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Otto IV. aus dem Haus der Welfen

Das Scheitern eines Königs

Er war Graf von Poitou, seit 1198 bzw. unan‧gefochten seit 1208 römisch-deutscher König, seit 1209 Kaiser des Heiligen Römischen Reiches – und schließlich vollständig margina‧lisiert, Kaiser nur noch dem Titel nach.

Als der Stauferkaiser Heinrich VI. 1197 starb, war sein Sohn Friedrich Roger (der spätere Friedrich II.) erst drei Jahre alt. Zwar hatten ihn die Reichsfürsten ein Jahr zuvor zum König gewählt, doch befand der Knabe sich nicht in Deutschland, sondern bei seiner Mutter Konstanze in Italien. Eine Gruppe von Fürsten um Erzbischof Adolf von Köln machte sich für einen König stark, der nicht aus dem Geschlecht der Staufer stammen sollte, während auf staufischer Seite Herzog Philipp von Schwaben, der Bruder Heinrichs VI., erst die Regentschaft für seinen Neffen übernehmen wollte, sich dann aber selbst zur Wahl stellte. So wählten 1198 zwei unterschiedliche Fürstengruppierungen zwei deutsche Könige: im März Philipp von Schwaben und im Juni Otto, den Sohn Heinrichs des Löwen.

Für den Welfen hatte man sich nicht entschieden, weil man von seinen politischen Fähigkeiten überzeugt war, sondern aus Mangel an geeigneten Alternativen. Die Kandidatur der Herzöge von Sachsen und Schwaben oder von Ottos älterem Bruder, des Pfalzgrafen bei Rhein, war zunächst aussichtsreicher erschienen, doch wollten diese nicht oder befanden sich noch auf der Rückreise vom Kreuzzug ins Heilige Land. So griff man den Vorschlag des englischen Königs Richard Löwenherz auf und verständigte sich auf Otto. Im Juli krönte ihn der Erzbischof von Köln mit einer neu angefertigten Krone in Aachen zum König. Knapp zwei Monate später ließ sich Philipp in Mainz krönen (siehe DAMALS 6–2008). Somit gab es in Deutschland zwei Könige, die beide mit gewisser Berechtigung auf die Legitimität ihrer Krönung pochen konnten, denn ein festes Verfahren der Königswahl existierte noch nicht. Philipp verfügte über die Reichsinsignien und die größere Wählerschaft, Otto war am traditionellen Krönungsort erhoben worden und machte geltend, die bedeutenderen Wähler auf seiner Seite zu haben.

Die Herrschaft über das Reich war für Otto nicht vorauszusehen gewesen. Zwar kursierte später eine Anekdote, derzufolge seiner Mutter früh geweissagt worden sei, dass einer ihrer Söhne Kaiser werden würde. Aber diese Erzählung wurde erst nach dem Tod Ottos aufgeschrieben. Zunächst deutete sich ein anderer Lebensverlauf an. Otto war der dritte von vier überlebenden Söhnen des zeitweise mächtigsten Reichsfürsten, der über die Herzogtümer Bayern und Sachsen gebot: Heinrichs des Löwen. Sein Urgroßvater war Kaiser Lothar III., sein Großvater mütterlicherseits König Heinrich II. von England. Die Welfen konnten ihre Herkunft bis in die Karolingerzeit zurückverfolgen und waren über ihre Ahnin Judith, die Gemahlin Ludwigs des Frommen, mit Karl dem Großen verwandt. Stellung und Herkunft machten sie zu einer der bedeutendsten Familien im Reich.

Als Mitglied dieser Familie wurde Otto wohl 1175 oder 1176 in Braunschweig geboren, das zu dieser Zeit immer mehr den Charakter einer Residenz annahm. Er hätte in späteren Jahren die Nachfolge seines Vaters als Herzog in Bayern antreten können, wäre dieser nicht nach seinem berühmten Zerwürfnis mit Kaiser Friedrich Barbarossa und dem sich anschließenden Prozess aller seiner Reichslehen verlustig gegangen und verbannt worden. 1182 ging er an den Hof seines Schwiegervaters in England; so kehrte Otto Deutschland im Kindesalter den Rücken.

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Die folgenden 16 Jahre verbrachte er am englischen Königshof und in den französischen Teilen des anglo-normannischen Reichs. Nach dem Tod Heinrichs II. bemühte sich dessen Sohn und Nachfolger Richard Löwenherz sehr darum, seinem Neffen Otto eine angemessene Position in seinem Reich zu verschaffen. Nach mehreren gescheiterten Plänen belehnte er ihn 1196 mit der Grafschaft Poitou, womit auch der Titel eines Herzogs von Aquitanien verbunden war. Die herausgehobene Position zeigt die Hochschätzung, die sein Onkel Otto entgegenbrachte.

Durch Wahl und Königskrönung geriet Otto nun in ein ihm weitgehend unbekanntes politisches Umfeld, in dem er sehr viel mehr Gegner als Anhänger hatte. Seine Situation wurde keineswegs leichter durch den Umstand, dass er von denen, die ihn unterstützten (vor allem der englische König und die am Handel mit England interessierten Kölner Bürger), finanziell und militärisch in starkem Maß abhängig war.

Das Verhältnis Ottos zu Papst Innozenz III. gestaltete sich von Anfang an problematisch. Für den Papst war der deutsche Thronstreit vor allem deswegen wichtig, weil es bei der Frage nach dem „richtigen“ König auch um den Kandidaten für das römische Kaisertum ging. Es kam Innozenz vor allem darauf an, dass ein von ihm unterstützter Kandidat die päpstliche „Rekuperationspolitik“, die Wiederherstellung und den Ausbau eines unter päpstlicher Hoheit stehenden Kirchenstaats in Mittelitalien, akzeptierte. Dies erhoffte er eher von Otto, der tatsächlich am 8. Juni 1201 in Neuss schwor, die päpstlichen Rekuperationen zu akzeptieren und zudem den Erhalt des Königreichs Sizilien zu garantieren (Sizilien und Süditalien waren seit 1194 durch Erbfall staufisch; während der Minderjährigkeit Friedrichs II. und bis zu dessen 14. Geburtstag 1208 war Papst Innozenz III. sein Vormund)…

Otto IV. – Traum vom welfischen Kaisertum Niedersächsische Landesausstellung (Braunschweig)

8. August – 8. November 2009

Der 800. Jahrestag der Kaiserkrönung Ottos IV. ist für das Braunschweigische Landesmuseum Anlass, den einzigen Welfen auf dem Kaiserthron mit einer großen Landesausstellung zu würdigen. Auf über 1000 Quadratmetern Ausstellungsfläche rund um den Braunschweiger Burgplatz werden an teilweise authentischen Orten mehr als 200 Exponate aus europäischen Museen, Bibliotheken und Sammlungen den Kaiser und die Zeit des hohen Mittelalters umfassend vorstellen. Gezeigt wird ein selbstbewusster mittelalterlicher Herrscher, dessen Leben von überraschenden Wendungen gekennzeichnet war und der unbeirrbar an seinen Zielen festhielt. Die Ausstellung will dabei nicht kritiklos die Person Kaiser Ottos IV. feiern und in ihrer Bedeutung überhöhen, sondern versucht eine historisch-kritische Würdigung des Welfen mit seiner bewegten Lebens- und Wirkungsgeschichte.

Zu den herausragenden Exponaten der Ausstellung gehört der Ptolemäer-Kameo aus dem Kunsthistorischen Museum in Wien. Dieser kunstvoll gearbeitete elfschichtige indische Sardonyx aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. wurde 1574 vom Kölner Dreikönigenschrein gestohlen. Er gehörte zu den wertvollen Edelsteinen, die Otto IV. neben dem erforderlichen Gold für die Herstellung der Stirnseite des Schreins gestiftet hat. Als selbstbewusster Stifter hat er sich dafür als vierter König der Reihe der Heiligen Drei Könige angeschlossen.

Weitere Höhepunkte der Ausstellung sind das Testament und der Kaisermantel Ottos IV. Der Mantel aus der Zeit um 1200 gehört aufgrund der verwendeten kostbaren Materialien – Goldstickerei auf Purpurseide – und der künstlerischen Verarbeitung zu den hochrangigen Beispielen der Textilkunst des beginnenden 13. Jahrhunderts. Die auf dem Mantel dargestellten Leoparden verweisen auf die enge Bindung Ottos zum englischen Königshof, an dem er seine Jugend verbracht hatte. Hochwertige Objekte der Hofkultur sowie der Reliquienkunst geben Einblicke in das weltliche und religiöse Umfeld des Kaisers. Zahlreiche illustrierte Handschriften, Chroniken und Urkunden runden das Bild dieses Kaisers ab.

Zur Ausstellung wird ein umfangreiches Begleitprogramm angeboten.

Ein umfangreicher, reichbebilderter Katalog erscheint im Imhof Verlag

http://www.ottoIV.de

Prof. Dr. Thomas Scharff

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