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Neuguinea zur Zeit der Kolonialisierung

Ahnenwesen und „Big Men“

Von der Entwicklung Neuguineas vor der europäischen Erkundung ist nur wenig überliefert. So stellen die ethnographischen Beschreibungen aus der Frühzeit der kolonialen Eroberung – einer Zeit, in der sich der kulturelle Wandel stark beschleunigte – gewissermaßen eine Momentaufnahme der vielfältigen neuguineischen Kulturen dar.

Als erste Europäer sichteten spanische Seefahrer 1526 die Küste Neuguineas. Doch erst 80 Jahre später wurde das Land als Insel erkannt und als solche auf den Seekarten verzeichnet. Im 19. Jahrhundert, als die europäischen Staaten und die USA den Pazifik untereinander aufteilten, rückte die große Insel erneut ins Fadenkreuz europäischer Interessen: 1828 nahmen die Niederlande den Westteil in Besitz, 1884 verleibte sich Großbritannien den Südosten ein, im selben Jahr gründete das Deutsche Reich im Nordosten und auf den Inseln des Bismarck-Archipels seine bedeutendste Kolonie im Südpazifik.

Kaum Berücksichtigung fanden bei der kolonialen Erschließung der melanesischen Inselwelt die einheimischen Bevölkerungen und deren Kulturen. Ihre Geschichte begann lang bevor die ersten Europäer die Inseln erreichten: Vor mehr als 35000 Jahren, als die Eismassen auf der Nordhalbkugel und die dadurch gesunkenen Meeresspiegel Neuguinea und Australien zu einem Kontinent zusammenwachsen ließen, überwanden Menschen erstmals die Meeresstraßen zwischen Südostasien und Neuguinea. Bald darauf erreichten sie die Inseln des Bismarck-Archipels, und vor mehr als 15000 Jahren wurden die Admiralitätsinseln besiedelt. Als 7000 Jahre später die Erwärmung des Klimas die Meeresspiegel wieder steigen ließ und Neuguinea von Australien trennte, hatten Menschen überall auf der großen, von geographischen Gegensätzen geprägten Insel Fuß gefasst. Schon früh lassen sich Spuren von Siedlungen, von Haustierhaltung und dem Anbau von Nutzpflanzen nachweisen, im Hochland des bis auf 5000 Meter aufragenden Zentralgebirges ebenso wie in den weiten und teilweise sumpfigen Schwemmebenen der großen Flüsse, auf den der Küste vorgelagerten kleinen Inseln oder auf den Landmassen des Bismarck-Archipels.

Die große Zahl der auf Neuguinea gesprochenen Sprachen weist auf eine bemerkenswerte kulturelle Vielfalt hin: Allein im heutigen Staat Papua-Neuguinea existieren mehr als 750 Sprachen. Manche werden nur von wenigen hundert Menschen gesprochen, andere umfassen Gruppen von mehr als 100000 Sprechern. Der weitaus größte Teil sind sogenannte Papua-Sprachen, die auf die ersten Besiedler der großen Insel zurückgeführt werden können, die Übrigen gehören der vor allem an der Nordküste gesprochenen, von Madagaskar bis Hawaii und Rapa Nui (Osterinsel) verbreiteten austronesischen Sprachfamilie an. Auf Neuguinea begann deren Geschichte mit der Ankunft neuer Siedler vor mehr als 4500 Jahren. Sie kamen mit seetüchtigen Booten aus Südostasien und ließen sich bald in ganz Melanesien nieder. Intensiver Austausch zwischen ansässiger Bevölkerung und Neuankömmlingen verwischte mögliche Unterschiede, so dass heute vor allem die verschiedenen Sprachen über die Besiedlungsgeschichte der Küsten und Inseln Aufschluss geben. Die Besiedlung Neuguineas erfolgte also – wie in ganz Ozeanien – über das Meer. Doch anders als auf den kleinen und kleinsten Inseln Polynesiens und Mikronesiens bestimmte auf Neuguinea das Meer nur an der Küste das Leben der Menschen.

Traditionelle Handels- und Tauschbeziehungen – teilweise sogar in Gestalt weitgespannter Handelsnetze oder ritualisierter Tauschsysteme – sorgten für eine kontinuierliche Kommunikation über große Distanzen zwischen den Inseln, entlang den großen Flussläufen und bis weit hinein in das Hinterland. Benachbarte Gruppen tauschten landwirtschaftliche und handwerkliche Produkte, wertvolle Rohstoffe wie Farbstoffe und Conchylien (die Schalen von Muscheln und Meeresschnecken) gelangten von den Küsten bis ins Hochland und erfuhren dabei teilweise eine erhebliche Wertsteigerung. So war etwa die Kina-Muschel, die halbmondförmig bearbeitete Perlmuttschale einer Meeresmuschel, die über viele Stationen gehandelt wurde, im östlichen Hochland Neuguineas begehrter Schmuck der Männer und zugleich wertvolles Tauschgut; auch der heutigen Währung von Papua-Neuguinea, Kina, gibt sie ihren Namen…

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Literatur: Inés de Castro/Katja Lembke/Ulrich Menter (Hrsg.), Paradiese der Südsee. Mythos und Wirklichkeit. Mainz 2008 Brij V. Lal/Kate Fortune (Hrsg.),

The Pacific Islands. Honolulu 2000. Mark Münzel (Hrsg.), Neuguinea. Nutzung und Deutung der Umwelt. Frankfurt am Main 1987.

Andrew Strathern u.a., Oceania: an introduction to the cultures and identities of Pacific Islanders. Durham (North Carolina) 2002.

Ulrich Menter

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