Die Züge der Wikinger Das grimmige Antlitz des Aufbruchs - wissenschaft.de
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Die Züge der Wikinger

Das grimmige Antlitz des Aufbruchs

Nicht nur küstennahe Klöster wie das northumbrische Lindisfarne wurden zum Ziel der Wikinger. Selbst Paris war vor den Nordmännern nicht sicher. Erst mit der Christianisierung der skandinavischen Herrscher endete die Zeit ihrer Züge, die jedoch nicht auf Gewalt und Plünderung reduziert werden kann.

In den Darstellungen christlicher Autoren erschien im späten 8. Jahrhundert ein neuer Schrecken am nördlichen Horizont. Die „Angelsächsische Chronik“ vermerkte zum Jahr 793, dass nach bedrohlichen Vorzeichen und einer schweren Hungersnot die „Gewalt der Heiden“ am 8. Juni die Kirche Gottes in Lindisfarne zerstört habe. Lindisfarne liegt auf einer kleinen Insel vor der Küste von Northumbrien (Nordengland). Aus Northumbrien stammte auch Alkuin, der berühmte Berater Karls des Großen. In einem Brief an die überlebenden Mönche sprach er den Überfall am Rand an: „Ihr lebt am Meer, von wo das Unheil zum ersten Mal hereinbrach“.

In Lindisfarne traten die Wikinger in das Gesichtsfeld des christlichen Europa. Der Überfall auf Lindisfarne war der Auftakt zu einer Reihe weiterer Überfälle, die in den kommenden Jahrzehnten die englischen und irischen Küsten und schließlich auch die Küsten des Frankenreichs heimsuchten. Die Angreifer waren Nordmänner oder Wikinger, Heiden aus Dänemark und Norwegen. Ihre „Besuche“ folgten einem Muster, das in der Lebensbeschreibung des heiligen Ansgar für das Jahr 845 in Hamburg so dargestellt wird: Zunächst „tauchten ganz unerwartet Seeräuber mit ihren Schiffen vor Hamburg auf und schlossen es ein. Die überraschende Plötzlichkeit dieses Ereignisses ließ keine Zeit … Nach der Einnahme plünderten die Feinde die Burg und den benachbarten Wik [Siedlung, Dorf] gründlich aus; am Abend waren sie erschienen; die Nacht, den folgenden Tag und noch eine Nacht blieben sie da. Nach gründlicher Plünderung … verschwanden sie wieder“.

In ähnlicher Weise hatten die dänischen Wikinger elf Jahre zuvor den Handelsplatz Dorestad am Rhein heimgesucht; das Kloster St. Wandrille in der Normandie und der Erzbischofssitz Rouen an der Seine waren zu Beginn der 840er Jahre Ziele von Wikingerfahrten gewesen, bald darauf traf es den flandrischen Handelsplatz Quentowic (842) und Nantes an der Mündung der Loire (843). Die Reihe ließe sich fortsetzen. Die Küsten und Flüsse des Frankenreichs, Englands und Irlands waren zu Routen geworden, auf denen dänische und norwegische Seeleute und Krieger Beutezüge unternahmen, die unter den Franken, Angelsachsen und Iren Besorgnis verbreiteten.

Das galt zumindest für jene Einrichtungen, die als lohnende Ziele ausgemacht werden konnten, für Klöster und Bischofssitze, an denen wertvolle liturgische Geräte aus Edelmetallen die Gefahr von Plünderungen erhöhten. Arme Bauern konnten das Pech haben, dass ihr bescheidener Hof auf der Route der Nordmänner lag, die sich während ihrer Reisen mit Lebensmitteln versorgen mussten. Eine längere Anfahrt war ein solcher Hof dagegen kaum wert. Es waren bevorzugt Klöster und Kirchen, die von diesen Angriffen betroffen waren, und die erschreckten Berichte der Mönche, die ihre brennende Abtei im düsteren Licht der anbrechenden Endzeit wahrnahmen, haben das Bild der Wikinger sehr lange geprägt. Es wäre allerdings irreführend, wenn man die Gewalt der Wikinger auf einen christlich-heidnischen Gegensatz zurückführen würde. Die betroffenen Christen dieser Zeit sahen sich noch nicht als „Christenheit“. Vielmehr sahen sie die Welt in Volksgruppen (gentes) eingeteilt, und wer nicht zur eigenen Volksgruppe (gens) gehörte, der war für die Zeitgenossen kein vollwertiger Christ. Da half letztlich auch keine Taufe…

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Literatur: Torsten Capelle, Die Wikinger. Kultur- und Kunstgeschichte. Darmstadt 1988. Martin Kaufhold, Europas Norden im Mittelalter. Die Integration Skandinaviens in das christliche Europa (9.–13. Jahrhundert). Darmstadt 2001. Peter H. Sawyer, Die Wikinger. Geschichte und Kultur eines Seefahrervolkes. Hamburg 2008. Peter H. Sawyer, The Oxford Illustrated History of the Vikings. Oxford 1997.

Prof. Dr. Martin Kaufhold

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