1848. Eine Finanzkrise und ihre Folgen „Condottierie der Geldzeit“ - wissenschaft.de
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1848. Eine Finanzkrise und ihre Folgen

„Condottierie der Geldzeit“

Die Frage, ob der Staat Großunternehmen, die durch eine Finanzkrise in ihrer Existenz bedroht sind, helfen soll, ist nicht erst mit der Globalisierung auf die politische Agenda gelangt. Ein frühes Beispiel, das bemerkenswerte Parallelen zur aktuellen Situation aufweist, bieten die Beratungen des Karlsruher Landtags wenige Wochen vor dem Ausbruch der Revolution von 1848.

Die drei größten badischen Unternehmen waren 1848 von der Schließung bedroht: die „Gesellschaft für Spinnerei und Weberei Ettlingen“ und die „Badische Gesellschaft für Zuckerfabrication“ in Waghäusel, die 1836 auf Initiative des Karlsruher Bankhauses „Salomon von Haber und Söhne“ als Aktiengesellschaften gegründet worden waren, sowie die „Maschinenfabrik Keßler“ in Karlsruhe, die 1837 mit einem Kredit ebenfalls des Bankhauses Haber aufgebaut worden war. Alle drei Unternehmen hatten zunächst prosperiert. Trotz ihrer Produktions- und Absatzerfolge blieb ihre finanzielle Lage kritisch. Dies lag vor allem an einer unzulänglichen Finanzplanung: Ihre Grundkapitalien waren zu knapp bemessen gewesen und große Teile der zur Wahrung der Liquidität vorgesehenen Kapitalreserven zur Aufstockung der Anlagevermö‧gen verwendet worden. So fehlte immer wieder Betriebskapital.

Die Ettlinger Spinnerei und Weberei litt dar-unter, dass sie eine zusätzliche Dampfmaschine anschaffen musste, weil die Leistung der zunächst installierten Wasserturbinen nicht ausreichte. Die Kosten hierfür ruinierten den ursprünglichen Finanzplan, so dass schon früh weitere Kredite aufgenommen werden mussten, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. Im Fall der Karlsruher Maschinenfabrik eröffnete die Konzentration auf die Produktion von Eisenbahn‧bedarf – 1841 lieferte Keßler seine erste Dampflokomotive aus – zwar günstige mittelfristige Entwicklungsperspektiven; kurzfristig kam der Betrieb jedoch mehrfach in Liquiditätsschwierigkeiten, weil die nötige Kapazitätsausweitung zur Reinvestition der Unternehmensgewinne zwang und keine die Liquidität dauerhaft sichernden Rücklagen gebildet werden konnten. Wie bei der Karlsruher Maschinenfabrik barg auch bei der Zuckerfabrik in Waghäusel das technische Innovationspotential betriebswirtschaftliche Risiken. Das Unternehmen stützte sich auf ein neues Verfahren, Zucker aus heimischen Zuckerrüben kostengünstiger als zuvor zu gewinnen. Die Prüfung des Verfahrens in einer Probefabrik verlief zufriedenstellend; in der Großproduktion zeigte sich dann jedoch, dass das Verfahren noch nicht ausgereift war. Zusätzliche Investitionen, enttäuschte Gewinnerwartungen und die Ausschüttung üppiger Dividenden an die Aktionäre führten zu einer hohen Verschuldung, obwohl sich das Unternehmen rasch eine gute Marktposition erobern konnte.

Da keine der drei Fabriken zu einer Liquiditätsverbesserung in der Lage war, blieben sie von kurzfristigen Krediten abhängig, die ihnen das Bankhaus Haber jeweils zur Verfügung stellte. Salomon von Haber war am Anfang des Jahrhunderts maßgeblich an der Finanzierung des Aufbaus und der Konsolidierung des badischen Staates nach den napoleonischen Kriegen beteiligt gewesen und hatte seinen Status als 1829 geadelter Hofbankier dazu genutzt, sein Bankhaus zu einem in regionaler Perspektive stattlichen Kreditunternehmen auszubauen. Seine Söhne hatten versucht, verschiedene neue Geschäftsfelder zu erschließen, und sich auch auf dem noch kleinen, aber rasch wachsenden industriellen Sektor engagiert. Dies war insofern ein riskantes Unterfangen, als das Karlsruher Bankhaus nicht über ausreichende Depositen verfügte, um die drei schnell expandierenden Industrieunternehmen problemlos mit Krediten zu versorgen. Vielmehr hatten Haber und Söhne darauf gehofft, ihrerseits durch die Zusammenarbeit mit den drei Fabriken zu wachsen, wenn diese ihre verfügbaren Gelder, die dann allerdings ausblieben, in Karlsruhe anlegen würden.

Die fragile Konstellation spitzte sich schließlich am Jahresende 1847 zu einer akuten Krise zu, als sich Kreditschwierigkeiten der Pariser Banken auf den Frankfurter Finanzmarkt auswirkten und das Bankhaus Haber zur Zahlungseinstellung gezwungen wurde. Diese Zahlungseinstellung bedrohte die drei Fabriken unmittelbar. Ihre Direktoren wandten sich daraufhin mit einem gemeinsamen Schreiben an die badische Regierung, von der sie eine bare Geldunterstützung in Höhe von 1,5 Millionen Gulden erbaten. Dieses Anliegen wollte die Regierung nicht ignorieren: Insgesamt waren mehr als 3500 Arbeitsplätze gefährdet. Hinzu kam, dass die Zuckerfabrik in Waghäusel die größte Abnehmerin für die regionale Zuckerrübenproduktion war und die Schließung der Fabrik somit auch erhebliche Auswirkungen auf den Agrarsektor gehabt hätte.

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Das badische Finanzministerium erstellte umgehend ein Gutachten, das eine direkte Staatsunterstützung der drei Unternehmen in Form einer Einmalzahlung ablehnte. Stattdessen schlug es eine staatliche Zinsgarantie für die Gläubigerforderungen vor, unter der Voraussetzung, dass ein Vergleich zwischen den Gläubigern und den drei Fabriken zustande käme. Einen detaillierten Vorschlag legte nach Prüfung der Bücher der Unternehmen Mitte Januar 1848 eine Ministerkommission vor, die einige Industrielle und Kaufleute als Experten hinzugezogen hatte. Sie sprach sich für die Umwandlung der Schulden in Teilschuldverschreibungen aus, die bei Zurückstellung von Dividendenzahlungen aus den künftigen Unternehmensgewinnen getilgt werden sollten. Der Staat sollte dafür eine 15-jährige Zinsgarantie übenehmen.

Da das Großherzogtum Baden, anders als die deutschen Großmächte Preußen und Österreich, kein absolutistisch regierter Staat war, sondern eine konstitutionelle Monarchie, konnte die Staatshilfe für die drei Fabriken nur im Licht der Öffentlichkeit und mit Zustimmung des Landtags wirksam werden, der in Anbetracht der erheblichen Kosten, die bei ungünstiger Entwicklung der Unternehmen über einen längeren Zeitraum auf die Staatskasse zukommen konnten, sein Budgetrecht geltend machte. Von der Ersten Kammer des Landtags, der Interessenvertretung des Adels und anderer Privilegierter, war in der Regel kein Widerstand gegen Pläne der Regierung zu erwarten, so dass sich das Augenmerk der Öffentlichkeit auf die Beratungen in der Zweiten Kammer richtete, der auf der Grundlage eines recht breiten Männerwahlrechts zusammengesetzten Volksvertretung, in der die gemäßigten Liberalen die stärkste Fraktion stellten…

Industriegeschichte im TECHNOSEUM Das TECHNOSEUM in Mannheim (bis 2010: Landesmuseum für Technik und Arbeit) gehört neben dem Deutschen Museum in München und dem Deutschen Technikmuseum in Berlin zu den größten Technikmuseen in Deutschland. Die Entwicklungen in Naturwissenschaften und Technik vom 18. Jahrhundert bis heute sowie der soziale und wirtschaftliche Wandel, den die Industrialisierung ausgelöst hat, sind die Themen der Dauerausstellung. Dabei werden Maschinen nicht einfach gezeigt, sondern in Ensembles inszeniert, Vorführtechniker erklären die Arbeitsabläufe.

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Prof. Dr. Frank Engehausen

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