id  〈Adj.; Med.; Psych.〉 1 der Paranoia ähnlich 2 unter Paranoia leidend ... mehr

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