Von den Borgia zu Julius II. Das Papsttum am Scheideweg - wissenschaft.de
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Von den Borgia zu Julius II.

Das Papsttum am Scheideweg

1503 war ein Drei-Päpste-Jahr, ein Krisenpunkt der Papst- und Kirchengeschichte – und zugleich der Inbegriff der Renaissance, verstanden als Mischung von höchster Erhabenheit und abgründigster Ruchlosigkeit, hemmungslos entfalteter Individualität und sublimsten Künstlertums.

Erstes Glied der dramatischen Ereigniskette: am 18. August starb Alexander VI. Borgia, der legendenumwobenste aller Päpste. Keinem anderen Herrscher unterstellten schon Zeitgenossen derartig ungeheuerliche Missetaten: Kurtisanenballett im Vatikan, Inzest mit seiner Tochter Lucrezia, reihenweise Giftmorde an Kardinälen und den dazu passenden Plan, den gesamten Kirchenstaat in ein erbliches Familienfürstentum zugunsten seines Sohns Cesare umzuwandeln, der sich dem Vater in der Virtuosität des Verbrechens als mindestens ebenbürtig erwies. Demgegenüber fiel dem nächsten Papst, Pius III. Piccolomini, in diesem Szenario die undankbare Pausenfüllerrolle des gutwilligen, doch kraftlosen Greises zu, auf den dann mit Julius II. della Rovere der Titan schlechthin den päpstlichen Thron besetzte. Sein nicht minder mythenbefrachtetes Nachleben fällt zwiespältig aus. Hollywoodfähig wurde er vor allem als Mäzen Michelangelos, der in erbittertem Ringen mit seinem Auftraggeber die Menschheitsoffenbarung an die Decke der Sixtinischen Kapelle gemalt und die Mosesstatue gemeißelt hat, die seit jeher als grandios überhöhtes Abbild ihres Auftraggebers gilt. Nicht minder filmerprobt aber ist Julius’ Rolle als Heerführer, der an der Spitze seiner Truppen Städte des Kirchenstaats wie Bologna blutrünstigen Tyrannen wie den Bentivoglio entrissen hat – ritterlich, doch nicht eben dem Ideal asketischer Demut entsprechend. Mythen wuchern um einen harten historischen Kern. Einmal freigelegt, ist dieser ausstrahlungskräftiger als die ziemlich eintönig darum gesponnenen Phantasien.

Bemerkenswert an den drei Pontifikaten des Jahres 1503 ist zunächst einmal das Comeback dreier Familien auf den Papstthron. Denn sowohl die Borgia als auch die Piccolomini und die Della Rovere hatten bereits zuvor einen Papst gestellt. Kalixtus III. Borgia (1455–1458), Pius II. Piccolomini (1458–1464) und Sixtus IV. della Rovere (1471–1484) haben zu Lebzeiten gründlich für die Erhöhung ihrer Verwandten gewirkt: Alle drei Päpste des Jahres 1503 waren zuvor Kardinalnepoten, rechte Hände ihrer Onkel bei deren Herrschaftsausübung und zugleich Empfänger von hoch dotierten kirchlichen Ämter, Bistümern und sonstigen ertragreichen Pfründen gewesen. Zugleich erwarben sie für zumindest einen Neffen nicht-geistlichen Standes feudale Herrschaften und Titel inner- wie außerhalb des Kirchenstaats. Beginnend mit Sixtus IV. wurden sogar unabhängige Territorien erworben – und das hieß meist: erobert. Über die Zulässigkeit dieses päpstlichen Nepotismus und damit des immer beherrschender hervortretenden Bestrebens, die auf Zeit ausgeübte Macht des Papstamts in dauerhaften Familienstatus umzumünzen, entzündete sich von der Mitte des 15. Jahrhunderts an eine erregte Diskussion. Daß ein neu gewählter Papst der Pflicht zur Dankabstattung an sein förderndes Umfeld unterlag und auch auf ein Familienmitglied als Regierungsstütze angewiesen war, wurde einhellig akzeptiert. Konkret wäre das darauf hinausgelaufen, der Kernverwandtschaft, sofern sie solcher Unterstützung bedurfte, zu einem Lebensstil ohne materielle Sorgen, aber auch ohne ostentativen Überfluß zu verhelfen. Bezeichnenderweise aber hat sich nur ein einziger Pontifex maximus zwischen 1455 und 1676, Pius V. (1566–1572), an diesen ganz besonderen römischen „Sozialhilfesatz“ gehalten – und wurde nicht zuletzt auch deswegen heilig gesprochen.

Die anderen Päpste hingegen hegten entschieden weltlichere Ambitionen und heizten damit die Diskussion weiter an: Mußte bzw. durfte es wirklich ein halbes Dutzend Familienkardinäle und ein eigenes Fürstentum Imola wie unter Sixtus IV. sein – oder war das der irdischen Größe denn doch zu viel für die Familie des Mannes, dessen Reich wie das des Amtsbegründers Christus nicht von dieser Welt sein sollte?

Zudem vollzogen sich im Zeichen des immer stärker als Herrschaftsmaxime hervortretenden territorialen Nepotismus weitere Wandlungen, die unter strenger denkenden Intellektuellen Bestürzung auslösten: Der Kardinalnepot Rodrigo Borgia, der spätere Papst Alexander VI., zeugte mit wechselnden Mätressen unaufhörlich Kinder, die er als legitime Nachkommenschaft anerkannte und wenn möglich auf Kosten der Kirche versorgte. Verwaltungsämter an der Kurie wie Sekretärs- und Notarsstellen wurden en gros und en detail an die Meistbietenden verkauft, die Gebühren für die Verleihungen geistlicher Ämter, aber auch für simple Verwaltungsakte stetig erhöht, die Residenzen der Kirchenfürsten gestalteten sich immer fürstlicher und immer weniger kirchlich, die von diesen in Auftrag gegebenen Kunstwerke immer heidnischer. Lukrative Posten an der römischen Pfründenbörse wurden in stetig beschleunigtem Rhythmus vergeben, reserviert und getauscht, Feste im Vatikan immer rauschender gefeiert – und im Mittelpunkt all dieser Umtriebe standen die Nepoten.

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Bei Pius II. und seinen Verwandten entsprach diese Rolle ihrem alt hergebrachtem Selbstbewußtsein – die Piccolomini waren von vornehmstem sienesischem Adel. Die Familie Sixtus’ IV. aber entstammte ligurischem Kleinbürgertum; der spätere Fürst Girolamo Riario hatte seine Karriere als Gemüsehändler begonnen. Sein und seinesgleichen kometenhafter Aufstieg bedurfte, sollte ihm nicht der peinliche Geruch des Parvenütums anhaften, der Rechtfertigung: Die Papstverwandten verstanden sich selbst als vom Heiligen Geist kollektiv mit erwählt, überdies durch permanente uneigennützige Leistung im Dienst der Kirche bewährt. Azeptiert wurde diese Nepotenideologie, wie nicht zuletzt die „Wiederwahl“ eines Papstes aus derselben Familie beweist, von den Insidern der Kurie, speziell den Kardinälen – sie hofften auf ihre eigene Chance. Fromme Gemüter und kluge politische Beobachter aber konnte man damit nicht täuschen. Beginnend mit Pius II. und vollends mit Sixtus IV. nämlich richtete sich die Amtsführung der Päpste immer stärker an den Begehrlichkeiten der Nepoten aus. So zettelte etwa der erste Della-Rovere-Papst 1480 einen Krieg gegen das eben noch verbündete Königreich Neapel an, nach dem es niemanden anderen als den ehemaligen Grünkrämer Girolamo Riario gelüstete, und zwar an der Seite des päpstlichen Erbfeindes Venedig, das dafür das päpstliche Lehen Ferrara versprochen erhielt…

Prof. Dr. Volker Reinhardt

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