Nikolaus von Kues und Verena von Stuben Bischof contra Äbtissin - wissenschaft.de
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Nikolaus von Kues und Verena von Stuben

Bischof contra Äbtissin

Nach seiner Ernennung zum Bischof von Brixen 1450 stieß Nikolaus von Kues mit seiner reformorientierten Politik vielfach auf Ablehnung durch den heimischen Adel und Klerus. Zu seiner ärgsten Widersacherin wurde Verena von Stuben, die Äbtissin des Klosters Sonnenburg im Pustertal.

Hoch über dem Zusammenfluss von Rienz und Gader gelegen, bildet die Sonnenburg einen markanten Blickfang im Südtiroler Pustertal. Kaum vorstellbar, dass diese Idylle einmal im Zentrum einer kirchenpolitischen Auseinandersetzung stand, die Kreise bis nach Rom und in die Innsbrucker Hofburg zog. Der Streit zog sich über Jahre – einen wirklichen Gewinner sollte es am Ende nicht geben.

Das Kloster Sonnenburg wurde im Jahr 1039 von einem Adligen namens Volkhold gegründet, der aus der Familie der Gaugrafen von Lurn und Pustertal stammte. Dabei handelte es sich tatsächlich um die Umwandlung der Burg des Adligen in ein Kloster. Dies geschah im Mittelalter gar nicht selten, vor allem, wenn es keine direkten Nachkommen gab. Die Gründung des Klosters Sonnenburg ist zudem im Zeichen der Kirchenreform des 11. Jahrhunderts zu sehen, die auch eine verstärkte Laienfrömmigkeit ausgelöst hatte.

Die Sonnenburg war von Anfang an ein Frauenkloster; Volkhold selbst lebte von 1039 bis zu seinem Tod 1041 als Einsiedler in einer Hütte unterhalb des Klosters. Er wird in der katholischen Kirche als Heiliger verehrt. Erste Äbtissin des Klosters war Volkholds Nichte Wiburg. Auch in der Folge stammten bis in das 15. Jahrhundert hinein alle Äbtissinnen aus adligen, viele sogar aus gräflichen Familien, und das Kloster wurde zu einer Versorgungsanstalt für Töchter aus den vornehmen Familien des Landes.

Die Geschichte des Mönchtums ist eine Geschichte immer wiederkehrender Reformbemühungen mit dem Ziel, die Mönche und Nonnen wieder auf den Wortlaut der Regel des heiligen Benedikt zu verpflichten. Adlige, die ins Kloster ein‧traten, waren häufig nicht bereit, auf einen adäquaten Lebensstil zu verzichten. Dabei waren es vor allem die strenge Klausur und die zahlreichen Speisevorschriften mit über 140 Fastentagen im Jahr, die zu Auseinandersetzungen führten. Dabei war man durchaus findig, um Abweichungen mit der Regel in Einklang zu bringen. Den Genuss vierfüßiger Tiere hatte der heilige Benedikt eigentlich nur den Kranken erlaubt. Auch das war besonders für die Adligen ein Problem, da der Genuss von Fleisch ein Standessymbol darstellte. Ein Schlupfloch bot Geflügel, und bisweilen wurde sogar ein Tier wie der Biber zu den Fischen gezählt (deren Genuss erlaubt war), da er doch einen schuppigen Schwanz habe.

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Im März 1450 wählte das Domkapitel von Brixen Leonhard Wismayr zum neuen Bischof. Wismayr war bis dahin Kanzler Sigismunds des Münzreichen, Herzog von Österreich und Graf von Tirol, gewesen und die Wahl daher ganz in dessen Sinn. Und auch Verena von Stuben, die seit 1440 Äbtissin auf der Sonnenburg war, dürfte damit zufrieden gewesen sein. Denn es stand nicht zu erwarten, dass der neue Bischof einen besonderen Reformeifer an den Tag legen oder in das Wirtschaftsleben der Abtei eingreifen würde. Oder, um es mit einem Anglizismus zu umschreiben: Es hätte weiter business as usual gegeben. Doch Herzog und Äbtissin hatten die Rechnung ohne Papst Nikolaus V. gemacht. Der Pontifex erkannte die Wahl Wismayrs nicht an und ernannte am 23. März 1450 seinen Kurienkardinal Nikolaus von Kues zum neuen Bischof von Brixen.

Nun gibt es in der Geschichte selten Schwarz und Weiß, und auch Nikolaus von Kues war nicht nur ein großer Humanist, einer der gebildetsten Männer seiner Zeit und ein engagierter Kirchenreformer, sondern eben auch ein eifriger Pfründensammler und – wenn man es negativ interpretieren will – ein opportunistischer Wendehals. Nikolaus gehörte zunächst zu den sogenannten Konziliaristen, die für einen Vorrang des Konzils vor dem Papst eintraten. Diese Meinung vertrat er noch 1432 auf dem Konzil von Basel. Doch vier Jahre später wechselte er die Seiten und machte in der Folge als päpstlicher Parteigänger eine steile Karriere. 1437 beauftragte ihn Papst Eugen IV. damit, in Konstantinopel über eine mögliche „Wiedervereinigung“ von Ost- und Westkirche zu verhandeln, 1446 wurde er zum päpstlichen Legaten für Deutschland ernannt, 1448 als damals einziger Deutscher in den exklusiven Kreis der Kardinäle aufgenommen, 1450 folgte dann die Ernennung zum Bischof von Brixen.

Der Seitenwechsel des Nikolaus von Kues war jedoch nicht nur in der Hoffnung auf eine kirchliche Karriere begründet. Was den Mann aus Kues an der Mosel sein Leben lang umtrieb, war die aus seiner Sicht dringend notwendige Reform der Kirche. Und immer weniger glaubte er daran, dass diese durch ein Konzil, durch einen Konsens der Mehrheit, erreicht werden konnte. Ließen sich solche Reformen nicht besser durchsetzen, wenn dahinter eine einzige Stimme, eine einzige Macht stand: die des Papstes? Am Ende seines Lebens glaubte Nikolaus von Kues aber auch daran nicht mehr. Einmal brach die ganze Verbitterung darüber aus ihm heraus, als er Papst Pius II., ein hochgebildeter Humanist wie er selbst, sagte: „Wenn du die Wahrheit hören kannst. Nichts von dem, was hier in der Kurie geschieht, gefällt mir. Alles ist korrumpiert. Niemand kommt in ausreichendem Maß seinem Amt nach. Weder du noch die Kardinäle kümmern sich um die Kirche. Was gelten die Vorschriften des Kirchenrechts? Wo werden die Gesetze geachtet? Wo gibt es Sorgfalt in der Liturgie? Alle haben nichts als Karriere und Habsucht im Sinn. Spreche ich einmal im Konsistorium [Vollversammlung der Kardinäle] von Reform, werde ich ausgelacht. Ich bin hier überflüssig. Gestatte mir, dass ich gehe. Ich kann dieses Leben hier nicht ertragen. Ich bin alt und brauche meine Ruhe. Wenn ich für das Gemeinwesen nicht leben kann, dann will ich für mich leben.“ Zu dieser Verbitterung hatten aber nicht nur die Zustände an der Kurie beigetragen, sondern ebenso die heftigen Widerstände, denen er sich nach seiner Wahl zum Bischof von Brixen gegenübersah.

Im Mai 1452 verpflichtete der neue Bischof alle Klöster auf die strikte Beachtung der Regel und eine strenge Klausur. Auf der Sonnenburg ignorierte Verena von Stuben die Anweisung des neuen Bischofs und ging ihrerseits in die Offensive, indem sie Herzog Sigismund die Vogtei übertrug. Damit war der Landesherr für den Schutz des Klosters und für die Wahrnehmung von dessen weltlichen Interessen zuständig. Verena selbst empfand dies als reine Abwehrmaßnahme, verdächtigte sie doch den Kardinal, selbst wirtschaftliche Inter-essen zu verfolgen. Ganz falsch lag die Äbtissin nicht, beanspruchte doch auch Nikolaus von Kues als Bischof die Vogteirechte über das Kloster.

Und zu reformieren gab es in ihrem Kloster aus Verenas Sicht ohnehin nichts. Weshalb sollten ihre Güter und ihre Pracht auf einmal unvereinbar mit dem geistlichen Amt sein? Hatten nicht alle ihre Vorgängerinnen diese Privilegien mit dem Segen der Kirche besessen? Und die Kirche konnte doch nicht geirrt haben. Nikolaus von Kues ließ sich davon nicht beirren und ordnete eine Visitation des Klosters an – wenn man so will eine offizielle Bestandsaufnahme der Verhältnisse und der Lebensweise auf der Sonnenburg. Doch als die Visitatoren im September 1452 zum ersten Mal an der Klosterpforte anklopften, wurden sie zwar von der Äbtissin empfangen, doch gleich wieder weggeschickt, ohne dass sie ihrem Auftrag hätten nachkommen können. Im Januar 1453 gelang es dann dem Bischof selbst, zusammen mit mehreren Benediktineräbten eine Visitation durchzuführen. In der Folge scheiterten alle Versuche Verenas, die vom Bischof angestrebte Reform durch Eingaben in Rom abzuwenden. Nikolaus von Kues hatte wesentlich bessere Verbindungen zur Kurie als die Äbtissin, die letztlich nur eine regionale Größe war.

Doch trotz aller Rückschläge widersetzte sich Verena von Stuben mit Rückendeckung ihres Konvents weiterhin beharrlich allen Reformversuchen. Die adligen Nonnen wollten an ihrer gewohnten Lebensweise nichts ändern. Und sie hatten weiter die Unterstützung des Landesherrn. Dessen nicht minder erbitterte Gegnerschaft hatte sich Nikolaus von Kues dadurch zugezogen, dass er Sigismund gar nicht als solchen anerkannte: „Staunen muss man über die Anmaßung dieses Herzogs, der Landesfürst auch über Brixen sein will. Gewiss nicht als Herzog von Österreich, denn die Diözese Brixen liegt nicht in Österreich. Auch nicht als Graf von Tirol, denn der Graf von Tirol ist so wenig Landesfürst des Bistums Brixen als des Bistums Chur, in welchem Tirol liegt. Die Grafschaft Tirol ist kein Fürstentum des Reichs, da sie ein Lehen eines Reichsfürsten, des Fürsten von Chur, ist.“ Und Brixen selbst war nach der Auffassung des Bischofs ein „freies Hochstift“, dessen Rechte er nicht unterlassen werde zu vertei‧digen. Doch seit dem 12. Jahrhundert waren die Grafen von Tirol Vögte des Hochstifts, das mit Ausnahme der Bischofsstadt und deren Umgebung de facto zu ihrem Herrschaftsgebiet zählte. Nikolaus störte den Herzog beim weiteren Ausbau seiner Landeshoheit. Mit einem schwachen einheimischen Bischof wie Wilsmayr hätte Sigismund leichtes Spiel gehabt, umso mehr musste ihn die Wahl des mächtigen Kardinals gestört haben. Doch Nikolaus von Kues kämpfte langfristig auf verlorenem Posten, der Ausbau der weltlichen Landesherrschaft war schon viel zu weit vorangeschritten, um die Uhr noch einmal zurückdrehen zu können.

Gegen die widerspenstige Äbtissin des Klosters Sonnenburg griff der Bischof schließlich zum Äußersten: Zuerst verhängte er im April 1455 den Kirchenbann über sie, und als das noch immer nichts half, im September 1455 das Interdikt über das ganze Kloster; damit waren dort alle gottesdienstlichen Handlungen untersagt. Im April 1456 setzte der Bischof Afra von Velseck als Verweserin auf der Sonnenburg ein. Wenn Nikolaus aber geglaubt hatte, dass Verena nun klein beigeben würde, hatte er sich getäuscht. Sie sicherte sich erneut die Unterstützung Herzog Sigismunds, mit dessen Hilfe Afra von Velseck schon nach wenigen Wochen wieder vertrieben wurde – und Verena feierte eine triumphale Rückkehr. Der Erfolg war jedoch nur von kurzer Dauer. Herzog Sigismund war an keinem dauernden Streit mit Rom gelegen. In einem geschickten Schachzug bewegte er Verena zum Rücktritt als Äbtissin; an ihre Stelle trat Barbara von Schöndorf, eine bayerische Adlige, die der Herzog selbst vorgeschlagen hatte. Gleichzeitig setzte eine beispiellose publizistische Hetzjagd gegen Nikolaus von Kues ein, der sogar um sein Leben fürchtete. Eine zusätzliche Angriffsfläche hatte der Bischof seinen Gegnern selbst geboten, als er einen Neffen zum Domherrn in Brixen ernannte und dadurch das dortige Kapitel vollends gegen sich aufbrachte. Eine vorübergehende Zuflucht fand Nikolaus auf der Burg Andraz am Fuß des Falzarego-Passes.

Im Sommer 1458 verließ Nikolaus von Kues sein Bistum und kehrte an die Kurie zurück. Sein Versuch der Rückkehr 1460 endete damit, dass er auf der Burg Bruneck von Herzog Sigismund belagert und schließlich sogar gefangen genommen wurde. Unter Druck unterzeichnete der Bischof Zugeständnisse, die er jedoch nach seiner Freilassung sofort widerrief. Papst Pius II. unterstützte seinen Freund nach Kräften, Herzog Sigismund und die Nonnen des Klosters Sonnenburg wurden exkommuniziert. Doch an den realen Machtverhältnissen vor Ort änderte sich nichts. De jure blieb Nikolaus Bischof von Brixen, doch kehrte er selbst wieder nach Rom zurück und musste die Geschäfte einem Amtsverweser überlassen. An seiner Überzeugung hatten alle Rückschläge nichts ändern können: „Die Brixner Kirche ist die Herrin des Herzogtums und Sigismund ihr Vasall“, beharrte er 1462.

Am 25. August 1464 kam es zu einem Ausgleich zwischen der Kurie und dem Herzog, der Nikolaus vielleicht sogar eine Rückkehr nach Brixen ermöglicht hätte. Doch der Kardinal war zwei Wochen zuvor im umbrischen Todi gestorben. Im Auftrag des Papstes hatte er sich in Mittelitalien um eine verlorene Schar von Kreuzrittern gekümmert, die (vergeblich) darauf wartete, sich in Ancona einschiffen und gegen die Türken in den Krieg ziehen zu können. Von einer Wiedereroberung Konstantinopels konnte erst gar keine Rede sein..

Seine große Rivalin Verena von Stuben taucht 1465 letztmals in den Quellen auf. Darin versuchte der Konvent des Klosters Sonnenburg im Einvernehmen mit der Amtsverweserin Barbara von Schöndorf den neuen Bischof von Brixen, Georg Golser, dazu zu bewegen, Verena wieder in ihre Rechte als Äbtissin einzusetzen. Dazu kam es nicht, aber offensichtlich wurde der streitbaren Klosterfrau gestattet, ihre letzten Lebensjahre auf der Sonnenburg zu verbringen.

Obwohl Verenas Familie ursprünglich aus Schwaben stammte, war sie in Tirol als Einheimische empfunden worden, während Nikolaus von Kues stets der „landfremde Eindringling“ blieb. In seiner Verbitterung bezeichnete der Kardinal seine Rivalin einmal als „Jezabel von Sonnenburg“ – ein Zeichen dafür, wie tief dieser Stachel in ihm saß, denn Jezabel, die Frau des biblischen Königs Ahab, gehört zu den am negativsten besetzten Gestalten des Alten Testaments, versuchte sie doch, das Volk Israel vom Glauben an Jahwe abzubringen.

Vom Kloster zum Schlosshotel Das Benediktinerinnenkloster Sonnenburg wurde 1785 durch Kaiser Joseph II. aufgehoben. In der Folge dienten die Abteigebäude unter anderem als Militärhospital und als Armenhaus. Lange drohte die in ihrer Bausubstanz bedeutende Klosteranlage zu verfallen. Doch dann kam die Rettung durch den Tourismus: Seit 1974 beherbergt die Sonnenburg ein behutsam in die altehrwürdigen Mauern integriertes, komfortables Schlosshotel. Nach einer grundlegenden Sanierung wurde das Hotel zum Jahresbeginn 2011 wiedereröffnet. Ein besonderes Kleinod ist der an der Südseite der Sonnenburg unterhalb der Ringmauer wiederhergestellte Apothekergarten der Äbtissinnen.

Hotel Schloss Sonnenburg, I-39030 St. Lorenzen (Südtirol) http://www.sonnenburg.com

Literatur: Karl Knötig, Die Sonnenburg im Pustertal. Bozen 1985. Karl Knötig, Sonnenburg. 4000 Jahre von der Steinzeitsiedlung zur heutigen Nobelherberge. Wien 2004. Georg Pick, Das Herz des Philosophen. Leben und Denken des Kardinals Nikolaus von Kues. Frankfurt am Main 2001. Kurt Flasch, Nikolaus von Kues in seiner Zeit. Stuttgart 2007.

Zur Geschichte des Mönchtums: Heike Drechsler/Uwe A. Oster, Das Erbe der Klöster. Geschichte und Gegenwart eines anderen Lebens. Frreiburg im Breisgau 2010.

Uwe A. Oster

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