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Zeig her deine Gene

„IM SEPTEMBER HAT unser Gen-Chip ,AmpliChip CYP450 Test‘ das CE-Kennzeichen erhalten, das seinen Einsatz in der EU für diagnostische Zwecke erlaubt – als Erster seiner Art“, freut sich Heino von Prondzynski, Leiter von Roche Diagnostics in Basel. Der Chip kann einem Arzt verraten, ob der Körper eines Patienten bestimmte Medikamente schnell, in normaler Geschwindigkeit oder nur langsam abbaut. Damit rückt ein seit Jahrzehnten gehegtes Traumziel näher: die personalisierte Pharmazie.

Die Wirkung ein und desselben Medikaments ist von Patient zu Patient oft unterschiedlich: Während die Substanz bei dem einen Wunder wirkt, quält sie den anderen mit Nebenwirkungen, ohne die Krankheitssymptome merklich zu lindern. Das Antidepressivum Prozac beispielsweise wirkt nur bei 40 Prozent aller damit behandelten Patienten. Die Ärzte haben bisher keine andere Möglichkeit, als solche Medikamente auf gut Glück zu verschreiben. Registrieren sie nach Wochen einen Misserfolg, greifen sie zum nächsten Mittel. So kann es Monate dauern, bis das richtige Medikament gefunden ist. Nicht minder kritisch ist es bei Medikamenten, die zwar bei 99 Prozent der Patienten gut wirken, aber bei einem Prozent schwerste Nebenwirkungen verursachen.

„Wir wollen dem Patienten sagen können, wie gut ein bestimmtes Medikament bei ihm wirken wird, bevor er es genommen hat“, sagte 1999 Forschungsmanager Dr. Michele Pedrocchi vom Pharmakonzern Hoffmann-LaRoche in Basel. Noch im selben Jahr gab es einen Silberstreif am Horizont: Prof. Jürgen Brockmöller, heute Direktor der Abteilung Klinische Pharmakologie am Universitätsklinikum Göttingen, ließ mit einem Test aufhorchen. Der zielte auf eines der Gene, die den Bauplan für das Enzym Cytochrom P450 tragen. Varianten dieses Enzyms finden sich vor allem in der Leber und bauen hier viele Medikamente ab, darunter Antidepressiva, Psychopharmaka, Schmerz- und Herz-Kreislauf-Mittel. „Manche Menschen besitzen die genetische Information für dieses Enzym sogar doppelt“, erklärte Brockmöller, „während andere nur schwache Enzyme haben. Für sie können die Medikamente eine große Belastung sein.“ Der Göttinger Pharmakologe konnte nun präzise voraussagen, ob ein Patient zur Risikogruppe gehört.

Ähnlich wie Brockmöllers Gen-Test prüft der 2004 zugelassene Roche-Chip eine Blutprobe auf 33 Varianten zweier Gene, die den Bauplan für das Enzym Cytochrom P450 tragen. Der AmpliChip ist für den Klinikalltag zugelassen und soll zu einem Stückpreis von 350 bis 400 Euro in den Handel gehen. Bevor künftig ein Arzt ein Medikament verschreibt, von dem bekannt ist, dass es je nach Patiententyp sehr unterschiedlich wirkt, kann er dem Patienten sicherheitshalber ein wenig Blut abzapfen. Die Blutprobe schickt er in ein Labor. Hier vervielfältigt ein Techniker einzelne Segmente des betreffenden Patienten-Gens. Trägt er die DNA-Schnipsel auf den Chip auf, suchen sie sich unter 15 000 dort fixierten Gen-Fragmenten ihren einzigen passenden Partner – mit dem sie sich zu einer Doppelhelix verbinden. Die Software des Auswertegeräts analysiert am Ende, wo auf dem Chip sich Pärchen gebildet haben und zu welchem Medikamenten-Reaktionstyp daher der Patient gehört. Wie bei der Blutgruppenbestimmung müsse auch diese Typisierung nur einmal im Leben gemacht werden, betont von Prondzynski.

Ist damit das Ei des Columbus gefunden? Der Leiter des Lehrstuhls für Molekulare Genetik Kardiovaskulärer Erkrankungen am Münsteraner Universitätsklinikum, Prof. Stefan-Martin Brand-Herrmann, ist zurückhaltend: „Der Chip ist ein erster Schritt. Aber neben den Cytochromen spielen die allgemeine genetische Ausstattung des Patienten, Umwelteinflüsse und die Interaktion mit anderen Medikamenten eine Rolle bei der Dosierung eines Medikaments.“ Janine Drexler ■

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