Die Geschichte der Etrusker Blütezeit und Niedergang eines rätselhaften Volkes - wissenschaft.de
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Die Geschichte der Etrusker

Blütezeit und Niedergang eines rätselhaften Volkes

Sie schufen die erste Hochkultur auf der italienischen Halbinsel, trieben Fernhandel und zivilisierten schließlich das frühe Rom – dem sie dann jedoch unterlagen und in dessen Gesellschaft sie aufgingen: Die Etrusker geben das Rätsel ihrer Geschichte nur langsam preis.

Von den Etruskern selbst sind uns kaum schriftliche Zeugnisse ihrer Geschichte überliefert. Das beruht vor allem darauf, daß ihre Kultur seit dem 3. Jahrhundert v. Chr. allmählich durch die römische überlagert wurde und ihre Sprache mit der endgültigen Aufnahme Etruriens in den römischen Staatsverband im Jahr 90 v. Chr. erlosch. Hingegen ist die archäologische Überlieferung so gut, daß sich ein zunehmend dichteres Bild der etruskischen Kultur ergibt. Hinzu kommen zahlreiche Hinweise bei griechischen und römischen Autoren, in denen die Etrusker aber meist eine untergeordnete Rolle spielen; denn in der Regel wurden die Etrusker betreffende Ereignisse nur dann überliefert, wenn sie einen direkten Bezug zu Rom hatten (eine Ausnahme bildeten etwa jene zehn „Bücher“, genauer: Buchrollen, über die Etrusker, die Kaiser Claudius verfaßte, die aber nicht erhalten sind). Unserem Wissensdrang kommt aber zugute, daß die Etrusker zwischen dem 8. und dem 4. Jahrhundert v. Chr. die wichtigste politische und kulturelle Macht Mittelitaliens waren und daß es zahlreiche Berührungen mit der griechischen und römischen Welt gab. Für die Griechen waren sie die wichtigsten Handelspartner im westlichen Mittelmeerraum; die Römer blieben sich stets der Tatsache bewußt, daß sie wesentliche Elemente ihrer Kultur den Etruskern verdankten.

Vor allem aber löste der Umstand, daß sie anders waren als ihre Nachbarn, bereits in der Antike eine Diskussion aus und regte zur Beschäftigung mit ihnen an: Ihre Sprache war in Italien isoliert, und es hieß, sie seien aus Kleinasien eingewandert. Diese These vertrat etwa der griechische Autor Herodot im 5. Jahrhundert v. Chr., der behauptete, die Etrusker seien als Folge einer Hungersnot in ihrer Urheimat Lydien nach Italien gekommen. Der augusteische Autor Dionysios von Halikarnassos hielt sie dagegen für ein Volk, das sich in Mittelitalien herausgebildet habe.

Tatsächlich liegen die Anfänge der Etrusker, wie die der meisten Völker, im dunkeln. Ein Volk erscheint nicht als „fertiges Produkt“, sondern ist das Ergebnis eines langen, meist Jahrhunderte währenden Entwicklungsprozesses. Heute neigt die Forschung jedenfalls eher dem Ansatz des Dionysios zu. Für diese – beim historisch interessierten Publikum weniger beliebte – These sprechen vor allem zwei Gründe: Zum einen lassen sich die tatsächlich vorhandenen östlichen Elemente in Kultur und Sprache der Etrusker nicht mit Befunden in Lydien verbinden, sondern sind allgemein ostmediterraner Natur; zum anderen zeigen neuere Ausgrabungen an etruskischen Siedlungsplätzen, daß es zumindest seit dem Beginn des 1. Jahrtausends keinen kulturellen Bruch gab, der auf eine geschlossene Einwanderung schließen ließe. Sollte eine solche stattgefunden haben, müßte sie in prähistorischer Zeit erfolgt sein, doch wissen wir darüber zuwenig. Gesichert ist hingegen: Die Etrusker treten seit dem 9./8. Jahrhundert in Mittelitalien als fertige kulturelle und – soweit die Sprachdenkmäler in dieser Weise gedeutet werden dürfen – auch als ethnisch geschlossene Einheit auf.

Die Kultur des westlichen Mittelitalien war damals noch weitgehend prähistorisch geprägt (die Forschung bezeichnet sie nach einem Fundort bei Bologna als Villanova-Zeit). In die Mitte des 8. Jahrhunderts fällt das wichtige Ereignis der griechischen Kolonisation Unteritaliens und Siziliens, von der Etrurien in zweifacher Hinsicht berührt wurde: Zum einen waren die Etrusker in Kampanien direkte Nachbarn griechischer Kolonien (mit Pithekussai und Kyme bildeten sich dort im 8. Jahrhundert die älte-sten griechischen Siedlungen im italischen Raum heraus), zum anderen richteten sich die Handelsinteressen der Kolonisten auf die reichen Mineralvorkommen Mittel- und Nordetruriens, vor allem von Eisen, das in jener Zeit so kostbar wie Gold war.

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Die Etrusker – oder Tyrrhener, wie sie von den Griechen genannt wurden – haben sich an diese neue geo- und handelspolitische Situation wohl schnell angepaßt. Sie bauten Schiffe, die nicht nur dem Handel dienten, sondern auch kampftüchtig waren; mit ihnen sollen sie die Meere als „Piraten“ unsicher gemacht haben. Für das 7. Jahrhundert steht zweifelsfrei fest, daß die inzwischen zu städtischen Zentren erblühten Küstensiedlungen wie Populonia, Vetulonia, Vulci, Tarquinia und Caere/Cerveteri, aber auch das Rom unmittelbar benachbarte Veji nicht nur vom internationalen Seehandel profitierten, sondern ihn als aktive Handelspartner wesentlich mitbestimmten. Durch die Einverleibung ihres Hinterlands hatten sie größere Territorien geschaffen, Veji und Cerveteri hatten sich sogar nach Kampanien ausgedehnt und dort schon im 8. Jahrhundert Siedlungen (etwa Capua) gegründet. Eine zweite Kolonisationswelle reichte im 6. Jahrhundert über den Apennin bis in die Po-Ebene, wo zahlreiche Siedlungen mit dem Zentrum in Mutina/Modena entstanden. Archäologische Funde an der ligurischen Küste Südfrankreichs lassen vermuten, daß die Gründung des griechischen Massilia (Marseille, um 600) in einem Gebiet erfolgte, das bereits in engem Handelsaustausch mit Etrurien stand. Einige Forscher nehmen sogar an, daß die dem Etruskischen eng verwandte Sprache auf der Kleinasien vorgelagerten Insel Lemnos damit zu erklären sei, daß sich dort im 7. oder frühen 6. Jahrhundert „Tyrrhener“ angesiedelt hätten.

Zwischen dem etruskischen Kernland und Kampanien liegt Latium. Hier dominierten die Etrusker nicht nur kulturell, sondern besaßen zeitweise auch politisch die Oberherrschaft. Rom, der Hauptort der Latiner, geriet im späten 7. Jahrhundert unter die Herrschaft einer etruskischen Dynastie aus Tarquinia. Die Könige Tarquinius Priscus, Servius Tullius und Tarquinius Superbus sollen bis zu ihrem Sturz im Jahr 509/08 aus der mittelitalischen Kleinstadt ein urbanes Zentrum gemacht haben: mit einer fortschrittlichen Kanalisation (der Cloaca Maxima), einer ersten Ummauerung (der sogenannten Servanischen Mauer), monumentalen Bauten (etwa dem Circus Maximus und dem Tempel der Göttertrias Iupiter, Iuno und Minerva auf dem Kapitolshügel) sowie zahlreichen sonstigen kulturellen Neuerungen vor allem im Bereich der Amtsinsignien. Auch eine so charakteristisch römische Einrichtung wie der auf dem Kapitol beim IupiterTempel endende Triumphzug siegreicher Feldherren soll – und dies ist durchaus glaubhaft – aus Etrurien übernommen worden sein.

Das 6. Jahrhundert zeigt die etruskischen Stadtstaaten in größtem Wohlstand. Von Königen regiert, war die Gesellschaft in den Städten hierarchisch gegliedert mit Aristokraten, breiter Mittelschicht, Handwerkern, Bauern und Sklaven. Neben der weiterhin blühenden Metallverarbeitung und intensivem Seehandel profitierte die Bevölkerung vor allem von Viehzucht und Landwirtschaft, wobei die natürliche Fruchtbarkeit des Landes mit seinen großen Binnenseen durch ein fortschrittliches Bewässerungssystem ergänzt wurde…

Die Sprache der Etrusker Die etruskische Sprache ist auch heute noch ein Rätsel. Sie gehört weder zur indogermanischen Sprachfamilie, noch weist sie strukturelle Gemeinsamkeiten mit den Sprachen der benachbarten italischen Völker auf. Am ehesten finden sich Parallelen in Kleinasien, so auf der Insel Lemnos. Der Umstand, daß es sich bei den überlieferten etruskischen Inschriften meist um sehr kurze Texte handelt, erschwert eine Entschlüsselung beträchtlich; trotz neuerer Forschungen bereiten die Übersetzungen daher noch Probleme.

Die Entzifferung der etruskischen Schrift gestaltete sich dagegen relativ einfach, denn die Etrusker übernahmen Ende des 8. Jahrhunderts v. Chr. von den griechischen Kolonien in Unteritalien ein „westgriechisches“ (euböisches) Alphabet und paßten es den Lauten ihrer eigenen Sprache an. Die Inschriften sind meist von rechts nach links in einer zusammenhängenden Kette von Buchstaben geschrieben. Schon in der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts zeichnen sich Sprachunterschiede zwischen Nord- und Südetrurien ab, die sich etwa in der unterschiedlichen Schreibweise von Götternamen äußern. Bekannt ist auch eine Reihe von Bilinguen, zweisprachigen Texten, vor allem auf etruskisch und lateinisch. Sie liefern wichtige Hinweise auf die Romanisierung Etruriens.

Prof. Dr. Friedhelm Prayon

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