Gaston Phoebus – Das Buch der Jagd Bilder wie Tapisserien - wissenschaft.de
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Gaston Phoebus – Das Buch der Jagd

Bilder wie Tapisserien

Das „Buch der Jagd“ von Gaston Phoebus ist eine der schönsten Bilderhandschriften des Mittelalters, eine Naturkunde in leuchtenden Farben und liebevoll gemalten Miniaturen.

Gaston III. Graf von Foix und Béarn (1331–1391) teilte mit den Adligen seiner Zeit die Liebe zur Jagd und zu schönen, prachtvoll ausgestatteten Büchern. Deren Besitz war Ausdruck der eigenen hohen Stellung. Und davon war Gaston de Foix, der wegen seiner leuchtend blonden Haare nach dem griechischen Sonnengott Phoebus genannt wurde, zutiefst überzeugt. Immerhin war er über seine Frau Agnes von Navarra mit dem französischen Königshaus verwandt. Ein Zeichen für die Macht des Grafen ist bis heute seine Burg, die auf einem Felsmassiv über dem Pyrenäen-Städtchen Foix thront.

Als junger Ritter lernte Gaston Phoebus Skandinavien und Deutschland kennen und kämpfte in Polen an der Seite der Deutschordensritter gegen heidnische Slawen. Im Süden Frankreichs gelang es ihm, ein weitgehend unabhängiges Territorium aufzubauen. Dabei lavierte er geschickt zwischen England und Frankreich – und dies inmitten des Hundertjährigen Krieges. Als Herr über eine Reihe von großen und kleinen Ländereien, die er zum Teil als Lehen des französischen, zum Teil als Lehen des englischen Königs besaß, mußte er stets auf die Interessen und Empfindlichkeiten beider Herrscher achten. Doch gelang es ihm, sich aus den politischen Streitigkeiten weitgehend herauszuhalten. Seine Untertanen mußten weder Plünderungen noch fremde Besetzungen erleiden, anders als große Teile Frankreichs in dieser Zeit. Dies erreichte er auch durch die Drohgebärde einer eindrucksvollen Streitmacht: Über 4000 Mann konnte er in der Grafschaft Foix und im Béarn in kürzester Zeit mobilisieren, darunter über 1000 Reiter. Allerdings war dies nur dank einer konsequenten Steuerpolitik möglich, etwa durch die Einführung einer Steuer auf alle Kapitalgewinne.

Auch die dunklen Seiten seines Lebens seien nicht verschwiegen: Im Dezember 1362 verstieß Gaston Phoebus seine Ehefrau – drei Monate nach der Geburt ihres einzigen Sohnes, unter anderem, weil die von dem Grafen sehnlichst erhoffte Mitgift ausgeblieben war. Vielleicht als Rache dafür ließ er das Gepäck, das seine Frau mit in ihre Heimat nehmen wollte, sofort konfiszieren. Seinen Sohn gab er an eine Amme und kümmerte sich in der Folge kaum um ihn (eine wesentlich engere Beziehung hatte er zu seinen illegitimen Söhnen). Aus der Verletzung über diese Zurückweisung soll der – nach seinem Vater benannte – junge Gaston eine Verschwörung angezettelt haben. Der Graf ließ ihn daraufhin in einen Kerker werfen, in der Hoffnung, er würde seine Komplizen preisgeben. Bei einer letzten Begegnung unter vier Augen versetzte der über das beharrliche Schweigen erzürnte Vater seinem Sohn dann einen Schlag an den Hals, der zum sofortigen Tod führte.

Gaston Phoebus selbst starb am 1. August 1391 im Alter von 60 Jahren – nach der Rückkehr von einer Bärenjagd. Es war sehr heiß gewesen an diesem Tag. Um die Jäger zu erfrischen, hatte man den Boden des Saales, in dem sich die Jagdgesellschaft einfand, mit frisch geschnittenen Zweigen belegt. Als man Phoebus kaltes Wasser über die Hände goß, wurde ihm plötzlich schlecht, und er brach zusammen: „Herr, wahrer Gott, verzeih mir“, waren seine letzten Worte.

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Sein „Buch der Jagd“ schrieb Ga-ston Phoebus nach dem Tod seines Sohnes; vielleicht war die Arbeit dar-an auch ein Stück weit Ablenkung von der persönlichen Tragödie, in die er sich selbst manövriert hatte. Das Buch wurde zu einem mittelalterlichen „Bestseller“: 46 Abschriften des leider verschollenen Originals sind überliefert. Die aufwendigste und prachtvollste Handschrift entstand um 1410. Wer der Auftraggeber war, ist nicht eindeutig geklärt. Es wird vermutet, daß Herzog Philipp der Kühne von Burgund das Buch für sein Mündel Herzog Johann V. der Bretagne anfertigen ließ. Mit der künstlerischen Ausstattung des Werks beauftragte Philipp jene Künstler, die bald darauf das berühmte Stundenbuch für den Herzog von Bedford gestalteten und als Bedford-Werkstatt in die Kunstgeschichte eingegangen sind. Es gab in dieser Zeit keine besseren Buchmaler in Paris!

Ende des 15. Jahrhunderts erwarben die „Katholischen Könige“ Ferdinand von Aragón und Isabella von Kastilien die Handschrift. Bis in das 19. Jahrhundert scheint das Meisterwerk in spanischem Besitz geblieben zu sein. Durch die Wirren der Napo?leonischen Kriege gelangte es aus dem geplünderten Escorial 1815 auf eine Auktion in London, bei der es vom fünften Herzog von Marlborough, George Spencer Churchill (1766–1840), erworben wurde. Der Herzog konnte sich nicht lange an der Kostbarkeit erfreuen. Finanzielle Schwierigkeiten nötigten ihn, sich von seiner kompletten Bibliothek zu trennen. Der neue Besitzer war Sir Thomas Philipps (1792–1872), ein geradezu besessener Sammler alter Handschriften; über 60000 Manuskripte hatte er insgesamt in seinem Besitz. Seine Erben verkauften das „Buch der Jagd“ 1943 an die New Yorker Sammlerin Clara Peck, die ihren Schatz fortan eifersüchtig hütete. Selbst ausgewiesene Forscher durften nur den Text sehen – die Miniaturen verhüllte Clara Peck vor den Augen der Öffentlichkeit.

Nach dem Tod der Sammlerin ging das Buch 1983 in den Besitz der Pierpont Morgan Library in New York über. Eine originalgetreue Faksimile-Edition dieses Meisterwerks hat jetzt der Faksimile Verlag in Luzern her-ausgebracht. Bis ins kleinste Detail gibt sie die farbenfrohen, mit Blatt- und Pinselgold geschmückten Seiten wieder: 87 lebendige, liebevoll ausgemalte Miniaturen, 126 große Initialen und üppiges Rankenwerk verbreiten auf 128 Folios die ganze Pracht der französischen Buchmalerei des 15. Jahrhunderts.

Revolutionär für die Zeit ist die Umsetzung der Dreidimensionalität der Goldpartien. Manchmal wurde das aufgetragene Blattgold zusätzlich mit einer filigranen Ziselierung versehen und anschließend mit einem farbigen Muster bemalt. Oder es wurde mit flüssigem, gedämpfter leuchtendem Pinselgold auf farbige Gründe gemalt. Großes Können erforderte das Rautenmuster, dessen einzelne Elemente durch filigranes Dekor noch hervorgehoben wurden. Es sind gerade diese unterschiedlichen Wirkungen des Blatt- und des Pinselgoldes im Zusammenspiel mit den Farben, die den Reiz der Miniaturen ausmachen.

Auffallend ist auch, daß die Malereien im „Buch der Jagd“ an Wandteppiche erinnern, die in dieser Zeit in großer Zahl die Schlösser schmückten. Wie in den Tapisserien ist der Horizont der Miniaturen stets weit nach oben gelegt. In den so entstandenen großzügigen Raum wurden die Menschen- und Tiergruppen neben- und hintereinander gesetzt. Auch wendeten die Künstler aus dem Atelier des Bedford-Meisters beim Malen der dekorativen Bäume und Pflanzen eine besondere Technik an. Die plastische Darstellung wird nicht durch graphische Mittel erreicht, sondern allein durch eine geschickte Abstufung der Grüntöne – eine Technik, die aus der Webkunst der Tapisserien stammt.

Nicht minder fasziniert die Genauigkeit, mit der die Künstler die Naturbeschreibungen des Textes im Bild umgesetzt haben. Immer wieder faszinieren neue Einzelheiten von erstaunlicher Realität den Betrachter. Im ersten Teil seines Buches erzählt Gaston Phoebus über die Tiere in Feld und Wald, die das Interesse des leidenschaftlichen Jägers wecken. Dabei spricht er nur von den Tieren, die er selbst zu Hause in den Pyrenäen oder auf einer seiner Reisen beobachtet hat und die er infolge-dessen korrekt beschreiben kann. Alles Fabel- und Sagenhafte, wie es uns noch im „Buch der Wunder“ von Marco Polo oder in den mittelalterlichen Bestiarien begegnet, hat keinen Platz in seinem Buch. Nur was er durch eigene Erfahrung bestätigen kann, findet Eingang. So lesen wir Wissenswertes über Hirsch und Steinbock, Bär und Wolf. Von insgesamt 15 Tiergattungen beschreibt Gaston Phoebus ausführlich den Lebensraum, das Verhalten und Aussehen. In der Handschrift Philipps des Kühnen ist jedem Tier eine eigene, reichgeschmückte, aber auch naturwissenschaftlich präzise, große Miniatur gewidmet.

Das zweite Buch widmete Gaston Phoebus seinen treuesten Begleitern: den Hunden. In gefühlvollen Worten spricht er von ihrer Treue, Ergebenheit und Ehrlichkeit, ja, er hält sie „für die edelsten und klügsten Tiere, die Gott erschaffen hat“. Die Künstler aus der Bedford-Werkstatt haben die Worte des Grafen in einfühlsame Bilder umgesetzt: Sie zeigen die Hunde nicht nur naturgetreu, jede Darstellung ist zudem mit zahlreichen liebevollen Details ausgeschmückt: Da wird einem tapfer wartenden Hund fast zärtlich ein schmerzender Dorn aus der Pfote gezogen, ein anderer schläft zusammengerollt mit sanftem Gesichtsausdruck. Ein ganz besonderes Augenmerk legt Phoebus auf die Pflege und die Haltung der Hunde. Selbst der Beschaffenheit des Hundezwingers und der Notwendigkeit des Auslaufs widmet er sich in aller Ausführlichkeit.

Erst der dritte und der vierte Teil des Buches widmen sich der eigentlichen Jagd. Als edelste und aufregendste Form der Jagd beschreibt Phoebus die Parforcejagd mit Hunden. Ausführlich geht er auch auf die Jagd mit Armbrust und Bogen ein. Nicht unerwähnt läßt Phoebus, wie mit den erlegten Tieren zu verfahren ist: So beschreibt er detailliert das Zerlegen von Hirsch, Reh und Wildschwein. Im vierten Teil beschreibt Gaston Phoebus die verschiedenen Tierfallen. Allerdings tut er dies nur „ungern“, denn das Fangen eines Tieres mit der Hilfe von Jagdgeräten lehnt er eigentlich ab und erwähnt diese Methode nur um der Gesamtschau willen. Im Gegensatz zur Parforcejagd, bei der die Tiere „mit edler und gütiger Gesinnung“ erlegt werden, ist die Jagd mit Fallen für Phoebus schlicht „häßlich“.

Es besteht kein Zweifel daran, daß der Graf die verschiedenen Aufgaben innerhalb der Jagdgesellschaft aus eigener, jahrelanger Erfahrung gekannt hat. Die körperlichen Anstrengungen der Jagd an der frischen Luft hielt Phoebus für die beste Medizin; schließlich sei der Müßiggang aller Laster Anfang. Der Jäger stehe früh auf und lege sich, ermattet von einem langen Tag auf der Pirsch, auch früh schlafen, noch bevor sein Geist von schlechten Gedanken heimgesucht werden könne.

Literatur Die faksimilierte Fassung des „Buchs der Jagd“ von Gaston Phoebus erscheint in einer limitierten Auflage von 980 handnumerierten Exemplaren als originalgetreue Faksimile-Edition. Yves Christe (Genf), William Voelkle (New York) und François Avril (Paris) stellen im Kommentarband eine umfassende historische und kunsthistorische Analyse des Werks vor. Der Text ist vollständig transkribiert und ins Deutsche übersetzt. Neben dem Gesamtfaksimile ist auch eine Dokumentationsmappe mit zwei Original-Faksimileblättern und einer reichillustrierten Informationsbroschüre erhältlich.

Faksimile Verlag Luzern Maihofstraße 25 6000 Luzern (CH)

http://www.faksimile.ch

Uwe A. Oster

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