Die Schlacht von Adrianopel Das Verderben der römischen Welt - wissenschaft.de
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Die Schlacht von Adrianopel

Das Verderben der römischen Welt

Den Anfang vom Ende des Römischen Reichs sah der Geschichtsschreiber Ammianus Marcellinus in der Schlacht von Adrianopel. Am 9. August 378 war Kaiser Valens im Kampf gegen die Goten gefallen – und mit ihm Tausende von römischen Soldaten.

Riesige Menschenströme überquerten den breiten Grenzstrom. Durch Krieg und Bürgerkrieg von ihren Wohnstätten vertrieben, wurden die andringenden Menschenmassen über den Strom geschleust, in Auffanglager geleitet und in einer großangelegten, doch improvisierten humanitären Hilfsaktion fürs Erste versorgt. Doch die Aufnahme der Flüchtlinge lief aus dem Ruder. Aus den hungrigen Habenichtsen von jenseits der Grenze erwuchs bald ein Volk auf der Suche nach Land und ein Heer, das der besten Armee der westlichen Welt, der römischen, zwei Jahre später, am 9. August 378, eine vernichtende Niederlage beibringen sollte.

Drei Jahre zuvor hatte irgendwo in der Steppe nördlich des Schwarzen Meeres die „Völkerwanderung“ begonnen, so will es das Lehrbuch. Ihre wesentliche Spielstätte fanden die Ereignisse aber ein Jahr später an der unteren Donau, am Grenzfluss zwischen der zivilisierten Welt des Römischen Reichs und dem Gebiet der „Barbaren“. Jene, die sich von Herbst 376 bis zum Hochsommer 378 von Hilfesuchenden zu Siegern über das römische Ostheer wandelten, waren die Goten. Mitnichten gehörten diese Menschen jedoch zu einem einheitlichen Volk, wie dies im germanentümelnden späten 19. Jahrhundert gern dargestellt wurde. Der gotische Einbruch war gewissermaßen der letzte Stein einer komplexen ethnischen Verschiebung. Ausgelöst wurde diese durch das Erscheinen der Hunnen, die bis 375 in die ukrainische Tiefebene eingedrungen waren und dort das Reich des gotischen Volks der Greuthungen zerstörten. Dann bedrohten sie die westlich davon lebenden terwingischen Goten, so dass diese an die Donau gedrängt wurden. Dadurch wurde die ganze Donaugrenze vom Schwarzen Meer bis zum Alpenraum in Bewegung gebracht.

Das alles lag weit außerhalb des Römischen Reichs. Freilich waren Einfälle der nördlichen Barbaren ins Reich seit dem 2. Jahrhundert nichts Neues, genauso wenig wie deren Befriedung und Ansiedlung im Reichsgebiet. Doch mit der Schlacht von Adrianopel wurde vieles anders. So berichtet es zumindest unser (fast) einziger Zeuge: Ammianus Marcellinus, Schriftsteller und Offizier im Ruhestand. In den Ereignissen von Adrianopel sah er das „Verderben der römischen Welt“. Gerne folgten spätere Historiker der Lesart, in dieser Schlacht den Anfang vom Ende des Imperiums zu sehen.

Adrianopel (das heutige Edirne im europäischen Teil der Türkei) liegt am Übergang des Hebros (heute Maritza, Evros oder Meriç) an der einstigen großen Heerstraße von Konstantinopel nach Norditalien. Daher war diese Stadt von hoher strategischer Bedeutung für die Landverbindung der beiden römischen Reichsteile, die von Kaiser Valens (364–378) und seinem von Trier aus regierenden Neffen Gratian (367–383) regiert wurden. Die Schlacht selbst fand wohl beim heutigen Dorf Muratçall, rund 15 Kilometer nördlich von Adrianopel, statt. Die Residenz des Valens, die Metropole Konstantinopel, galt infolge der natürlichen Lage und der Befestigung seit Konstantin als uneinnehmbar. Die westlich vor Konstantinopel liegende Landschaft im Südosten Thrakiens war die geopolitische Wespentaille des Reichs.

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Oft wurde die Spätantike als römische Verfallszeit angesehen. Und in der Tat: Das Reich hatte ein Sicherheits- und ein Immigrationsproblem; jedoch kein unlösbares: Beide Aspekte ließen sich durchaus so miteinander verbinden, dass eine für alle akzeptable Lösung gefunden wurde. Dies verweist auf längerfristige Strukturen, ohne die die Schlacht von Adrianopel nicht verständlich wird. Zwar hatte das Reich schon lange die In‧itiative in der Kriegführung verloren und beschränkte sich auf die Wahrung des erreichten Besitzstands westlich des Rheins und südlich der Donau. Aber die römischen Heere waren und blieben den Barbaren überlegen, und diese wurden, wenn sie nicht vernichtet oder zurückgeschlagen wurden, im Reich angesiedelt, und zwar zu den Bedingungen der Römer. Diese Maßnahmen bezweckten zum einen die Be‧hebung des notorischen Mangels an Arbeitskräften in den verwüsteten Gebieten, zum anderen dienten die neuen Siedler als Wehrbauern.

Aus der äußeren und inneren Bedrohung des Reichs hatte sich eine Dezentralisierung ergeben, die etwa im Mehrkaisertum ihren Ausdruck fand. Die spätere Reichsteilung von 395 führte diese Praxis lediglich fort. Auch das Heerwesen hatte sich verändert. Die Armee teilte sich nun in ein Feld- und ein Grenzheer. Erste‧res war das „Bewegungsheer“, das im Rahmen der strategischen Defensive tiefgestaffelte, mobile Kavallerieverbände umfasste. Der Kern dieser Truppenkörper bestand aus Hilfstruppen barbarischer Herkunft. Diese „Barbarisierung“ bezog sich auch auf hohe und allerhöchste Stellungen im Heer, doch umfasste das eine breite Palette: von Kontingenten barbarischer Klientelreiche bis hin zu Soldaten barbarischer Herkunft in den regulären Verbänden. Um 376 dienten auch zahlreiche Goten im römischen Heer. Bei Adrianopel waren die Bataver (aus den heutigen Niederlanden) der letzte Schutz des Kaisers…

Literatur: Ammianus Marcellinus, Römische Geschichte. Lateinisch und Deutsch und mit einem Kommentar versehen von Wolfgang Seyfarth. Hrsg. von der Sektion für Altertumswissenschaft bei der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Berlin 1968.

Alessandro Barbero, 9 agosto 378. Il giorno dei barbari, Rom. Bari 2005.

Alexander Demandt, Die Spätantike. München 1989.

Herwig Wolfram, Die Goten. München 1990.

Das Königreich der Vandalen. Erben des Imperiums in Nordafrika Badisches Landesmuseum Karlsruhe

24. Oktober 2009 – 21. Februar 2010

Auch die Vandalen sind eine Gruppe germanischer Völker, die – ausgelöst durch das Vordringen der Hunnen – selbst große Wanderungen unternommen haben.

Von Europa zogen sie bis in den Norden Afrikas, wo sie ein eigenes Königreich errichteten. Anhand spektakulärer Exponate zeigt das Badische Landesmuseum ein neues Bild dieses Königreichs: Die Vandalen lebten in einem gut organisierten Staat und pflegten römische Lebensart. Rund 300 hochkarätige Objekte, darunter kostbarer Schmuck, Mosaike und großformatige Bildwerke aus renommierten europäischen und nordafrikanischen Museen, geben Zeugnis von der Kultur und Geschichte Nordafrikas zur Zeit der Vandalenherrschaft. Inszenierungen, unter anderem eines frühchristlichen Baptisteriums mit der originalgetreuen Rekonstruktion eines Taufbeckens, Modelle von spätantiken Basiliken sowie audiovisuelle Elemente erwecken zusammen mit einem umfangreichen Begleitprogramm die Welt des Vandalenreichs zum Leben.

http://www.landesmuseum.de

Den Vandalen ist auch das Titelthema des Septemberhefts von DAMALS gewidmet.

Dr. Martin Rink

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