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Archäologie in Nordafrika

Bis zuletzt umgebaut und erneuert

Als im 19. Jahrhundert Archäologen im Auftrag der französischen Protektoratsverwaltung mit Grabungen im Bereich des heutigen Tunesien begannen, interessierten sie sich ausschließlich für die Hinterlassenschaften der römischen Leitkultur. Die punische und numidische Vergangenheit des Landes rückte erst in den 1970er Jahren verstärkt in den Mittelpunkt des archäologischen Interesses.

Karthago und Troia sind die großen archäologischen Mythen: real und gedanklich zusammengemischt aus Antike, Mittelalter und Wissenschaft, vollgepackt mit subjektiven Empfindungen – unerschöpfliche Reservoirs für Beispiele menschlichen Verhaltens, für Mut, Ehre, Tatkraft, für Machtstreben, Stolz und Scheitern – kurz: Probleme, die auch die moderne Archäologie trotz vielfältiger schriftlicher Überlieferung und zahlreicher Ausgrabungen nicht lösen kann. Die lebendigen Berichte griechischer und römischer Geschichtsschreiber und die trockenen Grabungsbefunde klaffen zu sehr auseinander. Für die antiken Historiker und ihre Leserschaft waren fintenreiche Kriegszüge, geniale Feldherren, selbst Intrigen im politischen Kampf innerhalb einer Stadt interessant und nicht Scherben, Baubefunde und Schichtabfolgen. Ähnliches Interesse an Siegen und Niederlagen hatten wohl auch die Mönche im Mittelalter, die ebendiese Geschichten aus der Geschichte immer wieder abschrieben und so für uns lesbar machten. Aber auch unsere geschichtlichen Schulbücher strotzen noch von Eroberungen und Schlachten – „333 Issos Keilerei“ ist für viele die einzige Erinnerung an Alexander den Großen. Pech für die Archäologen, denn die Fußabdrücke von Hannibals Elefanten wird man nie finden, und Schlachtfelder sind für die Archäologen eher unergiebig.

Die griechischen und römischen Historiker beschreiben ihre Welt durchaus parteiisch. Auch das ist ja keine Ausnahme – es fällt aber hier besonders ins Gewicht, weil es praktisch keine Geschichtsschreibung aus karthagischer Sicht gibt, nur Spuren davon sind von antiken Autoren zitiert. Hätten wir eine karthagische Überlieferung, sähe das Bild sicherlich anders aus – da es sie aber nicht gibt, ist Vorsicht angesagt. Schon Homer erweckt bei den Zuhörern seiner „Odyssee“ nicht gerade Sympa?thie für die Phöniker. Auch bei den Propheten Jeremia und Jesaja im Alten Testament stehen heftige böse Worte über die phönikischen Nachbarn der Israeliten, die Gründer des Handelsstützpunktes Karthago.

Historisch konzentrieren sich die Berichte auf die jahrzehntelangen Auseinandersetzungen zwischen Griechen und Karthagern auf Sizilien und die zahllosen Beschreibungen des wechselnden Verhältnisses zwischen Rom und Karthago. Höhepunkt sind die Punischen Kriege und die Intrigenpolitik gegen das Königreich der Numider. Mit der Dokumentation des Endes der politischen Selbständigkeit in Nordafrika und der Einrichtung römischer Provinzen erliegt das Interesse der antiken Historiker an Karthago und seinem Hinterland. Nun kommen die neuzeitlichen Archäologen auf den Plan.

Der Großteil Nordafrikas wird französische Kolonie, und am Ende des 19. Jahrhunderts beginnen auch dort Ausgrabungen nach dem gleichen Schema wie in Griechenland: die traditionsreichen Orte zuerst. Der Vergleich ist gar nicht so schlecht, denn ging es dort vorderhand darum, das klassische Bild der Philhellenen und Philologen wiederzufinden, wollten die französischen Archäologen in Nordafrika die römische Präsenz und deren Hochkultur nachweisen und damit gewissermaßen die Besatzung legitimieren. Politisch war das Ziel der französischen Ausgrabungen in Tunesien und Algerien die Dokumentation der römischen bzw. französischen Leitkultur. Wissenschaftlich hatte das zur Folge, daß die nachrömischen Spuren ohne Dokumentation weggeschaufelt und vorrömische Befunde nicht untersucht wurden. Mit dem Pflaster auf dem Forum und dem Mosaik in einem Stadthaus war der Endpunkt der archäologischen Untersuchung erreicht.

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So ist eine unglückliche Koalition entstanden zwischen einer nach Griechisch-Sizilien und Rom orientierten Geschichtsschreibung und einer vielleicht damals gar nicht wahrgenommenen Einbindung der Archäologie in eine gegenwärtige Politik. Tatsache ist aber, daß vorrömische Siedlungen im weiteren Umfeld Karthagos nicht auf dem Programm standen – mit wenigen Ausnahmen wie Kerkouane am Kap Bon, einer punischen Gründung des 6. Jahrhunderts v. Chr., zerstört am Ende des 4. Jahrhunderts v. Chr. und Vorzeigebeispiel punischer Stadtarchitektur. Das mag erklärbar sein durch die Benennung eines Teils der eingeborenen Bevölkerung als „Numider“ (Nomaden), denen man eine städtische Kultur nicht zutraute.

Prof. Dr. Gerhard Hiesel

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