Eduard III. und Philipp VI. - Herrscher am Beginn des Krieges Auf dem Weg zum modernen Staat - wissenschaft.de
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Eduard III. und Philipp VI. - Herrscher am Beginn des Krieges

Auf dem Weg zum modernen Staat

Als die englische und die französische Monarchie in jene langwierige militärische Auseinandersetzung hineinglitten, die man seit dem 19. Jahrhundert „Der Hundertjährige Krieg“ nennt, wurden beide Länder von Königen regiert, die fast gleichzeitig den Thron bestiegen hatten: Eduard III. von England und Philipp VI. von Frankreich.

Eduard III. war 1327 im Alter von 15 Jahren Nachfolger seines abgesetzten Vaters Eduard II. geworden, stand jedoch zunächst unter der Regentschaft seiner Mutter Isabella und ihres Favoriten Roger Mortimer, bis dieser 1330 gestürzt und hingerichtet, die Königin vom Hof verbannt wurde. In Frankreich wurde der 35-jährige Philipp VI. am 29. Mai 1328 gekrönt, obwohl der englische Hof von ihm verlangt hatte, zugunsten Eduards III. auf die Königswürde zu verzichten: Nicht er, sondern seine Cousine Isabella, Eduards Mutter, sei als Tochter des 1314 verstorbenen Königs Philipp des Schönen von Frankreich nachfolgeberechtigt, doch von den französischen Kronjuristen um ihr Erbe betrogen worden.

Diese englische Forderung war aus einem komplizierten dynastischen Problem entwickelt worden, das sich in Frankreich nach dem Tod Philipps des Schönen ergeben hatte. Dessen drei Söhne – Ludwig X., Philipp V. und Karl IV. – starben kurz nacheinander 1316, 1322 und 1328 ohne männliche Nachkommen, so dass ihre Schwester Isabella, seit 1308 mit Eduard II. verheiratet, nun die einzige verbliebene Thronfolgerin war. Weil die Krone Frankreichs jedoch nicht an einen englischen König fallen sollte, berief sich der Pariser Hof auf ein erfundenes fränkisches Gesetz und verkündete den grundsätzlichen Ausschluss der Frauen von der Thronfolge in Frankreich. Als man auf diese Weise Isabellas Erbrecht überging und statt ihrer den Grafen Philipp von Valois, einen Neffen Philipps des Schönen, als Philipp VI. zum König erhob, eskalierte ein alter, niemals befriedigend gelöster Konflikt, den beide Könige schon beim Regierungsantritt vorgefunden hatten.

Dieser Konflikt hatte seine Wurzeln im Jahr 1066, als Herzog Wilhelm von der Normandie mit einem Heer in England gelandet war, bei Hastings die Angelsachsen besiegt und sogleich die Königswürde des eroberten Landes an sich gebracht hatte. Weil er jedoch sein Herzogtum Normandie behielt, blieb er auch als König von England Vasall der französischen Krone, von der künftig alle seine Nachfolger die Normandie zu Lehen nehmen und ihrem Lehnsherrn entsprechend huldigen mussten. Von da an regierten englische Könige einen Teil Frankreichs, während England einer strengen, französisch geprägten normannischen Herrschaft unterworfen wurde, die ihre Zeugnisse nicht nur mit Burgen- und Kirchenbauten vielfach sichtbar hinterlassen hat, sondern auch zu einer gesellschaftlichen Spaltung führte, die in der Sprache bis heute weiterlebt: Während der dienende angelsächsische Bauer oxen und sheep auf seiner Weide hielt, sah der normannische Herr diese Tiere nur als beef (französisch bœuf ) und mutton (mouton) zubereitet auf dem Teller.

Diese französische Akkulturation Englands bei starker politischer Position der englischen Könige in Frankreich verstärkte sich noch, als einer der Nachfolger Herzog Wilhelms, Heinrich von Anjou, 1152 Eleonore heiratete, die soeben vom französischen König Ludwig VII. geschiedene Erbin des Herzogtums Aquitanien. Heinrich war über seine Mutter Mathilde ein Enkel König Heinrichs I. von England und setzte dort nach schweren Kämpfen 1154 seine Thronfolge durch, so dass er fortan König von England, Graf von Anjou, Herzog der Normandie und über seine Gemahlin auch Herzog von Aquitanien war. Er beherrschte damit einen sehr viel größeren Teil französischer Erde als deren König, dem er für diesen Festlandsbesitz huldigen musste, obwohl er faktisch der mächtigste Fürst im Land war. Dieses Großreich bestand jedoch nur bis 1204, als der französische König Philipp II. Augustus die Normandie nebst den Grafschaften an der Loire eroberte. Im Südwesten Frankreichs aber blieb dem englischen König zwischen der Charente und den Pyrenäen ein großes Herrschaftsgebiet, das er als Herzogtum Guyenne mit der Hauptstadt Bordeaux von der Krone Frankreich zu Lehen trug.

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Dieser Zustand war das eigentliche Konfliktfeld, in das die dynastische Auseinandersetzung von 1328 eingebettet war, das den Krieg aber nicht ausgelöst hat. Der Krieg entwickelte sich vielmehr aus den einander diametral entgegengesetzten politischen Zielen der beiden Monarchen: Eduard III. wollte seinen Vasallenstatus abwerfen und die kontinentalen Lehnsgebiete als Eigengut übernehmen, während Philipp VI. ihn ganz aus Frankreich zu vertreiben suchte und dazu das Lehnsrecht nutzte, indem er jeden politischen Konflikt mit seinem königlichen Vasallen als dessen Rechtsverletzung kriminalisierte und sein eigenes militärisches Vorgehen deshalb nicht als Kriegshandlung, sondern als legitime Bestrafung eines illoyalen Lehnsmanns definierte. Unter diesen Umständen bot die französische Nachfolgekrise von 1328 dem englischen Hof die einmalige Chance, seinen König auch als König von Frankreich durchzusetzen und damit das Problem der lehnsabhängigen Guyenne ein für allemal zu lösen.

Noch aber scheute das englische Parlament die hohen Kosten eines Krieges. Um sich die Bestätigung seines Rechtes an der Guyenne fürs Erste gleichwohl zu sichern, musste Eduard III. seinem Rivalen Philipp VI. 1329 huldigen und ihn damit zugleich als König anerkennen. Das bedeutete allerdings keineswegs den Verzicht auf das weitergesteckte Ziel, denn die Option für den Krieg hielt Eduard sich offen und gedachte dabei schwere Konflikte im französischen Hochadel für sich zu nutzen. Sie waren entstanden, als mit dem Ausschluss der weiblichen Thronfolge auch alle Söhne der Töchter Ludwigs X., Philipps V. und Karls IV. ihre Anwartschaften verloren hatten, das aber keineswegs hinnehmen wollten.

Einen weiteren Ansatzpunkt zur Intervention bot die hochindustrialisierte Textilregion Flandern, die vom Import englischer Schafwolle abhängig und zugleich durch soziale Spannungen zwischen dem städtischen Patriziat, den armen Webern und aufstrebenden Kaufleuten zerrissen war. Indem Eduard den Wollexport verbot, trieb er die dadurch arbeitslos gewordenen Weber zum Aufstand und erpresste damit mächtige Städte wie Gent, Brügge und Ypern, die sich mit ihm verbünden mussten, um das Embargo zu beenden. Diesem unfreundlichen Akt begegnete Philipp VI. dadurch, dass er die Guyenne als Lehen einzog, womit er wiederum die Landung einer englischen Armee an der flandrischen Küste provozierte. Obwohl Gent Eduard III. als König von Frankreich anerkannte, wagte Philipp VI. keine offene Feldschlacht und musste zusehen, wie englische Schiffe am 24. Juni 1340 bei Sluis vor Brügge seine Flotte vernichteten, so dass er den Kanal künftig nicht mehr kontrollieren konnte…

Literatur: Joachim Ehlers, Der Hundertjährige Krieg. München 2009. Jonathan Sumption, The Hundred Years War. Philadelphia 1990 / London 1999 / 2009. Andrew Ayton / Philip Preston (Hrsg.), The Battle of Crécy, 1346. Woodbridge 2005. Marilyn Livingstone / Morgen Witzel, The Road to Crécy. The English Invasion of France, 1346. Harlow 2005. Jean-Marie Moeglin, Les bourgeois de Calais. Essai sur un mythe historique. Paris 2002.

Prof. Dr. Joachim Ehlers

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