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Die "Auswandererhallen" in Hamburg

Baden bei Ballin

Für viele Menschen begann der Traum von einem neuen Leben in Hamburg. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts wählten 2,5 Millionen den Weg über die Elbe nach Übersee. Untergebracht wurden sie in den sogenannten Auswandererhallen, welche die Hapag-Reederei unter ihrem Generaldirektor Albert Ballin (1857–1918) errichten ließ.

Die Beförderung vieler Menschen war für die Transporteure schon immer ein gutes Geschäft. Je mehr Sklaven ein Kapitän in sein Schiff packte, desto größer war sein Gewinn. Das galt auch für die Auswanderersegler, die das „Frachtgut Mensch“ nach Australien und Nordamerika brachten. Die größten Verschiffungshäfen für die europäische Auswanderung waren anfangs Le Havre, Antwerpen und Liverpool. Hamburg spielte keine große Rolle, denn bis 1832 hatte der Senat der Stadt das Geschäft mit der Auswanderung abgelehnt bzw. kontrollierte es durch strenge Auflagen. So schifften sich hier zwischen 1841 und 1846 nur 11000 Auswanderer ein.

Hamburgs Reeder jammerten – mit Erfolg. Die Auflagen wurden gelockert, und schon bald lotsten Auswandereragenturen Menschen in steigender Zahl auf Hamburger Schiffe. Einer, der mit Australien-Auswanderern viel Geld verdiente, war der Hamburger Reeder Johann Cesar Godeffroy. Er ließ in seine Frachtsegler Zwischendecks einbauen, bei denen die Stehhöhe nur 1,8 bis 2,5 Meter betrug. Weder Tageslicht noch Frischluft gelangten hinein, dafür aber so viele Menschen, dass sie sich kaum noch bewegen konnten. Coffin ships, schwimmende Särge, wurden solche Schiffe genannt. Manche Reeder ließen sogar noch ein unterstes Deck einbauen, das Orlop-Deck unter der Wasserlinie.

An Bord der Godeffroy-Segler schliefen die Menschen in Holzverschlägen auf „Regalbrettern“, die etwa 45 Zentimeter breit waren. Statt der erlaubten 362 Passagiere wurden 423 untergebracht. Für Essgeschirr und Bettzeug musste jeder selber sorgen. Der Gestank war bestialisch, vor allem, wenn bei Sturm alle Luken geschlossen waren. Das Essen war oft ungenießbar, das Wasser in den Fässern stank. Krankheiten brachen aus. Auf der Bark „Wandrahm“ starben 46 Auswanderer. Sie wurden nachts „beigesetzt“, sprich: über Bord geworfen. Ähnlich war es auf anderen Auswandererseglern. Eine Todesrate von zwei bis zehn Prozent galt bei diesen Transporten als „normal“.

Auch der Hamburger Reeder Robert Miles Sloman verdiente gut mit seinen coffin ships. 1867 starben auf seinem Segler „Lord Brougham“ 75 von 383 Passagieren. Die Ursache: Cholera. Ähnlich war es auf der „Leipnitz“. Auf ihrer 70-tägigen Fahrt verloren 108 von 544 Passagieren ihr Leben. Als das 55 Meter lange Schiff 1868 in New York einlief, sprach die US-Presse von „Slomans Totenschiffen“. In einem Bericht hieß es: „Der Schmutz aus dem oberen Deck floss herunter in den Menschenstall, in dem es kein Tier lange ausgehalten hätte. Für 544 Auswanderer gab es nur vier Aborte. Die armen Leute bekamen ungenügend und schlecht zu essen und nur wenig Wasser täglich zu trinken. Der Schiffszwieback war zum Teil verschimmelt, die Butter ungenießbar. Die Auswanderer wurden schlecht behandelt. Wollte ein Kranker Bier oder Wein haben, so ließ ihn der Kapitän dafür den dreifachen Preis bezahlen. Ein Arzt war nicht an Bord, die mitgeführte Arznei nach 14 Tagen aufgebraucht.“ …

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Auf den Spuren der Emigranten Am 5. Juli öffnete das Museum „BallinStadt Auswandererwelt Hamburg“ seine Pforten, das den Besucher die Welt der Auswanderung erleben lässt. Puppen in historischen Gewändern erzählen die Geschichte von Menschen, berichten über Auswanderungsgründe, Pläne, Hoffnungen … Dann begibt sich der Besucher selbst auf die Reise und verfolgt die Stationen der Emigranten: vom Aufbruch in der Heimat bis zur Ankunft im Zielhafen. Man erhält nicht nur Einblick in Pässe, Passagierlisten und Briefe, sondern Audio- und Videoinstallationen lassen das Geschehen persönlich erfahren. Dank der Passagierlisten von 1850 bis 1934 kann der Besucher seine ganz persönliche Familienforschung betreiben. Zur Ballinstadt gelangt man mit dem Schiff, Ableger St. Pauli Landungsbrücken nach Veddel, oder mit der S-Bahn, S 3 / S 31 Richtung Neugraben, Station Veddel. http://www.ballinstadt.de

Mit der Migration nach Amerika befasst sich seit August 2005 auch das Museum „Deutsches Auswandererhaus Bremerhaven“. Der Besucher durchläuft die Stationen der Auswanderung: vom Aufenthalt in den Wartehallen bis zur Ankunft auf der teilweise nachgebauten Einwandererinsel Ellis Island. Er erkundet in Rekonstruktionen verschiedener Schiffstypen das Innenleben der großen Atlantik-Liner und testet, ob er 1907 hätte einreisen dürfen. Ein Dokumentarfilm erzählt von sechs Einwanderergenerationen. Herzstück der Ausstellung ist die „Galerie der sieben Millionen“: In diesem „lebensgeschichtlichen“ Archiv entscheidet sich der Besucher für einen bestimmten Auswanderer – über einen Telefonhörer wird ihm dann dessen Geschichte erzählt. http://www.dah-bremerhaven.de

Noch bis zum 14. Oktober 2007 widmet sich die Ausstellung „Von Bremen in die Welt“ des Focke-Museums Bremen dem „Norddeutschen Lloyd“: eine Kulturgeschichte der 1857 von Bremer Kaufleuten gegründeten Reederei, die bis zu ihrer Fusion mit der Hapag im Jahr 1970 Millionen Menschen mit ihren Passagierdampfern in die ganze Welt brachte. http://www.focke-museum.de

Cord C. Troebst

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