Das doppelte Genie oder: „Wo ist Friedrich Schiller“? - wissenschaft.de
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Das doppelte Genie oder: „Wo ist Friedrich Schiller“?

Jahr für Jahr besuchen Tausende die Fürstengruft in Weimar und stehen in andächtigem Schweigen vor den Särgen Goethes und Schillers. Kaum einer weiß jedoch um das Rätsel, das die sterblichen Überreste Schillers umgibt. Denn seit beinahe 200 Jahren ist die Frage ungeklärt, ob in diesem Sarg tatsächlich die Gebeine des Marbacher Dichters ruhen.

Im Mai 1805 war Schillers Leichnam ohne großen Aufwand im Gewölbe der Weimarer Landeskasse auf dem Jakobusfriedhof beigesetzt worden. Als dort 1826 Raum für weitere Bestattungen geschaffen werden sollte, beschloß man, den Sarg Schillers bei dieser Gelegenheit zu entfernen und einem würdigeren Begräbnisort zuzuführen. Allein, der Zustand der Särge im Gewölbe war erbärmlich, man durchwühlte ein „Chaos von Moder und Fäulnis“, ohne das Skelett des großen Dichters ausfindig machen zu können.

Da bemühte sich der Weimarer Bürgermeister Carl Leberecht Schwabe auf eigene Faust um die sterblichen Überreste des Dichters. Trotz der desolaten Verhältnisse gelang es ihm und seinen Helfern, 23 Schädel zu bergen und in sein Haus zu schaffen. Dort fiel seine Wahl auf den nicht nur größten, sondern auch wohlgeformtesten und am besten erhaltenen Schädel mit voller Bezahnung. Er habe auch einen Vergleich mit der nach der Totenmaske Schillers gearbeiteten Büste des Bildhauers Ludwig Klauer angestellt, gab Schwabe an. So fragwürdig Schwabes Identifizierungsmethode aus heutiger Sicht scheinen mag, Großherzog Carl August und sein Minister Johann Wolfgang von Goethe waren zufrieden: Sie segneten Schwabes Eigenmächtigkeit nicht nur ab, sondern beauftragten auch einen Mitarbeiter des Pathologischen Instituts in Jena, die Knochen des übrigen Skeletts zu bergen. Die Kriterien, nach denen dabei wahrscheinlich vorge?gangen wurde, lassen heute vermuten, daß am 18. Dezember 1827 im großherzoglichen Grabgewölbe nicht nur die Überreste einer einzigen Person, sondern von mehreren Menschen in dem Schiller-Sarg beigesetzt wurden, der noch heute dort zu sehen ist.

Rund 60 Jahre blieb es dann still, bis 1883 die Ruhe dieser Gebeine massiv gestört wurde, als sich der Hallenser Anatom Hermann Welcker mit der Behauptung an die Öffentlichkeit wandte, der vermeintliche Schiller-Schädel gehöre in Wirklichkeit dem Amtsvorgänger Schwabes, dem Bürgermeister Carl Paulssen. Welcker hatte zahlreiche Abgüsse des Schädels mit verschiedenen Totenmasken Schillers verglichen und war zu dem Ergebnis gekommen, daß sich Schädel und Masken nicht miteinander in Einklang bringen ließen. Da an der Echtheit der Masken nicht gezweifelt wurde, mußte der Schädel falsch sein.

Diese Ungeheuerlichkeit blieb natürlich nicht lange unbeantwortet. Besonders der Bonner Anatom Hermann Schaaffhausen wandte sich mit verschiedenen, allerdings nicht sehr überzeugenden Argumenten gegen Welckers Behauptungen. Vielleicht lag es an der Autorität Schaaffhausens, der in den 1860er Jahren ja immerhin die Bedeutung der Funde aus dem Neandertal erkannt und richtig eingeordnet hatte, daß die Fachwelt keine Konsequenzen aus Welckers Ergeb?nissen zog.

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Weitere 30 Jahre mußten vergehen, bis sich 1911 der Tübinger Anatom August von Froriep mit einem besonderen Vorhaben nach Weimar aufmachte. Er war gewillt, das seit 1854 oberirdisch abgetragene, unterirdisch jedoch unangetastete Kassengewölbe auszu?graben. Bei der Freilegung des Gewölbes fand man die Überreste von mehr als 60 Menschen, die im Verlauf von rund 100 Jahren dort bestattet worden waren. Nach einem scheinbar sehr objektiven Auswahlprozeß, der aus heutiger anthropologischer Sicht jedoch mit zahlreichen Fragezeichen versehen werden muß, kam Froriep schließlich zu dem Ergebnis, daß der von ihm unter Nr. 34 geborgene Schädel derjenige Friedrich Schillers sei. Nachdem Froriep für diesen Schädel auch ein passendes Skelett zusammengetragen hatte – das seit 1914 ebenfalls in der Fürstengruft bestattet ist –, hatte die Welt plötzlich zwei Schiller. Doch so bedeutend der Dichter auch gewesen sein mag, auch ihm stand nur ein Skelett zu. Welches das rich?tige ist, diese Frage war durch die Untersuchungen Frorieps noch nicht beantwortet. Denn nach ihm kamen andere Forscher, die seiner Beweisführung keineswegs zustimmten und das Pendel wieder zugunsten der Schwabe?schen Wahl schwingen ließen.

Neben Richard Neuhauß, der schon 1913 wenig erfolgreich versucht hatte, die Zuverlässigkeit der Totenmasken in Zweifel zu ziehen, war es insbesondere 1950 der Berliner Zahnarzt Fritz Hildebrandt, der sich für den ursprünglich ausgewählten Schädel aussprach, da dieser zu den bekannten Zahnerkrankungen Schillers besser passe als der von Froriep geborgene.

Doch allen Kritikern, von Welcker angefangen bis zu Hildebrandt, war gemeinsam, daß sie ihre Messungen und Vergleiche stets mit den Abgüssen der Schädel durch?führen mußten. So sorgfältig diese auch angefertigt worden sein mochten, konnte doch niemand Fehler gänzlich ausschließen. Es war deshalb nicht verwunderlich, daß alle einhellig die Forderung vertraten, die Originale einer erneuten Untersuchung zu unterziehen.

Als sich 1959 Fäulnisspuren am Schiller-Sarg in der Für?stengruft zeigten, wollten die DDR-Behörden die Streitfrage ein für allemal klären lassen. 1961 baten sie den sowjetischen Anatomen Michail M. Gerassimow, beide Originalschädel zu untersuchen. Gerassimow und sein deutscher Mitarbeiter Herbert Ullrich rekonstruierten auf beiden Schädeln die zugehörigen Gesichter und stellten fest, daß der 1911 durch Froriep geborgene Schädel in Wirklichkeit einer Frau gehörte. Das auf dem anderen Schädel modellierte Gesicht ähnelte aber dem Schillerschen Konterfei auf so verblüffende Weise, daß nur ein Schluß blieb: Schwabe hatte die richtige Wahl getroffen. Damit hätte der Streit um den Schiller-Schädel beendet werden können. Doch leider versäumte es Gerassimow, die Details seiner Analysen der Wissenschaft vorzulegen, und so blieben zahllose Fragen offen, die zur Kritik einluden. Als Gerassimow im Juli 1970 starb, lagen lediglich einige wenige, allgemeine Äußerungen vor; der Forderung nach Offenlegung der morphologisch-anthropologischen Details hatte er nicht entsprochen. Auch Ullrich, der an der Berliner Humboldt-Universität lehrende Biologe, hält sich bedeckt. Dies ist um so bedauerlicher, als er der einzige noch lebende Forscher ist, der beide Schädel im Original untersucht hat. Als er 1991 der erstaunten Fachwelt mitteilte, daß in dem von ihm als der Schillers identifizierten Schädel sieben gefälschte Zähne stecken, führte dies eher zu weiterer Verwirrung als zur Klärung.

So wurde wieder eine Chance vertan, die Frage zu klären, wer wohl im Sarg neben Goethe zur letzten Ruhe gebettet worden war. Wundert es da, daß die Verantwortlichen der Stiftung Weimarer Klassik dem immer wieder geäußerten Wunsch nach einer erneuten, insbesondere molekulargenetischen Untersuchung beider Skelette bislang nicht entsprochen haben?

Klaus-Dieter Dollhopf

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