Ludwig II. als Bauherr Begehbare Bühnenbilder - wissenschaft.de
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Ludwig II. als Bauherr

Begehbare Bühnenbilder

Der Hang Ludwigs II. zur Theatralik wird auch in seinen Bauten sichtbar, in denen er seine Träume wie in einer Bühneninszenierung verwirklichen konnte. An einem Publikum für diese Arrangements war der König nicht interessiert – die prachtvollen Schlösser sollten ihm selbst und wenigen Auserwählten vorbehalten bleiben.

„Oh, es ist notwendig, sich solche Paradiese zu schaffen, solche poetischen Zufluchtsorte, wo man auf einige Zeit die schauderhafte Zeit, in der wir leben, vergessen kann“, schrieb König Ludwig II. an seine einstige Erzieherin Freifrau von Leonrod im Hinblick auf seine damals im Entstehen begriffenen, nachmals weltberühmten Schlösser. Kaum ein anderer Monarch wurde von der Nachwelt so sehr mit der von ihm geschaffenen Architektur gleichgesetzt. Und wie selten polarisieren seine Bauten, von denen sich viele als einer grandiosen Verwirklichung eigener Träume angezogen, andere als geschmacklosem Ausdruck egomani?scher Verschwendungssucht abgestoßen fühlen, bis heute. Daß die einst nur ihrem Initiator und wenigen Auserwählten vorbehaltenen Gebäude alljährlich von Millionen Besuchern aus dem In- und Ausland durchwandert werden würden, hätte sich der menschenscheue Monarch wohl tatsächlich nicht träumen lassen – und auch niemals gestattet!

Dabei erscheint es – ungeachtet ihrer künstlerischen Bewertung – bemerkenswert, inwieweit diese Bau-vorhaben zugleich in althergebrachten Traditionen und auf der Höhe ihrer Zeit standen. Vieles, was an ihnen später als Indiz einer Geisteskrankheit interpretiert wurde, fand durchaus Parallelen in der Bautätigkeit früherer Epochen und der Gegenwart Ludwigs, wenngleich er in seiner Konsequenz und Zielsetzung eine Ausnahmeer?scheinung bleibt. Mit fortschreitendem Alter wurde ihm das Bauen geradezu zum Lebenselixier, letztlich aber auch zum Verhängnis, das mit zu seinem – bis heute ungeklärten – Tod führte.

Ein bedeutender Vorgänger als Bauherr und Mäzen war sein Großvater Ludwig I., mit dem sich der heranwachsende Thronerbe auch weitaus besser verstand als mit seinem reservierten Vater Maximilian II. oder der von ihm als „prosaisch“ empfundenen Mutter Marie, die zudem der nachmals zu seinem Feindbild erklärten Familie der Hohenzollern entstammte.

Im Unterschied zu den gewaltigen öffentlichen Bauvorhaben Ludwigs I., der das zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch beinahe ländlich geprägte München innerhalb weniger Jahrzehnte in ein von Kunst und Wissenschaft getragenes „Isar-Athen“ verwandeln wollte, ließ sich der von 1864 an regierende Ludwig II. rasch vom Scheitern seines gemeinsam mit Richard Wagner geplanten Münchner Festspielhauses entmutigen und baute fortan vorrangig für sich selbst. Ähnlich wie auf dem Gebiet der Politik, dem er sich anfangs mit großem Eifer widmete, vollzog sich auch hier ein fortschreitender Rückzug aus der Öffentlichkeit, der letztlich in auswegloser Isolation endete.

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Zum besseren Verständnis der komplexen Vorstellungswelten Ludwigs ist es unerläßlich, sich die von ihm während seiner Kindheit und Jugend gewonnenen Eindrücke zu vergegenwärtigen. Dazu gehörte zum einen die ihm zwar später verhaßte bayerische Hauptstadt, deren prunkvolle Residenzbauten, Theater und Kirchen sein Selbst- und Kunstverständnis dennoch prägten. Nicht von ungefähr gehörten die Neugestaltung seines Appartements in der Münchner Residenz in den Formen eines opulenten Neobarocks und der Bau eines gewaltigen Wintergartens auf deren Dach zu seinen ersten baulichen Unternehmungen.

Andererseits übten die alljährlich in Hohenschwangau, einem von Ludwigs Vater im neugotischen Geschmack wiederhergestellten Schloß, im Allgäu verbrachten Sommer einen nachhaltigen Einfluß auf das schwärmerische Naturell des Kronprinzen aus. Die in den dortigen Wandgemälden vorherrschende Welt eines idealisierten Mittelalters und seiner Heldensagen sollte sich in Verbindung mit der erhabenen Szenerie des umgebenden Gebirges zu einer lebenslangen Inspirationsquelle entwickeln, die in der frühen Begegnung mit den Opern Richard Wagners ihre musikalische Entsprechung fand…

Literatur: Michael Petzet/Achim Bunz, Gebaute Träume. Die Schlösser Ludwigs II. von Bayern. München 1995. Michael Petzet/Werner Neumeister, Ludwig II. und seine Schlösser. München/New York 1995. Hans F. Nöhbauer, Auf den Spuren König Ludwigs II. Ein Führer zu Schlössern und Museen, Lebens- und Erinnerungsstätten des Märchenkönigs. München 1995.

Internet: http://www.schloesser.bayern.de http://www.hohenschwangau.de

Ulrich Feldhahn

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