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Zahnersatz fürs Auge

Unglaublich, aber wahr: Aus einer Plexiglaslinse und einer Zahnwurzel des Patienten modellieren Augen- und Kieferchirurgen an der Universitätsklinik des Saarlandes im Homburg eine Ersatz-Hornhaut. Viele der Operierten konnten sich vorher nur noch per Blindenstock orientieren. Mit dem neuen „Fenster zur Welt“ ist ihre Sicht oft wieder kristallklar.

„Doch wir wollen keine übertriebenen Hoffnungen wecken“, betont Konrad Hille, Oberarzt am Homburger Augenklinikum, „denn dieses Verfahren ist nur für eine kleine Minderheit geeignet.“ Die Saarländer, die derzeit als Einzige in Deutschland die Operation durchführen, behandeln etwa drei bis vier Patienten jährlich. In Frage kommen solche Menschen, bei denen die Hornhaut – die äußere durchsichtige Schicht des Auges – lichtundurchlässig geworden ist. Mangelnde Tränenflüssigkeit, Gewebewucherungen, aber auch Verbrennungen oder Verätzungen sind typische Ursachen. Konrad Hille: „Die Netzhaut oder der Sehnerv selbst dürfen nicht geschädigt sein. Die Patienten sollten also zumindest noch schemenhafte Handbewegungen oder die Richtung des Lichteinfalls erkennen können.“ Außerdem wird der Eingriff nur ausgeführt, wenn beide Augen erblindet sind. Für Menschen, die nochein sehtüchtiges Auge haben, ist der Eingriff zu schwerwiegend. Am einfachsten wäre es, die eingetrübte Hornhaut aufzuschneiden und eine Linse aus Plexiglas einzusetzen. „Es ist jedoch extrem schwierig, nichtbiologisches Material an der Körperoberfläche dauerhaft einzubauen, weil es in der Regel vom Körper abgestoßen wird“, erklärt Konrad Hille.

Augenchirurgen aus Rom, bei denen er in den Neunzigerjahren die Operationstechnik erlernte, kamen als Erste auf die Idee, eine Plexiglaslinse in einen Träger aus Zahnmaterial einzubauen. Denn dass sich Zähne dauerhaft mit nichtbiologischem Füllmaterial verbinden, zeigt die tägliche zahnärztliche Praxis.

Bei dem Eingriff wird den Patienten die Wurzel eines Eck- oder Frontzahns zusammen mit dem umhüllenden Kieferknochen herausoperiert. Aus diesem Präparat formen die Chirurgen anschließend eine vier Millimeter dicke Platte, die etwa einen Quadratzentimeter groß ist. In diese bohren sie dann ein Loch und kleben die Linse ein.

Damit sich die „Hornhautprothese“ besser an den Körper anpasst, wird sie zunächst für drei Monate unter die Haut unterhalb des Auges eingenäht. Bei der eigentlichen Augenoperation wird die Prothese so positioniert, dass die Linse durch ein Loch in der getrübten Hornhaut ins Auge hineinragt. Die Chirurgen befestigen dann die Zahn-Knochen-Platte mit einem Lappen aus Mundschleimhaut am Rest der Hornhaut. Den Abschluss bildet eine weiße Lochschale mit aufgemalter Iris. So sind die Spuren des aufwändigen Eingriffs von außen kaum sichtbar. Konrad Hille: „Nach unseren und den Erfahrungen der italienischen Kollegen können wir bei unseren Knochen-Zahn-Prothesen eine Haltbarkeit von etwa 20 Jahren erwarten. Alle bisher getesteten künstlichen Trägermaterialien schneiden da deutlich schlechter ab.“ In Homburg laufen zurzeit erste Versuche mit synthetisch hergestellter Zahnsubstanz. Dr. Ulrich Fricke

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COMMUNITY Kontakt

Dr. Konrad Hille

Universitätsklinikum des Saarlandes Klinik für Augenheilkunde Kirrberger Straße 1 66421 Homburg/Saar

Im Internet:

www.uniklinikum-saarland.de

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