Die Gründung der DDR Auferstanden aus Ruinen - wissenschaft.de
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Die Gründung der DDR

Auferstanden aus Ruinen

War die Gründung der DDR im Herbst 1949 eine unmittelbare Folge der Weststaatsgründung oder das Resultat einer konsequenten Politik der Spaltung, wie sie die SED bereits 1948 betrieb?

Einige Tage nach der Gründung der DDR am 7. Oktober 1949 notierte der erste Ministerpräsident Otto Grotewohl in seinem Kalender: „Provisorium für längstens ein Jahr“. Das war vermutlich ehrlich gemeint. Zumindest darf man Grotewohl abnehmen, dass er keinen Teilstaat, sondern ein sozialistisches Gesamtdeutschland wollte. Mit viel Pathos beschwor Grotewohl in den folgenden Jahren immer wieder die deutsche Einheit und attackierte die Spalter, die angeblich im Westen saßen. Der starke Mann in einer noch schwachen SED, Walter Ulbricht, tat das selbstverständlich auch, aber er arbeitete frühzeitig auf einen eigenen ostdeutschen Staat hin. Er galt als Apparatschik, war unbeliebt und verstand es, sich stets rechtzeitig den Veränderungen der po‧litischen Großwetterlage und den Wünschen des „großen Bruders“ in Moskau anzupassen. Dennoch versuchte er bereits im Jahr 1948, die so‧wjetische Besatzungsmacht für eine Separatstaatsgründung zu gewinnen. „Errichten wir die Diktatur des Proletariats, dann werden alle Dinge klar und einfach“, sagte Ulbricht in einem Gespräch mit einem sowjetischen Berater im April 1948 und wandte sich damit gegen parlamenta-rische Wahlen als scheindemokratisches Mäntelchen. Stalin allerdings war das zu früh. Seine Devise lautete: „Nicht direkte Eingriffe, sondern Zickzack – opportunistische Politik zum Sozialismus.“

Es bleibt auch nach der Öffnung der Archive schwierig festzustellen, was Stalin wirklich wollte. In einem Gespräch mit der KPD-Führung vom 4. Juni 1945 in Moskau hatte er erklärt (nach einer Notiz des KPD-Vorsitzenden Wilhelm Pieck): „Es wird zwei Deutschlands geben, trotz aller Einheit der Verbündeten“. Aber diese Notiz lässt sich ebenso als Prognose wie als Befürchtung lesen. Eine Teilung Deutschlands war zumindest für die vom Krieg ausgeblutete Sowjetunion die schlechteste Lösung, wenn man ihre Interessen an Reparationen und Sicherheit zugrunde legt. Dennoch war die Teilung Deutschlands und somit die Schaffung eines eigenen ostdeutschen Staates unter sowjetischer Kontrolle bald nach Kriegsende eine von mehreren politischen Optionen. Aber man sollte sich hüten, die DDR-Gründung als Ergebnis eines frühen „Masterplans“ des sowjetischen Diktators Stalin zu sehen, den Ulbricht als sein treuester Gehilfe dann konsequent umsetzte.

Der amerikanische Historiker Norman Naimark, dem wir die gründlichste Untersuchung der so-wjetischen Deutschlandpolitik verdanken, hat daher gewarnt: „Stalin war zweifellos ein Diktator, aber einer, der sich in dieser Zeit kaum äußerte; wenn es geschah, dann mit Absicht vieldeutig, so dass seine Anweisungen in unterschiedlicher Weise interpretiert werden konnten.“ Den Sozialismus aufzubauen gehörte anfangs noch nicht zu den kurzfristig anvisierten Zielen der SED und der Sowjetunion. Mit der Herausbildung der Fronten des Kalten Krieges seit 1947 änderten sich jedoch Zielsetzungen und Methoden des politisch-gesellschaftlichen Umbaus in der sowjetischen Besatzungszone (SBZ).

Als die Westmächte auf die Schaffung eines westdeutschen Staates drangen und im Juni 1948 in ihren Zonen die für einen wirtschaftlichen Wiederaufbau unerlässliche Währungsreform durchführten, die wenig später von West-Berlin übernommen wurde, war dies zweifellos auch ein Signal für eine politische Teilung Deutschlands. Stalin nahm die Währungsreform zum Anlass der Blockade der Zufahrtswege nach Berlin. Das war der brutale Versuch, die Weststaatsgründung im letzten Moment doch noch zu verhindern. Er scheiterte damit. Die Berliner Blockade hat den gegenteiligen Effekt hervorgerufen: Die „deutsche Frage“ veränderte ihren Charakter, und aus den früheren Feinden wurden politische Freunde. Die Teilung und die doppelte Staatsgründung wurden somit nicht verhindert, sondern beschleunigt.

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Die von der sowjetischen Besatzungsmacht und der SED-Führung gesteuerten politischen Entscheidungen für einen eigenen östlichen Staat wurden von einer pseudodemokratischen Massenbewegung begleitet, die den Anspruch auf das „eigentliche Deutschland“ gegenüber den „Spaltern im Westen“ unterstreichen sollte: die Volkskongressbewegung. Sie wurde genau geplant und war von SED-Mitgliedern dominiert, gab sich aber den Anschein einer überparteilichen, alle Besatzungszonen umfassenden Aktion für die Einheit Deutschlands. Der erste Volkskongress mit über 2000 nach einem undurchsichtigen Verfahren entsandten Delegierten trat im Dezember 1947 anlässlich der Moskauer Außenministerkonferenz der Alliierten in Erscheinung und richtete einen Appell für den Abschluss eines Friedensvertrags und die Bildung einer gesamtdeutschen Regierung an die Konferenz – ohne Erfolg. Die Vorsitzenden der Ost-CDU Jakob Kaiser und Ernst Lemmer verweigerten die Teilnahme an dieser Propagandaaktion und wurden daraufhin abgesetzt. Der zweite Kongress fand im März 1948 in Erinnerung an den Jahrestag der Revolution von 1848 statt und wählte einen „Deutschen Volksrat“ als 400-köpfiges repräsentatives Gremium…

Prof. Dr. Christoph Kleßmann

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