„Zappelphilipp" – oft bloss falsch erzogen - wissenschaft.de
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„Zappelphilipp“ – oft bloss falsch erzogen

Immer mehr Kinder in Deutschland gelten als hyperaktiv und bekommen die Diagnose „ADHS“. Müssen sie wirklich Pillen schlucken – oder gibt es sanfte Gegenmittel?

David ist ein richtiger „Mister 15 000 Volt“. Der Sechsjährige ist den ganzen Tag in Bewegung. Still sitzen kann er nicht, beim Essen sind alle anderen fertig, ehe er sich den ersten Bissen überhaupt in den Mund schiebt. Den rechten oberen Schneidezahn hat er sich schon mit vier Jahren am Waschbecken ausgeschlagen, als er im Badezimmer wild herumtobte. Während andere Kinder im Kindergarten emsig ihre ersten kleinen Kunstwerke produzierten oder gemeinsam eine Laterne bastelten, warf David das Bastelzeug wild durch die Gegend. Seit Kurzem geht er zur Schule. Auch dort kann er sich nicht in die Gruppe integrieren. Er spielt pausenlos den Kasper und stört den Unterricht durch Zwischenrufe. Nur selten macht er seine Hausaufgaben ordentlich. In den Pausen ist er auf dem Schulhof meist alleine. Freunde hat er nicht, und zu einem Kindergeburtstag wurde er bislang erst einmal eingeladen. Denn David, das empfinden auch die anderen Kinder so, ist ein Störenfried.

Mit ihm zu reden, ist anscheinend zwecklos. Er hört nicht auf das, was man ihm sagt. Seine Zähne putzt er auch dann nicht, wenn seine Mutter ihn zum x. Mal, längst nicht mehr freundlich, dazu aufgefordert hat. David hat das Weghören gelernt und verletzt ständig ihm gesetzte Grenzen. Den Alltag mit ihrem Sohn empfinden die Eltern als Katastrophe, und auch seinen Geschwistern, Großeltern und Lehrern geht der Junge gewaltig auf die Nerven. Für den Kinderarzt ist David krank. Er hat ADHS diagnostiziert, eine „Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung“. (Fehlt die Hyperaktivität, spricht man nur von „ADS“.) Eine solche Störung liegt offiziell dann vor, wenn die Symptome erstmals vor dem sechsten Lebensjahr aufgetreten sind, über mindestens ein halbes Jahr bestehen, zu Hause und im Kindergarten oder in der Schule zu beobachten sind und das Kind so beeinträchtigen, dass es sich nicht seinem Alter entsprechend verhält.

Kein Kind wird mit ADHS geboren

Kriterien, die viel Spielraum lassen und keine Grenze ziehen zwischen „krank“ oder einfach nur „wild und unerzogen“. „Kein Kind wird mit ADHS geboren“, sagt der Heidelberger Kinderarzt Helmut Bonney. „Bestimmte Erfahrungen aus der Kinderstube beeinflussen das Verhalten, das meist durch einen Wandel des Erziehungsstils gut zu beeinflussen ist.“ Und er meint: „Es ist zur Mode geworden, alle möglichen Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern als ADHS zu bezeichnen, denn eindeutige diagnostische Methoden gibt es nicht.“ Der Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie weiß sehr wohl, dass er mit seiner Meinung in ein Wespennest sticht. Denn ADHS ist ein heikles Thema bei Ärzten, Hirnforschern, Psychologen, Psychotherapeuten, Eltern, Lehrern und Selbsthilfegruppen. Ursachen, Hintergründe, Diagnose und Therapie – alles ist umstritten.

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Mindestens Fünf Prozent sind gestört

„ADHS ist zunächst nicht mehr als die Bezeichnung für eine Sammlung von Symptomen bei Kindern“, sagt Gerald Hüther, Leiter der Zentralstelle für neurobiologische Präventionsforschung der Universität Göttingen und Mannheim/Heidelberg. „Um Behandlungen bei den Krankenkassen abrechnen zu können, sind Mediziner gezwungen, die Merkmale einer Auffälligkeit unter einem Namen zusammenzufassen. Genau das ist bei ADHS geschehen.“

Zweifellos gibt es heute viele Kinder wie David. Das ist ein Ergebnis des kürzlich veröffentlichten Kinder- und Jugendgesundheitssurveys (KiGGS), einer groß angelegten Studie des Berliner Robert-Koch-Instituts (RKI), die von 2003 bis 2006 die Gesundheit der nachwachsenden Generation unter die Lupe nahm. Danach hatten Mediziner und Psychologen bei knapp fünf Prozent aller Kinder und Jugendlichen zwischen 3 und 17 Jahren die Diagnose ADHS gestellt. Weitere fünf Prozent dieser Altersklasse stuften die Forscher als „ADHS-Verdachtsfälle“ ein. Bei ihnen wurde die Diagnose bislang nicht von einem Experten gestellt, das von Eltern und Interviewern beschriebene Verhalten der Studienteilnehmer lässt jedoch auf diese Verhaltensstörung schließen. Jungen, so das Ergebnis von KiGGS und etlichen anderen Untersuchungen, sind von ADHS weitaus häufiger betroffen als Mädchen: je nach Studie sind zwischen 70 und 80 Prozent der ADHS-Kinder Jungen. Signifikante Unterschiede zwischen West und Ost stellten die Forscher vom RKI dabei ebenso wenig fest wie zwischen Stadt und Land. Aber: Die Krankheit „wurde häufiger bei Teilnehmern mit niedrigem sozioökonomischen Status diagnostiziert als bei Teilnehmern mit hohem Status“, so ein weiteres Ergebnis der Berliner Untersuchung.

zappelige erstklässler

Nach Einschätzung der befragten Eltern kommt es bei vielen Kindern mit dem Schuleintritt zu verstärkten ADHS-Symptomen. Zu befürchten ist, dass die Zahl zappeliger und unkonzentrierter Erstklässler weiter zunimmt. Denn die KiGGS-Daten wurden gesammelt, als die Kinder noch überwiegend mit sechs oder sieben Jahren die Zuckertüte bekamen. Inzwischen ist das Einschulungsalter in vielen Bundesländern gesenkt worden, und immer mehr Kinder drücken heute schon mit fünf Jahren die Schulbank. Für die Grundschullehrer dieser Kleinen ist es seither noch schwerer zu entscheiden, ob ein Kind zappelt, weil es seiner kindlichen Entwicklung entsprechend noch leicht abzulenken ist, oder ob es aufgrund einer echten Verhaltensstörung nicht in der Lage ist, still zu sitzen.

Unruhige, unaufmerksame Kinder gab es schon immer. Ob es tatsächlich mehr geworden sind, ist epidemiologisch bislang zwar nicht bewiesen. Doch die Klagen von Lehrern und Eltern über Störenfriede oder schwer erziehbare Kinder nehmen ständig zu. Auch ein Blick in die Verbrauchsstatistik von Methylphenidat (MPH) – der Wirkstoff in ADHS-Medikamenten wie Ritalin – suggeriert, dass die Zahl der impulsiven, unkonzentrierten und sozial schwer zu integrierenden Kinder steigt. Die Nachfrage nach Methylphenidat nahm laut Angaben des Bundesinstituts für Arzneimittel- und Medizinprodukte in Bonn in nur 13 Jahren auf mehr als das 35-Fache zu (siehe Grafik linke Seite). Immer mehr Kinder werden damit behandelt, um sie ruhig zu stellen. Denn MPH, eigentlich ein Amphetamin – also ein Aufputschmittel –, ist ein Psychopharmakon, das unter das Betäubungsmittelgesetz fällt und in niedriger Dosis und oral verabreicht beruhigend statt stimulierend wirkt.

„Ich habe plötzlich ganz andere Kinder. Diese Kinder, die vorher alles kaputt machten, die absolut keine Regeln aufnehmen konnten, die einfach nicht zuhören wollten (…) beherrschen mittlerweile ein oder zwei Regeln, und sie hören auf einmal, was ich sage (…) und das ist für mich ein Geschenk Gottes“, beschreibt eine Mutter von zwei ADHS-Kindern ihre Erfahrungen im Buch „ADHS – kontrovers“ mit dem Medikament. Allerdings hat Methylphenidat auch Nebenwirkungen wie Appetit- und Schlaflosigkeit. Und langfristig könnte es noch ganz andere Risiken nach sich ziehen – doch das ist wissenschaftlich bislang nicht geklärt.

Sind Die Gene schuld?

Doch warum sind so viele Kinder verhaltensauffällig? Für jede Menge Konfliktstoff bei den verschiedenen Interessengruppen sorgen die Antworten von Gerald Hüther und Helmut Bonney. Der Göttinger Neurobiologe und der Heidelberger Mediziner verurteilen, dass viele Ärzte zu rasch den Rezeptblock zücken würden, um die Kinder mit Hilfe des Medikaments „funktionstüchtig“ zu machen. Und sie bemängeln: „Es gibt keine eindeutige Diagnose, lediglich gewisse Kriterien, von denen nur einige auf ein Kind zutreffen müssen, um ihm das Prädikat ADHS aufdrücken zu können.“

Und: „Wäre die Genetik alleinige Ursache für verhaltensauffällige Kinder, wie so oft behauptet, dürfte es heute nicht mehr verhaltensauffällige Kinder und Klagen darüber geben als noch vor dreißig Jahren, denn die Gene haben sich nicht geändert.“ Bonney und Hüther sowie einige andere Experten – darunter Mediziner und Psychotherapeut Eckhard Schiffer und dessen Frau Heidrun Schiffer, eine Grundschullehrerin – machen für das Gezappel weniger hirnorganische Defizite als vielmehr „ die Realität, in der Kinder heute aufwachsen“ verantwortlich. Ihre These: Die Gesellschaft hat sich verändert, sie ist durch die Vielfalt der Medien und die Masse an Konsumgütern schnelllebiger und beliebiger geworden. Dazu kommen existenzielle Sorgen der Eltern durch Arbeitslosigkeit oder Scheidung. Oft leben die Kinder nur mit einem Elternteil zusammen, meist der Mutter. „Kinder wachsen heute in einer Welt auf, die aus den Fugen geraten ist, die ihnen nur noch wenig äußeren Halt bietet“, sagt Neurobiologe Hüther, dessen Forschung sich hauptsächlich mit dem Einfluss psychosozialer Faktoren auf die Hirnentwicklung beschäftigt. „Fehlen im Lebensraum des Kindes strukturierende Elemente, können sich auch im Gehirn keine Strukturen aufbauen.“ Auch bei Kindern, die ihre Freizeit stundenlang passiv vor dem Fernseher verbringen, statt draußen zu toben oder sich sportlich zu betätigen, vernetzt sich das Hirn weniger erfolgreich, und es staut sich dazu jede Menge Bewegungsdrang, der sich dann in einem unpassenden Moment entladen kann. Gerald Hüther ist überzeugt: Noch wichtiger als ein regelmäßiger Alltag mit gemeinsamen Familien-Mahlzeiten und Einschlafritualen wie einer Gute-Nacht-Geschichte sind für die Strukturierung des Gehirns Aufgaben, die sich das Kind selbst stellt. Das können ganz banale Dinge sein: Klettern in Bäumen, Hütten bauen oder – bei den ganz Kleinen – ein Türmchen aus alltäglichen Gegenständen stapeln.

„Bei selbst gestellten Aufgaben sind die Kinder hoch motiviert, ganz konzentriert und meist auch ausgesprochen ausdauernd bei der Sache“, hat Hüther beobachtet. „Kinder, die nie erfahren, dass sie Probleme selbstständig lösen können, weil sie von ihren Eltern daran gehindert werden, gewinnen kaum Selbstbewusstsein und Vertrauen in ihre Fähigkeiten.“ Und: Wer nie Verzicht auf bedingungslose Zuwendung oder materielle Wünsche üben müsse, bleibe auf der Entwicklungsstufe eines Kleinkindes stehen. „Solche Kinder bleiben selbstbezogen, tyrannisch, trotzig und emotional wie sozial zurück.“ Dass Erziehung von maßgeblicher Bedeutung für die Entstehung von Verhaltensauffälligkeiten ist, die schließlich in eine ADHS-Diagnose münden können, ist für Hüther und Bonney keine Frage. Thesen, mit denen sie sich bei den oft verzweifelten Eltern nicht gerade beliebt machen. Denn so manchem ist es angenehmer, die Schwierigkeiten mit seinem Kind auf „eine organische oder genetische Ursache zurückzuführen, als sich zu fragen, was in der Erziehung vielleicht nicht optimal läuft“, moniert Hüther.

Provokation und gegenwind

Die gesellschaftlichen Strukturen und die Erziehung waren vor 30 oder 40 Jahren noch völlig anders. Ein Zurück zu alten Erziehungsmethoden mit Rohrstock und Kopfnüssen wollen Hüther und Bonney freilich nicht, aber sie fordern die Eltern auf, „handelnd zu erziehen, ohne leere Drohungen“. Therapeut Bonney rät: „Das Kind einfach nur anzufassen, wirkt oft schon Wunder. Über die Berührung stellt sich ein Blickkontakt her, durch den die Kinder sich in der Regel den Botschaften ihrer Eltern nicht mehr so leicht entziehen.“ Oft ist es auch schon hilfreich, sich täglich eine halbe Stunde ausschließlich dem Kind und dessen Bedürfnissen zu widmen, ihm zuzuhören oder mit ihm zu spielen und diese Zeit durch nichts stören zu lassen. Ob Krankheit oder Erziehungsunfall – „ADHS ist eine Störung, die zu Hilfestellungen herausfordert“, sagt Helmut Bonney. „Vor allem für das Kind, das sich durch den massiven Gegenwind, den es durch sein provokantes Verhalten erfährt, ganz oft entwertet fühlt.“

David, nach offiziellen Kriterien ein ADHS-Kind, und seine Eltern verzichten erst einmal auf die schnelle Hilfe der Pillen. Eine kürzlich im Journal of the American Academy of Child and Adolecent Psychiatry veröffentlichte Studie bestätigt sie: Die ADHS-Symptomatik nahm bei den beobachteten Kindern innerhalb von drei Jahren unabhängig von der Behandlungsmethode ab. David und seine Eltern haben jetzt eine Familientherapie begonnen und wollen gemeinsam einen Neuanfang versuchen. ■

KATHRYN KORTMANN arbeitet als freie Wissenschafts- journalistin in Berlin. Sie hat selbst zwei kleine Racker, die gerne toben.

Kathryn Kortmann

Ohne Titel

· Viele genervte Eltern klagen darüber, dass sie ihr Kind nicht in den Griff bekommen.

· Doch nicht jedes unruhige Kind leidet an der Aufmerksamkeitsstörung ADS (oder an ADHS, wenn es außerdem noch hyperaktiv ist).

· Es ist schwer, zwischen zappelig und krank die Grenze zu ziehen.

COMMUNITY LESEN

Gerald Hüther, Helmut Bonney

Neues vom Zappelphilipp ADS: verstehen, vorbeugen und behandeln

8. Auflage, Patmos 2007, € 14,90

Eckhard und Heidrun Schiffer

Nachdenken über Zappelphilipp ADS: BewegGründe und Hilfen

Beltz 2002, € 12,90

Gerhild Drüe

ADHS kontrovers: Betroffene Familien im Blickfeld von Fachwelt und Öffentlichkeit

Kohlhammer 2007, € 24,80

P. S. Jensen u.a.

3-Year Follow-up of the NIMH MTA Study

In: Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry 46./8, 2007, S. 989–1002

INTERNET

Studie zum Kinder- und Jugendgesundheitssurvey des Robert Koch-Instituts Berlin (KiGGS): www.kiggs.de

Selbsthilfegruppe „Arbeitskreis über- aktives Kind“: www.bv-auek.de

Ohne Titel

In ihrer Verzweiflung greifen Eltern oft zu einem Medikament, um ihr Kind ruhig zu stellen. Die verschriebene Menge von Methylphenidat, das in ADHS-Präparaten wie Ritalin, Concerta und Medikinet enthalten ist, stieg in den letzten Jahren auf das 35-Fache. Der Wirkstoff unterliegt dem Betäubungsmittelgesetz.

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