Henri Mouhot im Reich der Khmer Angkor sehen und sterben - wissenschaft.de
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Henri Mouhot im Reich der Khmer

Angkor sehen und sterben

Henri Mouhots erste große Forschungsreise war zugleich seine letzte. Er starb wenige Monate, nachdem er eher zufällig die Überreste einer vergangenen Hochkultur entdeckt hatte – und heute sieht sich Kambodscha in Traditionen, die auf Angkor und die Herrschaft der Khmer zurückgehen

Der französische Naturkundler, Ethnograph und Forschungsreisende Henri Mouhot (1826–1861) gebrauchte überschwengliche Worte, als er im kambodschanischen Dschungel im Februar 1860 auf die Ruinen von Angkor stieß: „In dieser Provinz, die heute noch Angkor heißt, liegen Ruinen von einer solchen Großartigkeit, daß man schon beim ersten Hinsehen mit tiefer Bewunderung erfüllt wird und sich fragen muß, was aus dieser kraftvollen, so zivilisierten wie aufgeklärten Rasse geworden ist, den Urhebern dieser gigantischen Werke. Einer der Tempel, ein Rivale des salomonischen, erbaut durch einen frühen Michelangelo, könnte einen ehrenvollen Platz neben unseren prachtvollsten Bauwerken einnehmen. Er ist großartiger als alles, was uns Griechenland oder Rom hinterließen, und steht in einem traurigen Kontrast zu jenen barbarischen Zuständen, in die dieses Volk jetzt versunken ist.“ Die Hinterlassenschaft eines Kolonialvolks mit den Bauten der griechisch-römischen Antike zu vergleichen, verstieß zwar gegen Grundregeln der Zeit und kam in der Epoche des Imperialismus einem Sakrileg gleich. Doch Angkor war schon immer ein Kapitel für sich.

Was Mouhot sah, waren die Trümmer einer im Dschungel versunkenen Kultur. Sie wurde geschaffen durch die Herrscher der Khmer und erlebte ihre Blüte vom 10. bis zum 13. Jahrhundert. Die Grundlage des Reichs bestand in der Beherrschung des Wassers. Von Mai bis Oktober bringt der aus Südwesten wehende Sommermonsun den Ländern Südostasiens ausgiebige Niederschläge, während in den übrigen Monaten Trockenheit herrscht. Es kam und kommt darauf an, die Wassermassen zu bändigen und über das ganze Jahr zu verteilen. Die vornehmste Aufgabe der Könige bestand darin, den Bau von Staubecken zu organisieren, für die Bewässerung der Reisfelder zu sorgen und so den Wohlstand des Landes zu sichern. Nahe bei Angkor entstanden im 11. Jahrhundert zwei riesige Bassins, in denen die Zuflüsse gestaut wurden. Eines von ihnen, das „Westliche Baray“, ist bis heute intakt und dient der Bevölkerung als Wasserreserve und Freibad. Die Beherrschung des Wassers führte zu Überfluß und Reichtum, so daß ein Teil der Bevölkerung zu anderen Aufgaben herangezogen werden konnte. Es müssen Tausende gewesen sein, die die Monumente erbauten, sie kunstfertig schmückten und als Priester, Tänzer oder Musiker die Tempel und Paläste mit Leben erfüllten. Was dabei im einzelnen geschah, ist kaum zu ermitteln. Nur Inschriften geben in dürren Worten einige Auskunft, was weniger haltbaren Beschreibstoffen wie etwa Palmblättern anvertraut wurde, fiel der Feuchtigkeit, Feuer oder weißen Ameisen zum Opfer. Es bedurfte jahrzehntelanger Forschung, um die kunsthistorischen, historischen und archäologischen Befunde miteinander in Einklang zu bringen und wenigstens eine relative Chronologie der Monumente zu sichern.

Die ältesten Bauten entstanden im 9., die frühesten erhaltenen im 10. Jahrhundert im Osten der heutigen Provinzhauptstadt Siem Reap. Die bedeutendsten Bauwerke aber liegen weiter nördlich und bilden den Mittelpunkt des seit 1925 bestehenden archäologischen Parks: Angkor Wat, das mit seinen Gräben und Einfassungen, mit fünf Türmen und einer dreistöckigen Pyramide im Zentrum den indischen Götterberg Meru abbildet und die kosmische Ordnung repräsentiert, wurde um die Mitte des 12. Jahrhunderts von König Suryavarman II. für den Hindugott Vishnu errichtet und schließlich als königliches Grabmal genutzt. Sein Enkel Jayavarman VII. (1181–1218?) erbaute wenige Kilometer weiter nördlich die quadratisch angelegte Neustadt Angkor Thom mit dem mysteriösen Bayon-Tempel im Mittelpunkt; seine Türme sowie wie die fünf Stadttore zeigen insgesamt mehr als 200 Mal das monumentale Antlitz des Herrschers. Während die meisten seiner Vorgänger dem hinduistischen Pantheon huldigten, bekannte sich Jayavarman VII. zum Buddhismus und ließ im nahegelegenen Kloster Preah Khan eine buddhistische Hochschule und in dem heute vom Dschungel überwucherten Ta Prohm ein Kloster zu Ehren des Erleuchteten errichten.

Angkors prominenteste Bauten entstanden somit zur gleichen Zeit, als die Stauferkaiser Friedrich I. Barbarossa, Heinrich VI. und Friedrich II. regierten und Anspruch auf universale Herrschaft erhoben. Ihre Epoche gilt als eine der Glanzzeiten in der europäischen Geschichte. Doch kein einziges Bauwerk blieb von ihnen erhalten, das sich mit den Tempeln und Palästen von Angkor messen könnte. Verglichen mit den kulturellen Hochleistungen der Khmer wirkt das Römerreich der Deutschen wie ein barbarischer Kleinstaat am fernen Rand der Ökumene. Sogar ein chinesischer Gesandter, der sich ein ganzes Jahr in Angkor aufhielt, rang sich ein paar Komplimente über das reiche Land, seine ehrfürchtigen Bewohner und die prächtigen Bauwerke ab. Angesichts des traditionellen Sinozentrismus im Reich der Mitte will dies einiges heißen. Hätte der Gesandte Europa besucht, wären ihm ähnliche Aussagen wohl nicht über die Lippen gekommen…

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Prof. Dr. Volker Reichert

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