Das Leben in mittelalterlichen Frauenklöstern Beten, arbeiten, herrschen - wissenschaft.de
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Das Leben in mittelalterlichen Frauenklöstern

Beten, arbeiten, herrschen

Gerade für Frauen bedeutete ein Leben in klösterlicher Klausur nicht nur ein lebenslängliches „Weggesperrtsein“, sondern bot eine Vielzahl von Vorteilen und Karrierechancen. Und die hohe Bildung, die sie hinter Klostermauern erhielten, wäre den meisten jungen Frauen in einem weltlichen Leben niemals zuteil geworden.

Die Ebstorfer Weltkarte aus dem 13. Jahrhundert präsentiert eine geordnete, von Christus umfangene Welt. Wo wir heute Niedersachsen verorten, zeigt sich selbstbewußt der Ort ihrer Entstehung – das eher kleine Benediktinerinnenkloster „Ebbekesstorp“. Wie selbstverständlich erscheint es neben Herrschaftszentren und heiligen Stätten als Ort der Rezeption und Vermittlung des theologischen, geographischen und naturkundlichen Wissens über die Welt. Wie hatten Frauenklöster in der Selbst- und Fremdwahrnehmung eine solche Position erreicht?

Das deutsche Wort „Kloster“ ist aus dem lateinischen claustrum abgeleitet und bezeichnet einen verschlossenen Ort, der „Mönch“ leitet sich ab vom griechischen mónos (allein) und bezeichnet einen Menschen, der außerhalb der Gesellschaft lebt. Bereits im 4. Jahrhundert hatten sich Einsiedler in der Hoffnung auf Selbstreinigung und Gotteserkenntnis in die ägyptischen und vorderasiatischen Wüstengebiete am Rand der urbanisierten Zonen zurückgezogen. Bald sammelten sich auf der Suche nach geistigen Lehrern zahlreiche Gleichgesinnte beiderlei Geschlechts um diese Einsiedler. Ihr Ziel war die Erkenntnis Gottes über den Weg einer sehr einfachen Lebensweise und ein intensives Studium der heiligen Schriften des Christentums. Diese Gemeinschaften lebten auf der Basis von Regeln zusammen, wie sie etwa der heilige Pachomius (um 292–347) schrieb. Er war nicht nur der Leiter mehrerer Männergemeinschaften, sondern bestimmte darüber hinaus seine Schwester zur Vorsteherin einer Frauenkommunität.

Die Idee frommer Gemeinschaften verbreitete sich im nördlichen Mittelmeerraum zum einen mündlich – etwa durch die gelehrten Kirchenmänner Athanasius (um 295–373) und Hieronymus (um 347–419/20), die in Rom und dem übrigen Italien berichteten, was sie im Nahen Osten gesehen hatten –, zum anderen auf schriftlichem Weg durch die Viten der Mönchsväter, an deren lehrreichen Vorbildern man sich orientieren sollte.

Um 400 waren es vor allem Frauen aus dem römischen Senatorenadel, die die Idee der abgeschiedenen, betenden und sich gegenseitig in der geistigen Vervollkommnung unterstützenden Gemeinschaften aufgriffen und auf ihren Landgütern realisier-ten – viele davon unter der Anleitung des Bischofs und Kirchenvaters Hieronymus. Einige, wie die Römerin Paula und ihre Tochter, zogen sogar zu den Stätten der Lebens- und Leidensgeschichte Christi rund um Jerusalem, um dort fromme Gemeinschaften aufzubauen.

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In Irland nahmen etliche Herrscher der zahlreichen Kleinkönigtümer samt ihrer Gefolgschaft schon im 5. Jahrhundert das Christentum an. Männer- wie Frauenklöster entwickelten sich dort rasch zu den entscheidenden Zentren der kirchlichen Organisation und Verwaltung; viele Männerklöster übernahmen zunächst in Schottland, später auch in England, einen selbstgesetzten Missionsauftrag. Im Reich der Merowinger waren es daher irische Mönche, beseelt von der Idee der asketischen Heimatlosigkeit, die um 600 monastische Zentren aufbauten; angelsächsische Missionare setzten diese Tätigkeit im 8. Jahrhundert östlich des Rheins fort.

Bonifatius (siehe DAMALS 6-2004) strebte im Süden und Südosten des Frankenreiches eine flächendeckende Ausstattung des Landes mit Klöstern an – als Repräsentationsstätten des neuen Glaubens sowie als Schulungszentren und Orte der Wissensbewahrung. Er legte Wert darauf, daß diese Ziele auch in Frauengemeinschaften verfolgt wurden, und erbat die Unterstützung seiner angelsächsischen Verwandten Lioba sowie einiger ihrer Vertrauten, denen er die Einrichtung und Leitung mehrerer Klöster übertrug. So wurden Klöster seit dem 8. Jahrhundert neben den Bischofssitzen zu den geistlichen Stützpfeilern der weltlichen Macht.

Zwischen dem 4. und dem 8. Jahrhundert folgten die Klöster im We?sten wie im Osten Europas ungefähr 30 verschiedenen Lebensregeln. Erst zu Beginn des 9. Jahrhunderts bemühten sich Karl der Große und sein Nachfolger Ludwig der Fromme im Zuge der Anstrengungen zur Vereinheitlichung der Verwaltung, der Münze, der Schrift und anderer Bereiche – den sogenannten karolingischen Reformen – auch um eine im ganzen Frankenreich gültige Klosterregel. Der Klostergründer und Abt Benedikt von Nursia, oft in Diskussion mit seiner Schwester Scholastika dargestellt, die ebenfalls Vorsteherin einer religiösen Gemeinschaft war, hatte um 529 in der von ihm entworfenen Regel sowohl das innere als auch das äußere Klosterleben erfaßt. Die Regula Benedicti war so flexibel gestaltet, daß man sie wechselnden Rahmenbedingungen anpassen konnte. Sie wurde zur Lebensgrundlage aller fränkischen Männerklöster (siehe DAMALS 7-2003).

Weit weniger eindeutig gestaltete sich die Neuordnung für das Zusammenleben in weiblichen Gemeinschaften durch die „Institutio sanctimonialium Aquisgranensis“ von 816. Nach gängiger Unterscheidung waren die klausurierten Gemeinschaften durch eine Ummauerung von der Außenwelt sichtbar getrennt. Die Novizinnen legten nach einer „Lehrzeit“, dem Noviziat, einen endgültig bindenden Eid ab, der sie von ihren früheren familiären und sozialen Bindungen trennte und zu Armut, Keuschheit und Gehorsam sowie zur stabilitas loci, dem lebenslangen Verbleib in einem Kloster, verpflichtete. Ein Stift dagegen forderte zwar auch die Einhaltung bestimmter Regeln, ermöglichte aber seinen Mitgliedern die Rückkehr ins weltliche Leben, etwa durch Heirat. Die Einordnung der sanctimoniales als Nonnen oder Stiftsdamen bzw. die Klassifizierung einer Frauengemeinschaft als Kloster oder Stift kann für das Früh- und Hochmittelalter jedoch selten eindeutig ausfallen.

Prof. Dr. Gudrun Gleba

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