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Geschichte der Lotterien im deutschsprachigen Raum

„Ach Glück du Göttin sey mir günstig“

Moralische Bedenken gegen das Lotto gab es bereits in der frühen Neuzeit. Doch die Chance, Geld in die leeren Staatskassen zu bekommen, ließ die Bedenken in den Hintergrund rücken. In Neapel kam man erstmals auf die Idee, einen Teil der Gewinne für soziale Zwecke zu verwenden, um auf diese Weise sein schlechtes Gewissen zu beruhigen.

Das Zahlenlotto wurde im 16. Jahrhundert in Genua entwickelt. Nachdem Andrea Doria 1528 die Stadt von der französischen Herrschaft befreit und die Republik wiederhergestellt hatte, setzte er die alte oligarchische Verfassung wieder in Kraft. Alle zwei Jahre wurden aus den adligen Familien 90 wahlfähige Männer aufgestellt und fünf von ihnen durch das Los für zwei Jahre zu Senatoren bestellt. Angeblich hatte der Ratsherr Gentile die Idee, Wetten darauf abzuschließen, welche fünf Männer das Los treffen würde. „5 aus 90“ war geboren.

Diese ersten Zahlenlottos gingen noch ziemlich unbemerkt von der Obrigkeit vor sich, weswegen sich wenige konkrete Spuren nachweisen lassen. Wahrscheinlich noch in der frühen Neuzeit hat sich das Lotto dann verselbständigt. Es wurde unabhängig vom Regierungswechsel auf eine Nummer gewettet, die bei einer öffentlichen Ziehung gezogen wurde. In England soll es eine erste Ziehung bereits 1569 gegeben haben. 1643 fand in Genua das erste „Seminario“, ein ausdrücklich erlaubtes Lottospiel „5 aus 120“, statt. Diese Form verbreitete sich schnell in Italien. 1665 wurde das „Seminario“ in Mailand eingeführt, 1670 in Rom. In Neapel, das sich gern als die Stadt des Lottos schlechthin präsentiert, wurde die erste Ziehung 1682 veranstaltet.

Die Geschichte des Lottos – wie aller Glücksspiele – ist auch eine Wirtschafts- und Finanz-, eine Rechts- und Sozialgeschichte, eine Geschichte der Ordnungspolitik und eine Ideengeschichte. Erst die Zusammenschau kann ein verständliches Bild der Geschichte des Glücksspiels liefern.

In Neapel etwa sehen wir eine sozialgeschichtlich wichtige Entwicklung. Wohl deswegen, weil das Lotto und die Lotterien insgesamt einen schlechten Ruf hatten, wurden sie „karitativ aufgepeppt“: Ein Teil der Einnahmen wurde für soziale Zwecke verwendet. Wie heute bestanden die Veranstalter jedoch darauf, dass die gespendeten Gelder werbewirksam vergeben wurden. 1756 schrieb ein Chronist über eine Ziehung, die ein Jahr zuvor stattgefunden hatte: „Damals traf die Reihe zur Ziehung 90 arme Mädgen, deren Nahmen besonders ausgedrucket worden. Fünfe derselben, so die 5 Loose getroffen, erhielten von der Lotto Direction, jede 40 Rheinische Gulden; als einen Beytrag zu einem Heyraths=Gut.“ Die Veranstalter spendeten also fünf armen Frauen eine Aussteuer. Die karitative Verbrämung des kommerziellen Interesses wurde allerdings immer wieder angeprangert. Ironisch macht sich der Kupferstich „Lotterie zum Besten der Armen“ aus dem 19. Jahrhundert darüber lustig: Eine arme Frau hat ein Rasiermesser gewonnen, während ein Mann etwas ratlos mit seinem Damentäschchen dasteht.

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Das erste Lotto im deutschsprachigen Raum wurde in München gespielt. Kurfürst Karl Albrecht suchte nach weiteren Einnahmequellen und veranstaltete 1735 die erste Ziehung. Neun Ziehungen pro Jahr waren vorgesehen, statt fanden aber nur fünf: Die Lose verkauften sich schlecht, die Einnahmen waren so gering, dass nicht einmal die Gewinne vollständig ausbezahlt werden konnten. Dies zeigt, wie wenig durchkalkuliert die Veranstalter ans Werk gingen. Schon zwei Jahre nach Einführung musste die Lotterie wieder eingestellt werden. 1739 machte Karl Albrecht einen weiteren Versuch, doch der 1740 ausbrechende Öster‧reichische Erbfolgekrieg machte der Unternehmung ein Ende.

Damit kein Geld in die leeren Kriegskassen der verfeindeten Nachbarländer, vor allem Preußens und Bayerns, abfloss, verbot Maria Theresia 1749 das Setzen in ausländische Lotterien. Graf Ottavio Cataldi schlug ihr die Gründung eines eigenen „Lotto di Genova“ vor. Aufgrund der Erfahrungen in Bayern war Maria Theresia zunächst skeptisch. Letztlich überzeugte sie jedoch ein Geschäftsmodell, bei dem sie nichts verlieren konnte. Sie verpachtete das „Privilegium privativum“ für zehn Jahre an Cataldi, damit dieser auf eigene Kosten und Risiko das Lotto in Wien und allen Erbländern durchführte. Gleichzeitig erneuerte sie das Verbot, in ausländische Lotterien zu setzen. Mit dem Privilegium erhielt Cataldi zugleich das Recht, eine Druckerei zu betreiben, um die Lose, Ziehungslisten und Ankündigungen zu drucken. Im Gegenzug musste er eine Pacht von jährlich 130000 Gulden entrichten sowie eine Kaution von 300000 Gulden, verzinst mit vier Prozent, hinterlegen…

Literatur: Günther Bauer (Hrsg.), Lotto und Lotterie. Homo ludens – der spielende Mensch. Band VII. München 1997.

Dem Glück auf der Spur. 250 Jahre Österreichisches Zahlenlotto. Katalog zur Ausstellung 2002. Herausgegeben vom Historischen Museum der Stadt Wien und dem Institut für Spielforschung an der Universität Mozarteum Salzburg.

Ass. Prof. Dr. Rainer Buland

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